Selbstversuch: Zu Besuch in einer schwul-lesbischen Philosophengruppe

Sédric Curic

Eine schwul-lesbische Philosophengruppe – wozu braucht es das denn? fudder-Autor Sédric hat es bei den Rosa Philosophen herausgefunden. Seit 2008 trifft sich die Gruppe zwei Mal im Monat in den Räumen der Rosa Hilfe. Wie läuft so ein Treffen ab?

"Gemütlich hier!", ist mein erster Gedanke nachdem ich mich auf eines der Sofas gesetzt habe und langsam darin versinke. Man reicht mir ein Bier. Bei leicht gedimmten Licht und einem Pils lässt es sich gut philosophieren. Auch wenn die Mehrheit der acht anwesenden Mitglieder eher alkoholfrei unterwegs ist. Eigentlich habe ich keine Ahnung von Philosophie. "Das macht aber auch nichts", versichert mir Dirk Häusler.


Er ist der ständige Moderator der Rosa Philosophen und erklärt weiter: "Wir sind eine Laiengruppe und kaum einer hat Philosophie studiert". Die Mitglieder kommen tatsächlich aus sämtlichen Lebensbereichen. Der Eine ist Germanist, der Andere studiert Informatik. Dirk ist bereits seit 2010 Mitglied der Rosa Philosophen. Er eröffnet das Treffen und gibt dann das Wort an den heutigen Referenten weiter.

An diesem Abend gibt es eine Diskussion über Homosexualität im Buddhismus

Es folgt eine kurzweilige Präsentation über Homosexualität im Buddhismus. Danach startet eine rege Diskussionsrunde über die Inhalte der Präsentation, an der sich jeder beteiligen kann. Mal lauter mal leiser, mal geordneter und mal chaotischer werden Argumente durch den Raum geworfen.

Nach zwei Stunden verlassen die ersten die Veranstaltung. So ein richtiger Schlusspunkt wird nie gemacht. Die Welt wurde in dieser Zeit auch nicht verändert, aber Meinungen ausgetauscht und neues Wissen erlangt. Und als Philosophie-Anfänger habe ich mich nie abgehängt gefühlt. Im Gegenteil: Es hat richtig Spaß gemacht.

Keiner der Mitglieder muss Vorurteile fürchten

So sehr mir der Abend auch gefallen hat, frage ich mich doch, warum genau man eine schwul-lesbische Philosophengruppe braucht. Dirk erzählt mir, dass eine schwul-lesbische Philosophengruppe einen geschützten Rahmen bietet. "So muss kein Mitglied der LGBTTIQ*-Szene Vorurteile anderer Mitglieder fürchten. Auf der anderen Seite wird keiner ausgeschlossen. Manche unserer Mitglieder sind Heterosexuell. Wir sind eine liberale Gruppe, die offen für Jeden und Alles ist."

Außerdem erklärt mir Dirk, dass auch Themen außerhalb des schwul-lesbischen Bereichs präsentiert werden. Das Spektrum reicht von hochphilosophischen Gesprächen bis hin zu Diskussionen über aktuelle tagespolitische Geschehnisse. Rainer Werner Fassbinder, Sartre und ein schwul-lesbischer Kurzfilm-Abend sind nur drei von unzähligen Themenabenden, die die Rosa Philosophen in letzter Zeit durchgeführt haben. Ich verlasse das Treffen nach fast vier Stunden und merke erst dann, dass philosophieren doch anstrengend sein kann.

*Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Transgender, Intersexual und Queer. Eine Bezeichnung für nicht heteronormative Lebensformen
Zurzeit haben die Rosa Philosophen etwa zehn aktive Mitglieder. Sie treffen sich jeden zweiten und vierten Freitag im Monat ab 20 Uhr in den Räumen der Rosa Hilfe, Adlerstraße 12. Willkommen ist jeder – eine Präsentation halten muss niemand.