Selbstversuch: So geht Alleinsein

Lena Prisner

Unsere Autorin Lena Prisner war im Kino. Und zwar allein. Einfach so, ohne Begleitung. Wie außergewöhnlich sich das für sie angefühlt hat und auf welche Gedanken sie bei dem Selbstversuch noch so kam:



Es ist um mich geschehen. Ich bin alleine im Kino. Wie das passieren konnte? Nun, ich will den Film unbedingt sehen, und niemand wollte mit. Doch schon in der Schlange fühle ich mich komisch. Jeder ist mit jemandem hier. Alles unterhält sich, teilt sich eine Popcorntüte, nuckelt mal am Strohhalm des anderen. Dabei ist einen Film schauen ja nicht einmal wie Tennisspielen, wo man unbedingt auf einen Partner angewiesen ist. Ganz im Gegenteil: während des Films wird im Normalfall nicht gesprochen. Warum also laufen alle nur in Herden ins Kino?


Als endlich – ENDLICH – Einlass ist, geht das Unwohlsein in mir weiter. Ich suche mir einen Platz in der Mitte. Links neben mir ist noch einer frei, während sich rechts eine Gruppe Menschen breitgemacht hat. Dutzende Male fragen Platzsuchende verwundert, ob der Platz noch frei sei – ach, nur einer? Ja dann, schade. Und überhaupt scheint sich auf ihren Lippen eigentlich eine ganz andere Frage abzuzeichnen: Warum, junge Dame, ist neben dir ein Platz frei? Ich klammere mich an meine M&M-Antiraschelbüchse und hoffe unruhig, dass das Gewusel bald endet.

Als der Film vorbei ist und der Abspann läuft, ergreife ich die Flucht. Normalerweise schaue ich mir den Abspann gerne an, einfach um den Film ausklingen zu lassen. Heute habe ich dafür nicht die Ruhe. Aber wer weiß, wenn die Menschengruppen den Raum vor mir verlassen hätten, vielleicht hätten sich dann diejenigen herauskristallisiert, die dachten: Heute geh‘ ich ins Kino. Allein.

Wie geht Alleinsein?

Seit ich Studentin bin, beobachte ich mit Neugierde und Enttäuschung zugleich das Phänomen des Nicht-Alleinsein-Könnens. Wo immer sich junge Menschen befinden, sind sie umringt von anderen jungen Menschen. Vor allem an Orten des Vergnügens und der Nahrungsaufnahme muss man schon mit der Lupe suchen, um Menschen ohne Begleitung zu entdecken. Es gibt nur zwei Kategorien von ihnen: Solche, denen es furchtbar unangenehm ist, und solche, die absolut tiefenentspannt sind. Erstere denken vermutlich wie ich: Verdammt, wieso bin ich die einzige, die sich hier alleine hingetraut hat? Oder bin ich vielleicht tatsächlich etwas seltsam? Die anderen scheren sich einen Dreck darum, wie sie auf andere wirken könnten. Die machen es richtig.

Versteht mich nicht falsch – ich habe rein gar nichts gegen soziales Miteinander, Gruppenaktivitäten und Menschen im Allgemeinen. Auch ich pflege soziale Kontakte, auch ich gehe mit Freunden in Kneipen, Cafés – ja, sogar Kinos. Aber ich bin auch sehr gern allein. Ich gehe gern allein spazieren, lege mich allein an die Dreisam, lerne allein in der Bibliothek. Einfach, weil es sehr gut tun kann, mal niemanden um sich zu haben, Zeit für sich selbst zu haben. Einmal nicht abgelenkt zu sein. Um mich herum aber, so habe ich das Gefühl, scheint es kaum jemandem auch so zu gehen.

Selbst allein in die Mensa zu gehen ist nur so halb okay. Es wird akzeptiert, man wird nicht mit mitleidigen Blicken bestraft. Aber ein Gefühl des Unbehagens, des irgendwie-aus-der-Reihe-Tanzens bleibt. Komischerweise hauptsächlich weil man Angst hat – wie ironisch –  hier zufällig Freunde zu treffen, die dann sehen, dass man allein ist. Die dann vielleicht denken, was ist mit der los, hat die keine Freunde außer mir? Ich kenne auch tatsächlich Leute, die lieber gar nicht in die Mensa gehen, als allein gehen zu müssen.

Was läuft da schief?

Wieso kann ich mich in dieser Gesellschaft nicht wohlfühlen, wenn ich nicht von links, rechts, oder gegenüber von der Welt abgeschirmt werde? Ich denke nicht, dass es alleine an mir liegt. Und ich denke auch, dass es wohl noch anderen Einzelgängern so geht, die sich vielleicht nur an Orten verstecken, wo sie tatsächlich allein sein können. Ohne glotzende Menschen. Zum Glück gibt es in Freiburg noch ein paar Ecken, wo sich Menschen ohne Begleitung tummeln, so zum Beispiel das Josfritz Café. Dort schaut dich eher jemand schief an, wenn du mit einem Schwarm lärmender Leute deren innere Ruhe störst. Das gefällt mir.

Besucht auch mal ohne den besten Freund/die beste Freundin, den Partner/die Partnerin, oder sonst irgendwen einen öffentlichen Ort oder eine Veranstaltung! Sei es ein Kinofilm, ein Café, ein Konzert – ganz gleich. Ihr werdet sehen, die Möglichkeiten vervielfachen sich, wenn man nicht auf jemanden angewiesen ist, der auch gerade Lust darauf hat. Soziales Miteinander ist schön, aber Manches kann man nur alleine entdecken – wenn man nicht im Gespräch vertieft ist, sondern seine Umgebung wirklich einmal aufnimmt. Und ja, wenn ihr nicht so selbstbewusst und ausgeglichen seid wie ein siebzigjähriger Rentner, der mit einem Kaffee genüsslich in seinem Buch schmökert, dann wird es sich vermutlich erst einmal komisch anfühlen.

Aber dann zeigt das, dass wir noch viel von ihm zu lernen haben.

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