Selig-Drummer Stoppel: "Bei einem Konzert brauche ich Beats"

Alexander Ochs

Am Dienstag treten Selig im Jazzhaus auf. Über das neue Album "Magma", blindes Verständnis und mögliche taube Konzertbesucher hat sich fudder-Autor Alex Ochs mit Schlagzeuger Stephan ‚Stoppel‘ Eggert, 45, unterhalten. Und: Ist es nicht nervig, immer "Ohne Dich" spielen zu müssen?



Stoppel, wie würdest du eure Musik einem gehörlosen Menschen beschreiben?

Stoppel: Der von Geburt an gehörlos war? Oder der noch Led Zeppelin und AC/DC kennt ...

Taub, aber er könnte ja etwas darüber gelesen haben.

Schwer, schwer, schwer. Wie kann man Musik in Worte fassen? – Ich würde ihn einfach mal in ein Konzert bitten, denn ich glaube, über die Vibrationen und die Bühnenperformance und den wippenden Boden würde da hoffentlich auch was ankommen.

Habt ihr besondere Erinnerungen an Freiburg, eure Gigs hier?

Wir freuen uns schon auf unseren Gig in Freiburg. Ich persönlich habe extrem viel in Freiburg gespielt. Wir waren sehr oft dort, letztes Mal im Jazzhaus. Das war eines der besten Konzerte auf der letzten Tour, fand ich. Einfach weil es ein kleinerer Laden ist und dadurch ein bisschen intimer als in den anderen Städten. Außerdem war es ziemlich voll. Ich hatte das Gefühl, es gab eine sehr gute Stimmung zwischen Publikum und Band.

Ihr habt jetzt 20-jähriges Bandjubiläum, wobei ihr fast zehn Jahre weg vom Fenster wart: Ihr hattet euch Ende der 90er Jahre aufgelöst und seid erst seit 2008 wieder zusammen. Wie fühlt sich das an – alt oder frisch?

Eher frisch als alt. 20 Jahre sind echt eine lange Zeit. Wenn man so mit Leuten redet, die jetzt 20 sind, kann man es selbst kaum fassen, dass man schon als Jugendlichen-Band unterwegs war, als die geboren wurden … Durch die zehn Jahre Pause fühlt es sich noch immer ziemlich frisch an – und nicht wie: 20 Jahre auf der Straße, jeden Tag zusammenhängen, total abgehalftert. Die Pause hat wirklich ihr Gutes gehabt.

Ihr wirkt sehr gut eingespielt, das hat man auch bei eurem letzten Auftritt hier gemerkt. Man hat den Eindruck, die Chemie stimmt zwischen euch. Ist das so?

Musikalisch hat die Chemie auch in den 90ern gestimmt. Wir haben von Anfang an gut zusammengepasst. Dann gab’s diese persönlichen Querelen. Musikalisch verstehen wir uns alle immer noch blind. Und was das Persönliche angeht, ist es viel besser als in ‚Selig, Phase I‘. Da waren wir nicht richtig konfliktfähig und egoistischer, egomanischer. Heute kann jeder mit den Macken der anderen klarkommen. Die Band steht jetzt auf viel besseren Füßen als damals.

Wie sind die Songs zu eurem neuen Album Magma entstanden, das Anfang Februar herausgekommen ist?

Eigentlich auf dem üblichen Weg, so wie die letzten beiden Platten auch. Zum Teil gab es ein paar Demos, die der ein oder andere mit in den Übungsraum gebracht hat, zum Teil haben wir einfach losgelegt und gejammt. Es gab zuerst einmal weniger Texte als Musik. Jan lässt sich dann durch die Musik inspirieren. Wir haben viel über Musik und Inhalte gesprochen: Welche Themen sind uns persönlich wichtig? Was prägt unsere Zeit? Und wir haben sehr, sehr viel gedaddelt. Alle haben ihre iPhones und iPads irgendwo hingelegt und mitgeschnitten, dann hat jeder seine Aufnahmen abends herumgeschickt.

