Selbstversuch: In zwei Tagen Gleitschirmfliegen lernen

Maike Sommer

Das erste Mal Fliegen: Dieser Traum ging für fudder-Autorin Maike Sommer in Erfüllung. In Kirchzarten hat sie Paragliden ausprobiert. Ein Erfahrungsbericht.

"Start frei! Laufen, beschleunigen, führen, Gurt los lassen, stabilisieren. Jetzt der Kontrollblick, steuern, bremsen und dann Landung", ruft Flugschullehrer Dieter Steiert mir während des Gleitschirmfliegens zu. Ich hebe ab und fliege meine ersten Meter durchs Wittental – ein Gefühl von Freiheit und Glückseligkeit.


Wunsch auf persönlicher Bucketlist

Der Traum vom Fliegen: Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, vom Boden abzuheben und mit dem Wind durch die Lüfte zu gleiten? Auf meiner persönlichen Bucketlist steht dieser Wunsch schon lange. Da ich ihn nicht länger nur auf dem Papier existieren lassen wollte, habe ich mir eine Flugschule in Kirchzarten gesucht und während eines Schnupperwochenendes meine ersten Sekunden an einem Schirm schwebend über dem Boden verbracht.

Der Kurs beginnt mit theoretischen Facts zum Aufbau des Schirms und des Gurtzeugs, Bodenhandling, Flugtechniken, Kommandos und Startablauf. Schirm, Gurtzeug und Helm können von der Flugschule geliehen werden. Was ich einpacke: Knöchelhohes Schuhwerk und robuste Kleidung.

Wie eine riesige Plastiktüte

Der Schirm selbst ist buchstäblich eine riesige Plastiktüte und über verschiedene Leinen mit dem Gurtzeug verbunden, das sich der Pilot umschnallt. Die Leinen sind von A bis D bezeichnet, zusätzlich gibt es Bremsleinen. Jede der Leinen hat eine Tragfestigkeit von 100 Kilo.

Die Gurte selbst hängen an einem Rucksack, der mit einem Protektor versehen ist und in den sich der Pilot beim Fliegen setzen kann – meiner Meinung nach wahnsinnig gemütlich. Außerdem gibt es am Gurtzeug noch ein Beschleunigungsseil und eine Rettungsleine, aus der sich beim Ziehen ein fallschirmähnliches Rettungsgerät löst.

Die ersten Startversuche

"Der Schirm besteht aus einem Ober- und einem Untersegel. Außerdem hat er mehrere Luftkammern, mit Rippen ausgestattet, sowie den Stabilisator", erklärt Trainer Steiert, der bereits seit 25 Jahren nebenberuflich für die Flugschule arbeitet. Nach der ersten Theorieeinheit geht unser kleiner Kurs mit fünf Teilnehmern an den Hang. Dieser liegt im Wittental bei Kirchzarten.

Ich übe das Auslegen des Schirms, das Sortieren der Leinen sowie das richtige Anlegen des Gurtzeugs. Was ich noch zu Beginn kompliziert finde, wird durch wiederholtes Üben machbar. Dann darf ich bereits meine ersten Startversuche trainieren – der erste Tag steht ganz im Sinne des Starterlernens.
"Der Moment des Abhebens ist unbeschreiblich."

"Der Start besteht aus der Aufziehphase, der Kontrollphase sowie der Beschleunigungs- und Abhebephase", sagt Steiert. "Wenn ihr das Gurtzeug angelegt und den Schirm angespannt habt, könnt ihr loslaufen, bis der Schirm über euch steht. Dann den Gurt loslassen und den Schirm mit den Bremsleinen stabilisieren, einen Kontrollblick machen und beschleunigen."

Ich laufe, hebe meine ersten Meter ab und lande, indem ich beide Bremsleinen Richtung Boden durchziehe. Der Moment des Abhebens ist unbeschreiblich. Die Sekunde, in der ich nicht mehr weiterrennen kann, da der Schirm mich in die Weiten der Lüfte zieht, ist ein ganz besonderer Moment.

Üben, üben, üben

Am zweiten Tag darf ich nach erneuten Starttrainings den Hang weiter hinaufsteigen und meinen ersten kleinen Flug machen. "Vor jedem Start ist der Fünf-Punkte-Check erforderlich. Der Pilot muss prüfen, ob das Gurtzeug geschlossen ist, die Leinen frei sind und der Schirm bogenförmig mit aufgeklappten Eintrittsöffnungen ausgebreitet ist. Außerdem muss der Luftraum frei sein und der Wind überprüft werden", sagt Steiert.

Auch beim Fliegen heißt es wie bei jedem anderen Sport: Üben, üben, üben. Jeder meiner Versuche klappt besser. Dafür sind auch die anfänglichen Starttrainings wichtig - höchstmögliche Sicherheit soll während des Kurses gewährleistet werden. Trainer Steiert sagt mir während des Fluges über ein Walkie-Talkie Schritt für Schritt, was ich machen soll. Nachmittags zieht Wind auf und die Flugstunden müssen ausfallen – fliegen können selbst Profis im Schwarzwald nur bis zu Windgeschwindigkeiten von maximal 20 km/h beziehungsweise Windstärke zwei.

Wichtige Grundlagen

Stattdessen bekomme ich eine Theorieeinheit, denn für den Grundschein ist eine Theorieprüfung Pflicht. Auch gehören zu einem vollständigen Kurs 15 Flüge, spielt das Wetter nicht mit, können diese zu einem beliebigen Zeitpunkt in einem anderen Kurs nachgeholt werden.

Theorieinhalte sind Gerätekunde, Meteorologie, Luftrecht, Aerodynamik, Bodenhandling und Flugtechniken. Wichtige Grundlagen, um Gefahrensituationen gering zu halten. "Idealerweise sollte beim Fliegen der Wind aus der Richtung kommen, in die der Hang ausgerichtet ist. Wir fliegen immer gegen den Wind mit dem Vortriebsprinzip", erklärt Steiert.

Übers Wetter informieren

"Vor dem Fliegen muss sich der Pilot unbedingt über das Wetter informieren! Niemals sollte er oder sie bei einer kommenden Kaltfront oder bei einem Gewitter fliegen, da die warme Luft, die vom Boden nach oben strömt, wie ein Staubsauger den Schirm mitsaugt. Informationen über Berg- und Talwinde, regionale und überregionale Winde sind wichtig."

Nach dem erfolgreichen Bestehen des Grundkurses ist der nächste Schritt die Absolvierung des A-Scheins, um alleine fliegen zu dürfen. Auch Fortbildungen zu verschiedenen Manövern und Techniken sind möglich. Beim Gleitschirmkauf gibt es einiges zu beachten.

"Es gibt verschiedene Modelle in den Kategorien A-D. A-Schirme sind die sichersten und für Anfänger geeignet. Der Sicherheitsfaktor nimmt bis zur Kategorie D ab, letztere sind sehr sportlich und für Wettkämpfe zugelassen. Alle zwei Jahre muss der TÜV der Schirme erneuert werden", sagt Steiert.

Der Traum der meisten Piloten ist es, irgendwann mit dem Gleitschirm die Alpen überqueren zu können – Alpenflüge benötigen allerdings viel Wissen und sind schwieriger als im Schwarzwald. Wettkampfschirme können eine Maximalgeschwindigkeit von 65 km/h erreichen. Außerdem können bei guter Thermik, also Aufwinden, auch große Distanzen von über 500 km zurückgelegt werden.

Ich persönlich kann das Gleitschirmfliegen jedem empfehlen, der Lust auf Abenteuer und Adrenalinkick hat und etwas Besonderes erleben möchte.