Selbstversuch: In einer Stunde Gebärdensprache lernen

Kyra Leibham

Unsere Autorin stellt sich schon lange die Frage: Wie verständigt man sich mit Menschen, die nicht hören können? Eine Antwort findet sie im Haus der Hörgeschädigten bei einer Gebärdensprachedozentin. Eine Stunde lang hat sie dort das Gebärden gelernt.

Ich will schon sehr lange Gebärdensprache lernen und habe auch schon versucht mir die amerikanische Gebärdensprache (ASL) selbst beizubringen. Aber da ich niemanden kenne, der gebärdet, erst recht nicht die Amerikanische Gebärdensprache, habe ich alles wieder vergessen. Was ich noch weiß, und darauf bin ich durchaus sehr stolz, ist wie man "Katze" gebärdet. Warum mein Hippocampus entschieden hat, dass ausgerechnet dieses Wort wichtiger ist als "Hallo, wie geht es dir", ist mir ein Rätsel.


Gabi Maier, Dozentin für Gebärdensprache, begrüßt mich im Haus der Hörgeschädigten . Heute bringt sie mir LBG bei – Lautsprachbegleitendes Gebärden. Sie erzählt mir viel über sich und das Haus der Hörgeschädigten. Ihr Mann ist Vorstand des Hauses. Auch er ist, wie seine Frau, gehörlos.

Die erste Gebärde, die ich lerne: ein Motorrad

Während wir sprechen gebärdet die Dozentin vieles von dem was sie in Lautsprache sagt mit. Und so steigen wir auch in den Unterricht ein. Für gewöhnlich lernt man zuerst Begrüßungen, wenn man eine neue Sprache lernt. Frau Maier bringt mir das erst später bei. Die erste Gebärde, die ich heute lerne ist: Motorrad.

Video: Das hat Kyra in einer Stunde gelernt



Frau Maier gebärdet vor, ich gebärde nach. Um mit seinen Händen Buchstaben zu formen braucht man eine gute Koordination. Etwas, das ich nicht habe. Meine Finger machen was sie wollen. Ich bin mir sicher ich hab während des Gesprächs mindestens eine Beleidigung gebärdet.

Ich bin ein bisschen stolz, als ich von selbst das Wort "kalt" gebärde

Vielleicht ist es besser meine Hände einfach flach auf dem Tisch liegen zu lassen, denke ich. Aber Frau Maier will, dass ich aktiv mitmache und freut sich als ich von selbst das Wort "kalt" in einem Satz gebärde, obwohl wir es vorher noch nicht geübt haben. Ich muss zugeben das war jetzt vielleicht nicht das schwerste Wort, aber ein bisschen stolz bin ich trotzdem.

Die Gebärden werden beim Lautsprachbegleitenden Gebärden mit sehr deutlichen Mundbewegungen begleitet. Die Kombination von gebärden und deutlich sprechen, ohne einen Ton von sich zu geben, überfordert mich. Ein paar Mal vergesse ich sogar meinen Namen.

Die Hände zu koordinieren ist gar nicht so einfach

Ich schaue angestrengt auf meine Hände. Was kommt nach dem "K" noch mal? Es ist zum verzweifeln. Aber Frau Maier ist geduldig. "Mit der Schreibhand" erinnert sie mich, wenn ich mal wieder mit der linken statt der rechten Hand vor mir hin gestikuliere.

Im Grunde wirken die Gebärden oft sehr logisch. Möchte man "Sonntag" gebärden, legt man seine Handflächen vor dem Körper zusammen, so als würde man beten. Frau Maier sagt: "Da kommt es immer drauf an wie religiös man ist." Man kann Sonntag auch gebärden indem man mit der flachen Hand den Brustkorb berührt. "Weil man Sonntags schöne Kleidung trägt." erklärt sie. Ich trage zwar Sonntags immer meinen Schlafanzug, aber logisch ist die Geste für mich trotzdem.

Einige Gebärdenzeichen haben eine ganz eigene Komik

Besonders viel Lachen muss ich bei der Gebärde von "April". Dabei setzt man den Daumen der Schreibhand auf die Nasenspitze und wackelt mit den ausgestreckten Fingern. Automatisch will ich "Nänänänänänä" sagen und meinem Gegenüber die Zunge raus strecken, wie ein kleines Kind.

Ich merke: Um wirklich richtig gut gebärden zu können, braucht es mehr als nur 60 Minuten Unterricht. Wie bei jeder anderen Sprache auch. Aber die Mühe lohnt sich. Ich will mich mit jedem unterhalten, der mir was zu sagen hat. Und sollte mir jemand mit Gebärden erklären, dass er an der nächsten Haltestelle raus muss und ich Platz machen soll, dann kann ich jetzt wenigstens antworten, dass ich Katzen mag.
Zur Person:

Im Jahr 2004 hat Gabi Maier mit dem Unterrichten angefangen. Seit 2006 unterrichtet die Dozentin nur noch Lautsprachbegleitendes Gebärden. Sie unterrichtet hauptsächlich Hörende in ihren Kursen. Viele angehende Ärzte, Logopäden, Altenpfleger, Psychologen und Psychiater nehmen am Unterricht teil, weil sie Lautsprachbegleitendes Gebärden im Kontakt mit Hörgeschädigten Patienten nutzen können.

Im Rahmen des Studium generale können auch Studenten der Uni Freiburg an ihrenKursen im Haus der Hörgeschädigten teilnehmen.