So haben wir diesmal einen unglaublich großen Pool gehabt an ‚Sachen’, sowohl Ideen als auch fertigen Songs. Wir hatten insgesamt 42 Songs! Die Auswahl fiel uns schwer, zumal jeder seine Lieblinge darunter hatte. Der Produzent hat uns noch seine Einschätzung dazu gegeben, sodass wir am Ende im Studio in England knapp 20 Songs aufgenommen haben. Daraus mussten wir dann noch mal eine Auswahl treffen. Mal gucken, was wir mit den anderen Songs machen, die erstmal rausgeflogen sind. Ich bin sehr glücklich, dass wir diese Aufnahmen haben, und die Songs werden sicherlich mit der Zeit nicht schlechter...



Ihr habt ja nach sechs Alben einen umfangreichen Fundus an Stücken. Wie ist das live: Ist es nervig, wenn die Leute auf euren Konzerten vehement die alten Hits fordern?

Nö, das ist völlig verständlich. Geht mir ja auch so bei einem Konzert. Bei meinen Lieblingsbands möchte ich auch die Singles oder Hits hören. Oasis spielen Wonderwall immer als letztes Stück – vom Band. Das ist eine Kompromisslösung. Aber wir spielen die alten Stücke gerne.

Mit sechs Platten war es ganz schön schwer, eine Mischung zu finden aus Stücken, die wir unbedingt spielen sollten, und aus Songs, die wir unbedingt spielen möchten; was von den neuen, was von den alten Alben. Deshalb haben wir über Facebook mal gefragt, was die Leute gerne live hören möchten. Das ist in unsere Setlist mit eingeflossen. Jetzt haben wir das Gefühl, das wird ganz gut. Aber das werden wir erst nach dem ersten Konzert der Tour in Wien erfahren.

Welche Musik hörst du gerne?

Ich höre ganz gerne Musik, zu der ich tanzen kann. Ich gehe gern auf ein Hiphop-Konzert, ich gucke mir gern Rockbands an. Nicht so meine Welt sind Singer/Songwriter-Sachen. Ich brauche Beats, um mich wohlzufühlen bei einem Konzert. Ich würde mir nie ein Bob-Dylan-Konzert anschauen, das finde ich einfach zu langweilig. Das Letzte, was ich live gesehen habe, waren die Deftones in Berlin. Aber da war auch nicht viel mit Rumspringen, war auch nicht so meine Welt.

Selig - Alles auf einmal (Official Video)



Quelle: YouTube


Selig

Stefan ‚Stoppel‘ Eggert, Jahrgang 1967, gründet 1993 zusammen mit Jan Plewka (Gesang), Christian Neander (Gitarre), Lenard ‚Leo‘ Schmidthals (Bass) und Malte Neumann (Keyboard) die Rockband Selig. Nach Auflösung der Band 1998 widmet er sich der elektronischen Musik und betätigt sich als Produzent und Remixer, unter anderem für Such A Surge, Cultured Pearls, Phillip Boa, Smudo, Alphaville und Echt. Seit 2002 drummt er auch im James Last Orchester.

Mit Jan Plewka zusammen spielt er in den Nuller Jahren in den Bands TempEau und Zinoba. 2008 dann die faustdicke Überraschung: Selig feiern Band-Reunion. Für ihr Album „Und Endlich Unendlich“ (2009) erhalten sie Gold. Auch die beiden nächsten Alben „ Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (2010) und „Magma“ (2013) landen auf Anhieb in den Top Ten.

Verlosung

fudder verlost zweimal je zwei Tickets für das Selig-Konzert im Jazzhaus am Dienstag, 19. März 2013. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen, seiner Adresse und dem Betreff  'Ohne Dich' an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Montag, 18. März 2013, 10 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt.

Mehr dazu:

Was: Selig
Wann: Dienstag, 19. März 2013, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus
Tickets: 29,45 Euro (zuzüglich Vorverkaufsgebühr)