Selbstversuch: Wie ich versuchte, einen Tag lang gut zu unserem Klima zu sein

Kathrin Müller-Lancé

Am heutigen Freitag und Samstag entscheidet sich die Zukunft unseres Planeten - auf der Klimakonferenz in Paris. Würden alle leben wie unsere Autorin, bräuchten wir 2,5 Erden. Sie wollte handeln - und hat versucht, einen Tag möglichst klimaneutral in Freiburg zu leben:



Mein Weltrettungs-Tag startet mit einer kleinen Apokalypse. „Wenn alle deinen Lebensstil haben, benötigen wir 2,52 Erden“, mahnt mich die Internetseite „Footprint Deutschland“. Ups. Es ist mein erster Morgen als Klimaretterin. Im Internet habe ich Fragen zu meinem Lebensstil beantwortet – und damit meinen ökologischen Fußabdruck berechnet. Um den zu schrumpfen, gibt es an meinem Öko-Tag ganz schön was zu tun. Aber in der Green City sollte das nicht allzu schwer sein.

Erste Station: Öko-Frühstück vom Münstermarkt



Um meine Klimakenntnisse aufzufrischen, habe ich im Vorfeld mit Dr. Corinna Fischer telefoniert. Am Öko-Institut Freiburg forscht sie über nachhaltigen Konsum und Verbraucherverhalten. Sie sagt: "Durch anständige Ernährung lässt sich schon eine ganze Menge bewirken". Ihre Tipps: Entweder regional und/oder bio einkaufen und weniger tierische Produkte essen. Um 1 kg Rindfleisch herzustellen, würden etwa 12 kg Getreide verbraucht, sagt Fischer.

Als Klimastreberin suche ich mir für heute einen Ort aus, an dem ich regional UND bio kaufen kann – den Münstermarkt. Ziel: Frühstück-Shoppen. Der erste Stand, den ich aufsuche, ist der der Demeter-Gärtnerei Piluweri aus Müllheim. Dort ein Anfängerfehler: Jutebeutel vergessen! Verkäuferin Sigrun Moser sieht wohlwollend über den Fauxpas hinweg und packt mir meine Einkäufe in eine Plastiktüte. Immerhin entschädigt der Inhalt – Äpfel und Birnen aus Bio-Anbau. Also: kein künstlicher Dünger, keine Hybridzüchtungen, eigene Saatgutgewinnung. Außerdem packe ich ins Frühstücks-Fahrradkörbchen: einen Laib Bauernbrot, einen Auberginenaufstrich von Hakuna Matata und frische Minze für Kräutertee.

Zweite Station: Outfit-Check bei Zündstoff



Nach dem Frühstück geht’s weiter zum Outfit-Check. Ich treffe mich mit Sascha Klemz, Mitinhaber von "Zündstoff". Im Internet und in der Moltkestraße verkauft er "Fair and organic clothing". Das heißt: biologisch angebaute Materialien ohne Pestizide, Kunstdünger, Genveränderung und mit kontrollierten Arbeitsbedingungen. Den Bio-Look will er mit zeitgemäßer Mode ablösen: "Leute, die bei uns einkaufen, sollen nicht aussehen müssen wie vor zehn Jahren". Wie auch Öko-Expertin Corinna Fischer setzt er zum Beispiel auf das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard). Ich schäme mich ein bisschen: Auf den Zettelchen meiner Kleidungsstücke stehen nur Bügelanleitungen – keine Siegel.

Was hält Sascha Klemz von meinem Outfit? Für den Mantel gibt’s schon mal Lob, weil er ein alter von Mama ist. "Es ist immer besser, Klamotten aufzutragen, als neue zu kaufen", sagt Klemz.  Nicht so zufrieden ist er mit meinem Top. H&M, 4,99 Euro, made in Bangladesh. Nicht mal das Material, Baumwolle, überzeugt. Baumwolle brauche im Anbau extrem viel Wasser. Noch besser als Bio-Baumwolle seien daher recycelte Stoffe - oder Kunstfasern. Meine Lederstiefel dagegen kommen gar nicht so schlecht weg.  "Die guten Eigenschaften von tierischen Materialien lassen sich eben nicht so einfach ersetzen", sagt Klemtz. "Und wenn die Qualität so gut ist, dass man die Sachen länger trägt – okay".

