Selbstversuch: Was soll ich studieren?

Fabian

Auch diesen Sommer stehen wieder viele Abiturienten vor der Frage: Soll ich studieren? Und wenn ja: was? Für alle Zweifler und Unentschlossenen hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg jetzt einen Orientierungstest eingerichtet, der ab dem Wintersemester 2011 verpflichtend sein soll. Wir haben den Test getestet.



Ausgangslage

Seit sechs Semestern studiere ich nun Internationale Beziehungen und den Zusatz "Das is so 'ne Mischung aus Politik, Wirtschaft und Recht" sage ich bei der Nachfrage zu meinem Studienfach schon ganz automatisch. Mir gefällt das Studium, ich bin nach wie vor interessiert und auch für das letzte Semester immer noch motiviert. Es kann also kaum besser Vorraussetzungen geben, um den neuen Selbsttest zur Studienorientierung des Landes Baden-Württemberg mal auszuprobieren. Empfiehlt er mir das, was ich ohnehin schon weiß? Wird das empfohlene Studienfach tatsächlich meinen Interessen und Fähigkeiten gerecht? Oder habe ich mich bei der Wahl des Studienfachs total vertan?

Die Website, auf der man den Test macht, scheint zunächst klar und übersichtlich. Es ist aber dennoch lohnend, sich ein bisschen umzuschauen und nicht direkt mit dem Test anzufangen. Denn ich lese dort, dass der Orientierungstest nicht nur dem potentiellen Studenten dient, sondern auch dem Land. Das offizielle Zertifikat, das einem am Ende bescheinigt, dass man den Test absolviert hat, aber keine Ergebnisse nennt, ist ab dem Wintersemester 2011/2012 obligatorisch vorzuweisen, wenn man sich in Baden-Württemberg um einen Studienplatz bewerben will. Ob das alle Studienanfänger so toll finden? Das Landesministerium jedenfalls weist auf seiner Website darauf hin, dass der Test kein Zwang, sondern ein Angebot für alle Interessierten sein soll. Es verspricht Orientierung, Information und besten Datenschutz.

Immer noch ein bisschen misstrauisch beginne ich den Test. Auf der ersten Seite lasse ich mir erklären, dass das Verfahren in zwei Abschnitte unterteilt ist: Einen Interessenstest, in dem die Neigungen und Abneigungen des Studieninterssierten ermittelt werden sollen und ein Fähigkeitstest, der überprüft, wie stark man im sprachlichen, rechnerischen und räumlichen Denken ist. Während der Interessenstest nur rund zehn Minuten dauern soll, wird die Dauer des Fähigkeitstest hier bereits mit mehr als 90 Minuten angegeben. Diesen Aufwand jedem Studienanwärter in unserem Bundesland aufzubürden, halte ich für etwas überzogen.



Der Interessenstest

...bringt wenig Überraschendes. Ich sehe mich mit rund 100 Aussagen konfrontiert, denen ich entweder "sehr", "ziemlich", "etwas", "wenig" oder "gar nicht" zustimmen soll. Die Auswahl der Interessen reicht dabei von "etwas pantomimisch darstellen" über "die Strömungseigenschaften eines Modells im Windkanal testen" bis zu "die Störanfälligkeit einer Brennstoffzelle reduzieren."

Der Test ist einfacher zu durchschauen als ein Psychotest in der Bravo. Sollte man die Absicht haben, die Auswertung in eine bestimmte Richtung zu lenken, müsste man sich dafür nicht einmal anstrengen.

Das Ergebnis ist nach diesem Test-Abschnitt schon einsehbar. Mit grünen Balken und Prozentangaben wird mir verdeutlicht, wofür ich mich angeblich interessiere und wofür nicht. Das Resultat scheint mir einleuchtend, denn bei einem international ausgerichteten Studiengang mit betriebswirtschaftlichen Elementen scheinen mir die vom Test bestätigten Interessen in den Kategorien "Sprache" und "Unternehmerisch" plausibel. Dass ich bei "Musik" und "Bildende Kunst" eher desinteressiert bin, geht auch in Ordnung.

Einen etwas höheren Unterhaltungsfaktor biete dann aber die Studienfach- und Berufsempfehlung. Entsprechend meinen Interessen sehe ich eine lange Liste von Studiengängen, die für mich offenbar geeignet erscheinen. Ganz oben steht "Gehobener Verwaltungsdienst", direkt dahinter "Bürgermeister". Das ist zwar nicht mein aktueller Berufswunsch, aber von meinem Studienfach nicht weit entfernt.



