Selig im Jazzhaus: Textsicher bei 'Ohne Dich'

Alexander Ochs

"Zurück auf großen Bühnen" lautet der Titel der Tour, in deren Rahmen Selig am Dienstagabend im Jazzhaus aufgetreten sind. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn bei der letzten Tour haben sie dort auch schon gespielt. Doch für die Band mit ihrer zerrissenen Geschichte ist es immer noch so etwas wie ein Zurückkommen, ein Comeback, eine Heimkehr. Alex war für fudder dabei.



Mitte der 90er Jahre räumen die fünf damals Mittzwanziger beim zu dem Zeitpunkt stilbildenden Musikprogramm von MTV und Viva groß ab mit ihrem Grunge-getränkten Deutschrock, ihrem schrillen Post-Hippie-Look und ihrer wilden Voodoo-Bemalung. „Selig sind in den 90ern die deutsche Band schlechthin“, konstatiert die Musikpresse. Bekifft vom großen Erfolg, zerstreiten sich die Musiker nach drei Alben heillos und nach nur fünf Jahren ist die Band 1998 bereits Geschichte.

Jahre später raufen sich die einstigen Streithähne wieder zusammen, spielen ein Album ein und gehen wieder auf Tour. Es ist nicht der riesige Charterfolg, eher ein stiller Triumphzug über die kleinen bis mittleren Bühnen der Republik. Man mag es kaum glauben: In kumpelhafter Harmonie steht Jan Plewka, der Sänger mit der kratzigen Reibeisenstimme, zwischen seinen vier Mit-Streitern von damals im Jazzhaus, animiert immer wieder zum Mitklatschen und allesamt wirken sie sichtlich geerdet und entspannt. Selig, vor 20 Jahren gegründet, haben in Phase zwei ihrer Bandhistorie nun auch schon drei Alben und fast fünf Jahre auf dem Buckel – genau wie in Phase eins.

Vom frisch veröffentlichten „Magma“ stammt denn auch der Großteil der Songs. Der Opener „Ich lüge nie“ läutet den Reigen ein, der das Frühwerk kratzt, so gut wie alle sechs Studioalben der Combo umfasst und es am Ende des Tages auf knapp zwei Dutzend Lieder und zwei Stunden Spielfreude bringt. Herausragend ist der an Hendrix und Led Zeppelin geschulte Gitarrensound des souveränen, dynamischen und zugleich tiefenentspannten Christian Neander, der seine Soli mit kreisender Mähne unters jubelnde Volk bringt. Frenetisch gefeiert werden natürlich die alten Hits, allen voran die Wahnsinns-Hymne „Ohne Dich“ vom Debütalbum, die aus über 500 Kehlen in perfekter Textkenntnis durch den Gewölbekeller wabert wie ein einziger, riesiger, glückselig machender Joint. Doch auch über die bewegte Drogenvergangenheit der Band ist längst Gras gewachsen.

Nur zwischendurch nimmt das Quintett mal für zwei Nummern den Fuß vom Gas, bringt das balladeske „Der Tag wird kommen“ und den elegischen Song „Zeit“. Und ruhig rotiert die Discokugel und tupft sachte Lichtreflexe an die Decke. In den Texten, allein schon den Titeln, finden sich viele selbstironische Bezüge zur Band, seien es „Love & Peace“ oder „Die alte Zeit zurück“. Auch wenn nach der Hälfte des Konzerts versehentlich der Mikrofonständer zerlegt, die Setlist zertrampelt ist: Fünf gereifte ‚Selige’ gießen ihr Magma im roten Dämmerlicht aus, als hätte es nie aufgehört zu fließen. Und mit der siebten Zugabe „Regenbogenleicht“ hat das rockige Pathos erstmal Pause. Bis zur nächsten großen Bühne.

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