Selfiewahn und Likegeilheit: Wieso wir uns in sozialen Medien inszenieren

Marissa Müller

Elefanten-Selfie aus Thailand und Smoothie Bowls zum Frühstück: Die sozialen Medien präsentieren uns eine meist perfekte Welt. Wieso gibt es diese Welt überhaupt, was ziehen wir daraus? Ein Interview mit der Freiburger Professorin Robin Curtis.

Frau Curtis, wieso inszenieren wir uns selbst?

Robin Curtis: Menschen sind soziale Wesen, wir sind abhängig von der Unterstützung anderer Menschen. Man weiß zum Beispiel aus aktuellen Studien, dass je mehr Freunde und Bekannte man hat, desto gesünder ist man, vor allem im Alter. Wir fühlen uns aufgehoben durch unsere Umgebung.

Können soziale Netzwerke das wirklich leisten?

Ich würde nicht unbedingt einen Unterschied machen zwischen der digitalen und der analogen Welt. Mir zum Beispiel ist Facebook total wichtig, weil ich in Kanada groß geworden bin und in Kanada und Deutschland studiert habe. Das heißt, ich habe ein Riesennetzwerk an Freunden, die leider nicht alle hier bei mir in Freiburg sind. Das ist auch eine Art von Kontakt und eine Bestätigung der eigenen Geschichte.

Haben wir uns schon immer selbst inszeniert?

Man hat sich schon immer produziert, aber in der Geschichte drückt sich das unterschiedlich aus. Ich denke da zum Beispiel an meine Tante. Sie hat einen Riesenberg an Fotografien hinterlassen. Sie hat sich in Fotostudios fotografieren lassen, hat immer sehr auf ihre Kleidung geachtet, war immer perfekt gestylt und das hat sie auch in Fotos zur Schau gestellt. Das war eine Form von Selbstinszenierung.

Auf Social Media Plattformen hat man die Möglichkeit die Bilder zu bearbeiten oder Filter darüberzulegen. Was ist da noch Realität?

Warum sollten wir die Fotos auf Social Media nicht als ästhetische Beiträge zum Leben sehen? Man hat zum Beispiel auch nie gesagt: "Also dieser Rembrandt, das ist gar nicht echt! Warum malt er überhaupt?". Die Malerei ist dazu da, um ästhetische Erfahrungen zu liefern und das ist eben nicht Alltagskram. Bei Instagram ist das ähnlich. Die Gestaltung der Bilder ist Teil vom Spaß.

Aber zeigt die Inszenierung jemals unser wahres Ich?

Man hat wahrscheinlich schon immer ein Lieblingsbild von sich gehabt. Das heißt, es gibt von jeder Person ein Foto, bei dem sie sich denkt "Das ist ein schönes Foto von mir". Aber das ist ein total willkürlicher Moment. War der Moment auf dem Foto ein echter Moment? Ist dieses Foto das Lieblingsfoto, weil man meint, dass man darauf genauso aussieht, wie man aussieht? Nein, wahrscheinlich nicht. Es ist eher ein vorteilhaftes Bild. Das Verhältnis zum Foto ist schon immer kurios. Was dabei wirklich oder falsch ist, was real oder verfälscht, ist eine komplizierte Frage. Nicht erst seit es Social Media gibt.

Auf den Social Media Kanälen finden sich Unmengen an perfekten Selfies, Urlaubsbildern und akribisch inszeniertem Frühstück. Haben wir in der heutigen Zeit den Drang uns besonders gut präsentieren zu müssen?

Ja, das würde ich nicht außer Acht lassen. Insbesondere Frauen haben schon immer einen gewissen Drang verspürt, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Beziehungsweise sie fühlen sich beobachtet. Es gibt kein Ort auf der Welt, wo Frau sich nicht beobachtet fühlt. Gibt’s nicht. Punkt.

Eine Frau geht aus dem Haus und muss überlegen, ob sie sicher ist und inwiefern sie irgendwelche Fehler macht – vermeintliche Fehler – die diese Sicherheit angreifen. Das ist etwas, was man als Frau immer im Kopf hat. Das kann man leider nicht wegradieren und die #metoo-Debatte hat das verstärkt zur Schau gestellt. Für Frauen gibt es schon lange den Drang, sich gut zu präsentieren.

Nichtsdestotrotz kam mit Social Media ein neuer Zwang und ich würde sagen, vor allem junge Menschen, die noch stark in Bewegung sind, also zum Beispiel in der Schulzeit und im Studium, sind zurzeit sehr stark durch Social Media geprägt. Auch weil die Vernetzung darüber stattfindet. Ohne digitale Präsenz wäre es wahrscheinlich wesentlich schwieriger Kontakt mit Altersgenossen aufrechtzuerhalten.

War das früher anders?

Ich denke, die Frage des perfekten Lebens müsste man nicht nur "online" stellen, sondern auch in der Umgebung auf der Welt. Man kann zum Beispiel neue Verhaltensweisen beobachten. Viele fotografieren auf einmal ihr Essen. Hätte man vor nur 15 Jahren in einem Restaurant sein Essen mit einem analogen Fotoapparat fotografiert, wäre das schon sehr auffällig gewesen. Es gibt durch die Anwesenheit von Smartphones eine Veränderung im Verhalten. Wir fühlen uns verpflichtet unseren Alltag zu dokumentieren.