Direkt darunter werden mir dann noch rund 20 andere Berufe empfohlen, von Journalist über Hörgeräteakustiker bis zum Fremdsprachenlehrer. Die Fülle der Vorschläge lassen das Ganze ein wenig unübersichtlich erscheinen. Eine Beschränkung auf weniger Alternativen, die dafür besser zum Profil passen, wäre schön gwesen.

Besser ist dagegen, die Möglichkeit seine Interessensfelder nochmal selbst gewichten und das Ergebnis so beeinflussen zu können. Außerdem kann man links in der Sidebar die Studienfachempfehlung durch eine Auswahl an Studienfeldern, Hochschularten und Standorten einschränken. Klicke ich einen mir empfohlenen Studiengang an, wird mir auch direkt eine Hochschule in Baden-Württemberg genannt, an dem ich das Studium beginnen könnte. Das System wirkt sehr übersichtlich, umfassend und ausgereift. Auch das wenig beeindruckende Bestätigungszertifikat kann man in diesem Stadium schon ausdrucken, man muss den 90-minütigen Fähigkeitstest also nicht absolvieren, um die Anforderungen des Landes in Sachen Studienorientierung zu erfüllen.



 

Der Fähigkeitstest

Ich beginne den zweiten Teil des Orientierungstests trotzdem und bereue es bald. Die folgenden eineinhalb Stunden lerne ich unter Zeitdruck Wörter auswendig, vervollständige Zahlenreihen und drehe dreidimensionale Objekte in meinem Kopf. Während es beim sprachlichen Denken noch ganz gut läuft, bekomme ich beim rechnerischen Denken erste Schwierigkeiten.

Taschenrechner sind hier natürlich nicht erlaubt. Das kann zwar keiner überprüfen, aber schließlich mache ich den Test für mich und will ja auch ein ehrliches Ergebnis. Bei der letzten Kategorie, dem räumlichen Vorstellungsvermögen, stoße ich dann an meine Grenzen und habe auch keine Lust mehr. Trotzig bringe ich die letzten Aufgaben zu Ende.

Das folgende Ergebnis deckt sich erneut mit meiner persönlichen Einschätzung. Im Maschinenbau werde ich kein Meister mehr. Letztlich scheinen die Fragen im Fähigkeitstest sinnvoll, Fehler sind keine zu erkennen. Aber auch hier wäre etwas weniger vielleicht von Vorteil gewesen, weil viele, die den Test machen, mit Sicherheit vor dem Ende aufgeben werden, da es einfach zu viele Fragen sind. Es besteht jedoch die Möglichkeit, den Test an bestimmten Stellen auch für längere Zeit zu unterbrechen und sich später wieder auf der Seite einzuloggen, um ihn fortzusetzen.



Die zuvor auf der Basis der Interessen gestaltete Auswahl an Studienfächern wird durch die zusätzlichen Ergebnisse aus dem Fähigkeitstest jedoch nicht verändert. Erst nach längerem Suchen entdecke ich den Button "Profilvergleich". Hier kann ich jetzt meine Fähigkeiten mit den Anforderungen in den vorgeschlagenen Berufen vergleichen, um zu sehen, dass mein sprachliches Denken für den Beruf des Journalisten gerade so ausreicht.

Dieser Vergleich ist auf der Seite nicht nur schwer zu finden, sondern auch umständlich. Man wünscht sich, dass die Liste der Studienempfehlungen nach dem Fähigkeitstest noch einmal neu generiert wird. Denn was nützt eine Liste von Studienfächern, die zwar meinen Interessen, aber nicht meinen Fähigkeiten entspricht. Ob diese zweite Übereinstimmung auch vorliegt, muss ich für jedes Fach einzeln überprüfen und das ist einfach zu aufwendig.

Fazit

Letztlich bietet der Orientierungstest eine gute Möglichkeit, um sich bewusst Gedanken über die Wahl des Studienfaches zu machen und man bekommt sehr viele Informationen, allen voran, welche Studiengänge für welche Berufe sinnvoll sind. Man zieht allerdings nur einen persönlichen Nutzen aus dem Verfahren, wenn man ehrlich und aufrichtig antwortet.

[Fotos: Fotolia, dpa, fudder]

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