Selbstversuch – bei den Hundeflüsterern einer Freiburger Hundeschule

Paula Kühn

Der eigene Hund ist aggressiv oder total dickköpfig? Unsere Autorin Paula geht mit ihrem Hund Otto regelmäßig zu einem Sozialisierungstreffen für Hunde. Wie solche Treffen ablaufen – und warum Hunde dem Menschen manchmal sehr ähnlich sind.

Otto, mein weißer Golden Retriever, sitzt erschöpft vor mir auf dem Boden und schaut mich aus großen Augen an, als wolle er sagen: "Gehen wir jetzt heim?". Es waren anstrengende eineinhalb Stunden, bei denen mein argloser, immer lächelnder und oft ziemlich dickköpfiger Hund ganz schön gefordert war. Was er gelernt hat? Nicht etwa "Sitz! Platz! und Bring den Ball!", sondern etwas viel schwieriges: Wie gehe ich damit um, wenn mich ein Mensch oder ein anderer Hund in die Schranken weist?


Otto und ich sind auf einem Platz vor dem Tierschutzheim Scherzingen. Wir sind Teil der "Sozigruppe", so nennen die Teilnehmer die Treffen mit einem Augenzwinkern. Wir sind bei einer Schule für soziales Verhalten und zwar unter Hunden sowie zwischen Hund und Mensch.

"Hunde sind soziale Wesen" Melanie Ramm, Hundetrainerin


Jeden Samstag leitet hier einer der drei Trainer der mobilen Hundeschule Freiburg , Christian Fuchs, Melanie Ramm und Sandra Kluttmann, ein (Re-)Sozialisierungstreffen. Wer jetzt an integrative Jugend- und Kindergruppen denkt liegt gar nicht falsch: Die Gruppe aus immer etwa acht Hunden ist so divers wie die Klasse einer Großstadt-Grundschule. Da gibt es die Braven und Strebsamen aus gutem Hause, die rotzfrechen Haudegen mit verwegener Vergangenheit, die hübschen Tussen, die den Hormongesteuerten Jungs den Kopf verdrehen und natürlich den alles dominierenden Klassenclown, der nur Quatsch im Kopf hat.



"Hunde sind soziale Wesen", sagt Melanie . Das Treffen soll Hunden und Hundehaltern einen Rahmen bieten, innerhalb dessen "beide Parteien lernen können, Alltagssituationen besser zu meistern", sagt Melanie. Es ist eine Schule für soziales Verhalten und zwar unter Hunden sowie zwischen Hund und Mensch.

Mein Hund Otto ist ein Dickkopf

Ottos Aufregung an diesem kalten Novembermorgen ist groß, als ich aus dem Auto lasse. Ich versuche meinen wild herum schnüffelnden und an der Leine zerrenden Hund zu bändigen. Als dann noch die hübsche Hundedame Sally vorbei stolziert, gibt es kaum noch ein Halten: Mein Hund schnüffelt herum, zieht und zerrt und fiept was das Zeug hält.

"Jeder hat sein Lernfeld", sagt Melanie einige Minuten später, als wir in einem weitläufigen Kreis auf einer großen Wiese stehen, jeder Hund mit mindestens einem Herrchen oder Frauchen an seiner Seite. Ottos Lernfeld ist ziemlich offensichtlich: sein Dickkopf. Wenn er etwas will, dann lässt er sich kaum davon abbringen. Ob man ihn davon befreien kann?

Erste Übung: Die ruhige Begegnung zwischen Hundehaltern

Die erste Übung ist eine möglichst kontrollierte und ruhige Begegnung zwischen Hundebesitzern. Die Aufgabe ist, keine Begegnung zwischen den Hunden zuzulassen – Mensch soll in der Lage sein, sich zu unterhalten ohne dass Hund dabei gleich wild wird. Ottos und meine erste Mensch-zu-Mensch-Begegnung ist mit Mira und ihrem Frauchen. Aber das Interesse der beiden Hunde aneinander ist gleich null und während Otto nach wie vor aufgeregt in alle möglichen Richtungen schnüffelt, gähnt Mira gelassen und würdigt uns keines Blickes.