Die gegenteilige Erfahrung haben wir komischerweise in den 80er Jahren in Berlin gemacht, wo es einfach das Allerletzte gewesen wäre, wenn jemand ein Foto gemacht hätte. Das wäre sowas von peinlich gewesen, ein Foto in einer Bar, einem Club, bei Freunden, beim Picknick oder egal wo zu machen. Das "Jetzt alle lächeln" war ein superspießiger Gestus. Deshalb gibt es auch kaum Dokumente aus der Zeit.

Das hat sich heute aber ziemlich geändert.

Genau. Das ist schon eine konkrete Veränderung. Das war nicht immer und überall so. Es gab aber auch andere Zeitpunkte in der Geschichte, in denen man genau so sehr die Verpflichtung hatte, Glück darzustellen – alle sitzen am Tisch, haben zu essen und lächeln in die Kamera.

Das Perfekte gab es also schon in anderen Kontexten. Heute kommen aber noch andere Faktoren hinzu. Selfies sind immer und überall möglich. Und wenn man selbst das Foto macht ist, ist es noch mal etwas anderes. Das ist eine Intervention im eigenen Leben, eine Selbstkontrolle, die es früher auf diese Weise nicht gegeben hat.

Sie haben gesagt, dass besonders Frauen schon immer den Drang hatten, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Stellen sich Männer also anders dar?

Es ist nicht so, dass Männer sich nicht inszenieren und präsentieren würden oder sich Gedanken dazu machen, wie sie aussehen oder wahrgenommen werden. Das machen sie sicher auch. Es ist nur so, dass sie weniger Gefahren oder anderen Gefahren als Frauen ausgesetzt sind. Aber auch Männer werden kritischer mit sich selbst. Ich denke, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten der Druck erhöht hat. Nichtsdestotrotz würde ich sagen, dass Männer sich etwas unreflektierter präsentieren, als Frauen das tun. Frauen geben sich weitaus mehr Mühe.

Welche Auswirkungen hat dieser Druck sich zu präsentieren auf uns?

Allgemein ist das Verhältnis zum Körper heute kritischer geworden. Das kann man beispielsweise an Dienstleistungen beobachten, die heute üblicher sind, als sie es früher waren. Heute gibt es Fitnessstudios, vor 50 Jahren gab es sie eher nicht. Man hatte damals ein unkritischeres Verhältnis zum Körper. Das soll aber nicht bedeuten, dass die Leute damals schlechter ausgesehen haben. Das bleibt in etwa gleich, die Leute werden sogar statistisch gesehen eher dicker. Das ist einfach eine Verschiebung in der Wahrnehmung.

Was wirklich kritisch zu sehen ist, sind die Fotos, die wir mit Social Media einfach so in die Welt stellen. Das Internet hat ein langes Gedächtnis. Das war früher nicht der Fall. Die Familienbilder konnte man selbst editieren. Man konnte den ungeliebten Freund aus dem Familienalbum entfernen, wenn man wollte und kein anderer konnte etwas dagegen machen. Aber das, was online gestellt wird, ist einfach für immer und ewig da.

Man teilt die Fotos dann auch mit Personen, die man vielleicht nur flüchtig oder gar nicht kennt. Was bringt uns das überhaupt? Fühlen wir uns dadurch besser?

Das ist so etwas wie eine Ausdrucksform, bei der wir uns alle beteiligen. Man hat Spaß daran, sich mitzuteilen. Und vor allem haben wir auch Spaß an Gestaltung. Menschen sind so. Ich denke, wir beteiligen uns auf diese Weise an Diskussionen und an geteilten Geschmacksfragen. Wir definieren uns darüber, was wir gut und schön finden und empfinden uns dann als Teil einer Gemeinschaft.

Man hofft auch, dass die Fotos in der Gruppe geteilt werden. Man hofft, dass Freunde und Bekannte sie liken. Ich finde Likes überhaupt eine total kuriose Sache. Man liked eine total willkürliche Reihenfolge von Sachen. Alles Mögliche – von "Heute kein Regen" – Like, bis hin zu "Salat" – Like. Das ist ein supermerkwürdiges Bild vom Bewusstsein. Wir funktionieren auf eine kuriose Weise so, dass es für uns gewinnbringend ist.

Was ist denn an einem Like gewinnbringend für uns?

Ein Like ist eine Äußerung nach außen, die sowas wie eine Teilnahme an einer Umfrage ist. Ich bin natürlich Wissenschaftlerin und deshalb geneigt mich zu äußern, aber es macht auch einfach Spaß an einer Umfrage teilzunehmen, wenn man eine starke Meinung zu einem Thema hat. Das ist in vielerlei Hinsicht sicher totale Zeitverschwendung. Aber wenn man zum Beispiel an einer Umfrage wie "Die Bahn möchte wissen …" mitmacht, dann ist man mit Leidenschaft beteiligt. Und ist ein Like nicht ähnlich? Man möchte einfach als Teil von der Gesamtbevölkerung wahrgenommen werden.
Zur Person

Prof. Dr. Robin Curtis hat in Toronto Cinema Studies und German Languages and Literature studiert. Daraufhin absolvierte sie ein Studium zu Theaterwissenschaft und Nordamerikastudien in Berlin. 2003 promovierte sie an der Freien Universität Berlin zum Thema "Situating the Self: Visceral Experience and Anxiety in the German Non-Fictional Autobiographical Film". Mit der Arbeit "Filmische Immersion" hat sie 2012 die Habilitierung erreicht. Robin Curtis arbeitete unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Professorin für "Theorie und Geschichte der audiovisuellen Medien" in Berlin und Düsseldorf. Seit 2017 betreut sie als stellvertretende Direktorin den Lehrstuhl für Medienkulturwissenschaft in Freiburg.

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