Selbstversuch: Schablonen-Graffitis machen mit Tom Brane

Marius Buhl

Einmal Street Art machen wie Banksy! fudder-Autor Marius Buhl ist kein Künstler. Aber was nicht ist kann ja noch werden. Wir haben ihn in Tom Branes Stencil-Workshop geschickt. Ob aus Marius jetzt ein großer Sprayer geworden ist:



Geduckt schleiche ich durch ein finsteres Treppenhaus, Putzfladen blättern von der Wand. Ich trete in einen Hinterhof. Hier stehen stinkende Mülltonnen, über ihnen der leise weinende Nachthimmel von Haslach. Zwei eilig aufgestellten Strahlern beleuchten milchig die urbane Szenerie. Viele dunkle Gestalten, die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen, eilen über den Hof. Und da ist dieses Geräusch.

KLACKKLACKKLACK. PSCHPSCHPSCHPSCHPSCHHHHHHHHHHHHH. KLACKKLACKKLACK.
PSCHPSCHPSCHPSCHPSCHHHHHHHHHHHHH. KLACKKLACKKLACK.

Ich trete heraus zu meiner Gelegenheits-Gang, suche mir einen Platz und beginne zu sprühen. Wir haben keine Angst, erwischt zu werden. Was wir tun, ist legal. Wir wollen Street Artists werden. Und Tom Brane soll uns helfen.

Im Rahmen des Illustrations-Festivals IlluEins, bietet der Freiburger Graffiti-Künstler einen Workshop in Stencil-Technik an. Denn Stencils - Schablonen - sind die Technik, die auch Banksy und C215 verwenden, wenn sie Hauswände in New York und Paris besprühen. 20 Leute sind heute abend gekommen, um von Tom zu lernen, Durschnittsalter gefühlte 25. Es ist nie zu spät, um mit der Kunst anzufangen.

Das hoffe ich zumindest. Denn ich bin ein Noob, was Kunst angeht. Ich hatte Kunst in der Oberstufe nur, weil ich in Musik so schlecht war, dass ich in der 9. Klasse aus dem Schulchor geflogen bin. Meine Bilder in der Oberstufe haben Mädchen für mich gemalt. 

Heute aber soll alles anders werden.



"Stencil, das ist auch was für Loser", sagt ein Mädchen, das mir im Werkraum der HKDM gegenüber sitzt. Na dann. Wir beginnen drinnen, es gibt Bier, jeder ist mit einem Skalpell bewaffnet. Die Stimmung ist gut. Aus Vorlagen, die Tom mitgebracht hat, cutten wir Schablonen.

Es sind kleine Ratten, Sterne, Schriftzüge. Neben mir sitzt eine Jura-Studentin, die „einfach mal Ablenkung von der Hausarbeit sucht“. Sie führt das Skalpell wie eine Oberärztin. Ich eher wie ein Medizinstudent an seiner ersten Leiche, zittrig und ungenau.

Während alle anderen beginnen, eigene Schablonen zu malen und zu cutten, schneide ich immer noch an meiner ersten, einem Totenkopf. "Für echte Kerle", hat Tom gesagt. Für die Mädchen gibt's auch Blümle.

100 kleine Cuts und ein Pflaster für den Zeigefinger später sind die Schablonen fertig. Wir gehen raus in den Hinterhof, zücken die Dosen. Tom zeigt uns, wie sie richtig zu führen sind. Dark Blue, Red, Crazy Purple. Schwarz ist leer.

Andächtige Stille, nur das Rauschen der Dosen ist zu hören. Der Regen stört niemand. Es macht einfach wahnsinnig Spaß. Ich spraye! Ich komme in den Sprayer-Groove, ich würde gerne die ganze Welt bunt anmalen, ich bin schon fast kriminell, aber für eine gute Sache. Wie schön das ist! Tom sagt, mit unserer Mannschaft könnten wir einen Zug in 3 Minuten anmalen.



Ich fetze Tropfen wie Banksy auf die Kartonage. Dazu in den Dosendeckel sprühen und die Farbe schleudern. Ich kann Schatten sprayen, Farben mischen, schlängelnde Linien zaubern. Es ist ganz einfach: Background sprühen, Schablone auflegen, Dose abfeuern. Andere Schablone drüberlegen, sprühen. Dose schräg halten und nur sanft drücken, Tropfen machen. Lange fest auf eine Stelle sprühen, Bild schräg halten, Farbe verlaufen lassen. Schriftzug aufmalen, fertig!

Ich bin stolz auf mein Bild, mein Piece, mein Kunstwerk. Ich traue mich aber nicht, das laut zu sagen. Vielleicht denken die anderen dann, ich spinne. Ganz vorsichtig trage ich es zu Meister Tom. „Was sagst du?“ „Lass mal sehen, hmmm, eigentlich finde ich es gut, aber jeder fängt ja mal an.“ Hmmm, was jetzt? Unsicher laufe ich weg. Ein Kurskollege will meins sehen: „Geil Mann. Deins ist richtig fett!“ „Ehrlich?“ „Klar, hast du davor schon mal gesprayt?“ Es geht runter wie Öl.

Und jetzt? Reclaim the Streets, die Straße zurückverlangen? Züge malen, Unterführungen, große Hoodies tragen? Hmm, eher nicht. Aber schön wär's.
 

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