Melanie ist zufrieden mit der kleinen Hündin. "Genau:Gääähn", macht sie Mira nach und erklärt der Gruppe: "Es geht darum, dass die Hunde entspannen." Als nächstes ist es Melanie selbst, die mit ihren beiden Hunden Junos und Ponka vor uns Aufstellung nimmt. Hier ist es schon schwieriger. Die drei Hunde kennen sich. Kein Wunder also, dass sie nicht verstehen, warum sie jetzt nicht miteinander spielen dürfen.

Mit einer Hundedame möchte Otto besonders gerne spielen

Am schwierigsten ist die Übung jedoch mit Sally. Hier reicht auch mein ambitionierter Körpereinsatz nicht. Ich kann mich noch so breitbeinig vor ihn hinstellen, Otto findet einen Weg zu Sally und wenn er zwischen meinen Beinen hindurch schlüpft. Was er auch prompt tut. Wenn er nicht bekommt was er will, dann löst er das eben durch aussitzen oder durch vollkommenes Ignorieren der Autoritätsperson, in dem Fall bin das ich.

Währenddessen ist das Training in die nächste Runde gegangen. Melanie gibt einigen Hundebesitzern die Erlaubnis ihre Hunde von der Leine zu lassen und ein Hund nach dem anderen springt nun ausgelassen über den Platz. Junos beginnt erst einmal Runde um Runde in atemberaubender Geschwindigkeit um die Gruppe herum zu rennen.

Ein Hund hat nur Schabernack im Kopf

Er ist ein flinker, dominanter hellbrauner Mischling und ehemaliger Straßenhund. In der Gruppe agiert er nicht nur als Melanies Co-Trainer und manchmal etwas zu dominanter Rudelführer, sondern auch als Klassenclown: Er hat nur Schabernack im Kopf.

Mira und die anderen zum großen Teil weiblichen Hunde beschnüffeln sich währenddessen neugierig oder lassen sich von Junos Rappel kurzzeitig anstecken. Ponka setzt sich derweil seelenruhig auf die Wiese in Mitten all dieser tobenden Hunde, während Sally sich als Chefin aufspielt und alle anknurrt, die ihr den Status streitig machen wollen.

Ein Hund hält sich schüchtern raus

Nur ein Hund hält sich schüchtern aus allem Trubel heraus. Es ist die ehemalige Straßenhündin Smilla. Ihre beiden Besitzerinnen haben sie aus einer Tötungsstation in Ungarn geholt und haben seither Mühe mit ihr: Die kleine Hündin scheint nur aus Angst zu bestehen. Vertrauen zu anderen Menschen und Hunden aufzubauen ist für Smilla eine große Herausforderung, denn sie hat bis vor einem Jahr nur Leid erfahren.

Aber sie macht Fortschritte. Zum Beispiel geht sie heute ganz selbstverständlich in Kontakt mit Otto. Das liegt zum einem daran, dass die beiden sich schon kennen, zum anderen aber auch daran, dass Otto ein sehr freundliches und sanftes Wesen ist und Smilla begegnet, als wüsste er, was sie durchgemacht hat. Er ist also ein idealer Übungspartner für die verängstigte Hündin.

Aufdringliche Annährungsversuche

Übrigens darf jetzt auch Otto endlich von der Leine und rennt sofort wie ein Magnet seiner angebeteten Sally hinterher. Diese ist nach wie vor damit beschäftigt allen anderen Hunden zu zeigen, wer hier das Sagen hat und bellt jeden weg, der ihr irgendwie zu Nahe kommt. Ottos aufdringliche Annäherungsversuche hingegen lässt Sally erstaunlich lange geschehen. Bis sie plötzlich genug hat.