Dritte Station: Urban Gardening am Theater



Nachhaltigkeit auch am Nachmittag – mit Graham Smith bin ich verabredet zum Urban Gardening am Theater. Graham ist Künstlerischer Leiter für Junges Theater und Tanz. Nebenbei betreut er die Gartenanlage. Trotz Nieselregens ist er gut gelaunt. Eigentlich wollten wir Feldsalat ernten, die Pflänzchen sind aber noch zu klein. "Das ist halt die Natur", sagt Graham. Warum er den Garten trotzdem wichtig findet? "Es geht hier nicht um Ästhetik. Unser Garten ist ein öffentlicher Platz, der von allen mitgestaltet werden kann. Er soll soziales Miteinander ohne Konsum möglich machen".

Bei Graham und mir klappt das ganz gut. Wir stapfen zwischen den Beeten hin und her, probieren ein bisschen Sauerampfer, schauen nach dem Kohlrabi. Graham versteht den Garten als "Pflanzentauschbörse". Jeder kann anbauen, jeder kann mitnehmen. So will er eine Wissenslücke schließen: wir wüssten nicht mehr, wo unser Essen herkommt, wie man es anbaut und erntet. Seit über drei Jahren gibt es die Beete am Theater jetzt schon. Von Vandalismus sind sie bisher verschont worden. Und sollte das Ganze eines Tages doch platt gemacht werden, hat Graham auch schon eine Idee: "eine große Inszenierung – natürlich zu Wagner im Hintergrund".

Vierte Station: Die Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt der "Radgeber"



Langsam wird es dunkel. Um mich möglichst klimaneutral fortzubewegen, bin ich schon den ganzen Tag geradelt. Nur: Normalerweise steige ich ab 17 Uhr in die Straßenbahn statt auf den Sattel. Mein Dynamo ist nämlich kaputt. Die Selbsthilfewerkstatt der "Radgeber" soll das ändern. Das Besondere: Die Kunden können hier ihre Räder mit Hilfe vom Profi selbst reparieren. Das kostet nur drei Euro pro Stunde. Die Devise: nicht neu kaufen, sondern reparieren. "Jacke kannst du da an die Garderobe hängen, Fahrrad runter in die Werkstatt fahren", leitet Mitarbeiter Ricardo Moutinho mich ein.

Gnädigerweise drückt er mir noch die passenden Gerätschaften in die Hand, dann muss ich selber schrauben. Immer mal wieder wage ich einen Blick nach links und rechts. Um mich herum friemeln junge Freiburger an Bremsklötzen und Pedalen herum. Mit ihren Wollpullis und Technik-Skills wirken sie irgendwie überzeugender. Doch ich lasse mich nicht verunsichern, erinnere mich beschämt meines Giganten-Fußabdrucks und schaffe es tatsächlich, einen nagelneuen Designer-Dynamo ans Rad zu klemmen. Das macht schwarze Hände, ein gutes Gefühl und 20 Euro weniger im Portemonnaie. Wenn schon nachhaltig, dann auch der Edeldynamo, der extra lange hält.

Fünfte Station: Foodsharing



Zum Abschluss meines Öko-Tages will ich mich um das kümmern, was übrigbleibt: Abfall. Klima-Expertin Corinna Fischer sagt: "Alles, was weggeschmissen wird, schadet dem Klima".  Daher steht als letzter Punkt auf meinem Öko-Tagesplan: Food-Sharing. Lenka Holzapfel, 21, Studentin der Umweltwissenschaften, nimmt mich mit auf Tour. Etwa ein Mal die Woche klappert sie Geschäfte ab und sammelt übriggebliebene Lebensmittel ein. "Im Grunde genommen ist Foodsharing legales Containern", sagt sie. Eine Liste im Internet zeigt an, wer wann und wo Reste anzubieten hat. Die Foodsharer tragen sich ein und holen die Sachen ab. 

An diesem Abend geht es auf den Weihnachtsmarkt. Wenn die Budenfenster zugehen und der Glühweinpegel steigt, tüten manche Wirte ihre Reste ein. Lenka und ich ergattern belegte Brötchen und gebratene Kartoffeln. Das Essensammeln an sich ist weit weniger nervenkitzelig als erwartet. Einmal brav nachgefragt, Tüte gekriegt oder nicht - und tschüss. Ein Wirt, der doch keine Reste hat, schenkt uns kurzerhand eine Bratwurst. Schade: Lenka ist Vegetarierin. Mit unserer Beute machen wir uns auf zum "Offenen Regal" in der Gartenstraße. Wer Hunger hat, nimmt sich was raus, wer sammeln war, tut was rein. Einen Teil unseres Essens laden Lenka und ich hier ab, den Rest packen wir selbst ein. Für mein Frühstück am nächsten Morgen ist also gesorgt. Und die belegten Brötchen sind gewiss nicht das Einzige, was ich von diesem Tag mitnehme.

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Foto-Galerie: Kathrin Müller-Lancé

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