Selbstversuch: Kann man in vier Stunden DJ werden?

Felix Klingel

Was macht eigentlich ein DJ? Und kann man das in vier Stunden lernen? fudder-Autor Felix hat es bei einem Workshop der Bretterbude ausprobiert – und gemerkt: es steckt mehr dahinter, als nur ein paar Platten aufzulegen.

Der DJ ist die Galionsfigur einer Party und wird schon lange als Rockstar unserer Zeit bezeichnet: Gitarre und Mikrofon hat er gegen zwei Plattenspieler getauscht. Gerade das Auflegen mit Vinyl gilt als hohe Kunst. Aber was unterscheidet den DJ eigentlich von einem Typen, der ein paar Platten auflegt?


Die Kunst beginnt darin, mit zwei verschiedenen Platten gleichzeitig eine Musik zu machen. Ein Gesamtwerk zu erschaffen, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Soweit die Theorie. Für die Praxis bietet der Verein Bretterbude DJ-Workshops an, bei denen man das Auflegen mit Vinyl erlernen kann. Ich war bei einem dabei.

Was läuft hier gerade falsch und in welche Richtung?

"Deine Platte muss noch ein bisschen schneller laufen", ruft Thomas alias DJ Bioburden durch den wabernden Klangteppich von zwei aus dem Takt laufenden Techno-Platten. Ich stehe vor zwei Plattenspielern und einem Mixer und versuche mich an meinem ersten Übergang – kann aber die Bässe der zwei Lieder kaum auseinanderhalten, geschweige denn hören, was hier gerade in welche Richtung auseinanderläuft.

Der Übergang ist die Meisterklasse des Auflegens. Hier entscheidet sich, ob der DJ die Energie eines laufenden Stücks mit in das nächste nehmen kann. Ein Übergang ist meistens dann perfekt, wenn man ihn nicht merkt. So entsteht ein fortwährender Klangteppich. Die einzelnen Lieder und Übergänge sind durch den Hörer kaum auseinanderzuhalten.

Beide Platten müssen mit der selben Geschwindigkeit laufen

Was muss man also können, um so einen Übergang zu erschaffen? Sobald sich ein Lied auf dem Plattenspieler dem Ende nähert, halte ich auf dem zweiten Plattenspieler das nächste Lied bereit. Das hat meistens nicht die gleiche Geschwindigkeit wie das Lied auf dem ersten Plattenspieler. Für einen smoothen Übergang müssen sie aber das gleiche Tempo haben.

Also muss ich die Geschwindigkeit des neuen Liedes an die des gerade laufenden Songs anpassen. Das funktioniert mit dem Pitch-Regler am Plattenspieler. Mit ihm kann ich die Drehgeschwindigkeit des Plattentellers hoch- oder runterregeln. Aber woher weiß ich, ob das neue Lied schneller oder langsamer laufen muss?

Das Auflegen mit Vinyl erfordert Fingerspitzengefühl

"Das geht nur durch Zuhören", sagt Thomas, der seit 2004 mit Vinyl auflegt. Um überhaupt etwas heraushören zu können, muss das zweite Lied auf den gleichen Beat starten wie das momentan laufende Lied. Das ist eine der Grundtechniken des Auflegens – und erfordert Fingerspitzengefühl. Mit der Hand drehe ich die zweite Platte an den Einsatz der ersten Bass Drum und lasse den Plattenspieler darunter laufen – halte die Platte aber noch mit der Hand fest. Jetzt gilt es, die Schläge der Bass Drum der ersten Platte mitzuzählen und die zweite Platte genau auf einem Schlag der Bass Drum der ersten Platte loszulassen.

Hat das geklappt, laufen die Beats der Platten erst mal übereinander. Sie würden auch übereinander bleiben, wenn sie bereits die gleiche Geschwindigkeit hätten. Haben sie das nicht, läuft der Beat der zweiten Platte der anderen voraus oder hängt hinterher. Das muss ich mit den Ohren heraushören – was bei zwei gleichzeitig laufenden Platten im Soundwirrwarr ziemlich schwierig ist.

Macht der DJ einen guten Job, bekommt die Menge nicht viel von seiner Arbeit mit

So bald ich weiß, ob die zweite Platte zu schnell oder zu langsam ist, korrigiere ich die Geschwindigkeit mit dem Pitch-Regler nach oben oder unten. Und das ganze Spiel beginnt von vorne. So taste ich mich langsam an die richtige Geschwindigkeit ran. Dieser Prozess läuft während einer Party über die Kopfhörer ab – die Menge bekommt nichts davon mit.

Erst, wenn ich merke, dass die Geschwindigkeiten der beiden Platten zueinanderpassen, kann ich sie gleichzeitig abspielen. Aus dem unpassenden Soundgewäsch wird ein stimmiger Klang, aus zwei Liedern wird eines. Die Grundlage für den Übergang ist gelegt. Jetzt kann ich über den Mixer beide Lieder gleichzeitig laufen lassen und mit den Drehknöpfen beispielsweise den Bass des einen Liedes herausnehmen und so den Übergang langsam einleiten.

DJs und ihre Drehknöpfe

Darum drehen DJs also immer bedeutungsschwer an den Knöpfen des Mixers herum. Auch wenn 30 Prozent der Dreherei Show ist und nichts Hörbares passiert, wie Thomas zugibt. Die restlichen 70 Prozent hat das Sinn und Zweck und dient der Betonung bestimmter Sounds.

In vier Stunden Workshop schaffe ich ungefähr einen sauberen Übergang – und auch nur weil Thomas mir immer wieder zuruft, welches Lied gerade zu schnell läuft und was ich dagegen tun muss. Die Sache braucht also mehr als vier Stunden und viel Übung. Ziemlich frustrierend – vor allem weil man minutenlang zwei Lieder gleichzeitig hören muss, die gerade absolut nicht zusammenpassen. Chapeau an alle DJs!
Infos zum Verein

Der Verein Bretterbude setzt sich für die Förderung von elektronischer Musik, der Subkultur und des Lebensgefühls in Freiburg ein. Dazu veranstaltet der Verein einerseits Partys, bei denen Bretterbude und Newcomer-DJs die Möglichkeit haben, aufzulegen. Andererseits sollen durch Veranstaltungen wie den DJ-Workshop auch das technische Know-How weitergegeben werden. In nächster Zeit geplant ist ein Producer-Workshop im eigenen Studio der Bretterbude.

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