Ich bin gerade mit der kleinen Smilla beschäftigt, da höre ich auf einmal meinen Hund quietschen und im nächsten Moment rennt er mit eingezogenem Schwanz im weiten Bogen von seiner Angebeteten davon. Ich will ihm gerade tröstend entgegen eilen, da stoppt Melanie mich. "Nein! Ignorieren!". Und als der plötzlich ganz klein wirkende Otto den Rest der Stunde kaum mehr von meiner Seite weicht, leuchten mir Melanies Worte auch ein.

Auch Hunde müssen lernen, ein "Nein" zu akzeptieren

Sally hat ihn abblitzen lassen, vielleicht ein bisschen zu überdeutlich und auf keine besonders nette Art, ernstlich weh getan aber hat sie ihm nicht. Dass mein unbedarfter und harmoniebedürftiger Hund gleich vollkommen aufgelöst reagiert, zeigt, dass er ein "Nein" nicht wirklich akzeptiert: Ist es nicht deutlich genug, so geht er einfach darüber hinweg und schlüpft wie vorhin zwischen meinen Beinen hindurch, um an sein Ziel zu gelangen.

Ein deutliches "Nein" ist dann hingegen gleich ein Weltuntergang. Ihn jetzt zu trösten, würde ihn in diesem Gefühl nur bestärken. Stattdessen muss ich ihm signalisieren: "Es ist nichts Schlimmes passiert und du kannst ruhig weiter spielen."
Und tatsächlich: Nach einigen Minuten fasst er wieder etwas Mut und mischt sich unter die anderen Hunde. Kurze Zeit später höre ich ihn jedoch ein zweites mal fiepsen: Er hat sich wohl beim Spielen wehgetan.

So richtig gelernt hat es Otto immer noch nicht

Und es vergehen kaum zehn Minuten – Otto hat sich inzwischen auch wieder an Sally heran gewagt – da quietscht er ein drittes mal auf. Sally hat ihn schon wieder angeblafft, diesmal aber vollkommen unvorbereitet.

Otto ist derweil mit den Nerven am Ende. Hatte ich zu Anfang des Trainings meine Mühe, die Aufmerksamkeit meines Hundes auf mich zu lenken, so habe ich nun eindeutig zu viel davon: Otto kriecht mir förmlich in die Jackentasche und als ich mich immer noch nicht dazu bewegen lasse, ihn zu trösten, steigt er sogar an mir hoch, kriecht unter meine Hand und lehnt sich gegen meine Beine. Ich streichle ihn und ermutige ihn, sich nochmals unter die Hunde zu mischen.

Bei jedem Training kommen die Hunde ein Stück weiter

Schließlich bin es dann aber nicht ich, die ihn dazu bewegt, sondern die kleine Ponka, die mit fröhlich wedelndem Schwanz vor Otto auf und ab springt als wolle sie sagen: "Hey komm, ist doch nicht so schlimm. Lass uns spielen, ja?!" Zwar bleibt Otto zur Sicherheit mal in meiner Nähe, aber er spielt wieder mit Ponka und während die beiden über die Wiese tollen, neigt sich das Treffen langsam dem Ende zu.

Die Hunde kommen wieder an die Leine und lassen sich erschöpft vom Platz führen. Jeder von ihnen ist heute ein Stück weiter gekommen, hat Stärke bewiesen und hat an seinen Schwächen gearbeitet. Und wer weiß, vielleicht wird sich Smilla schon das nächste mal ein bisschen mehr trauen, Sally sich ein bisschen mehr zurück nehmen und Otto auf ein "Nein" ein bisschen anders reagieren.
Die mobile Hundeschule Freiburg mit Sitz in Bollschweil will ein ganzheitliches Hundetraining anbieten, bei dem die Trainingsmethoden individuell auf den Hund abgestimmt werden sollen.