Selbstversuch Aerial Yoga: Yogastunde im Schweben

Carolin Buchheim

Yoga ist gesund. Yoga ist angesagt. fudder-Redakteurin Carolin Buchheim hat in einem Selbstversuch Aerial Yoga ausprobiert. Es war eine Flugstunde mit einem Hauch von Schwerelosigkeit:



„Und jetzt beide Beine vom Tuch lösen und in Richtung Kopf bewegen!“

Die Anweisung von Yogalehrerin Miriam Kaiser ist eindeutig, aber ich kann ihr nicht folgen. Meine Unterarme und Hände greifen eine Yogamatte, so viel ist klar, aber wo genau sich meine Beine und der Rest von meinem Körper befinden, das ist mir in diesem Moment ein Rätsel. Denn ich hänge kopfüber einen halben Meter über der Yogamatte, gehalten von einem grünen Tuch, und irgendwo über mir sind meine Beine. Warum ich das tue? Das hier ist meine erste Stunde im Aerial Yoga.


Yoga ist ein Trend, seit Jahren. Und Aerial Yoga ist der allerneueste Trend im Trend. In einem Hängematten-großen Tuch aus Nylonstoff hängend nimmt man hier die Yoga-Haltungen ein.  So kann man selbst als Yoga-Neuling den Körper in Positionen bringen, für die man sonst viel Kraft bräuchte. Wie eben in meine Zielposition,  den Skorpion – einen Unterarmstand mit Rückbeuge, bei dem man die Füße graziös in Richtung Kopf fallen lässt und den Kopf in den Nacken legt.

Zirkusakrobaten
kamen vor rund zehn Jahren in den USA zuerst auf die Idee, Tuchakrobatik mit Yoga zu kombinieren. Miriam Kaiser lehrt „Dana Aerial Yoga“, eine Form, die von der Hamburgerin Dhanya Daniela Meggers entwickelt wurde. Das Tuch, so sagt die 37-Jährige, lehrt den oder die Übende auch, loszulassen. Zusammen mit sieben anderen Frauen bin ich an diesem Montagabend im Yogazentrum in der Villaban im Stadtteil Vauban. Es ist mein erster Termin beim Aerial-Yoga-Kurs der Neu-Freiburgerin Miriam Kaiser. Seit dem Sommer bietet sie in Aerial-Yoga-Stunden für Kinder und Erwachsene an.

Ein menschhoher Buddha aus Beton guckt aus einer Ecke des Raums zu, während wir Kursteilnehmerinnen zum ersten Mal unsere Tücher greifen. Die sind knallbunt, 2,80 auf 2,80 Meter groß und an Schaukelhaken an der Decke befestigt. „Sucht euch eine Farbe aus, die euch heute anspricht“, sagt Kaiser. Ich greife mir ein saftig grünes Tuch und sitze wenig später, nach genauen Anweisungen, wie ich überhaupt ins Tuch hineinkomme, zur Anfangsentspannung der 90-minütigen Lektion im Schneidersitz im Tuch, nur meine Zehen gucken ein bisschen raus.

Mein sanft schwingender und schimmernder grüner Kokon ist erstaunlich bequem und geradezu heimelig, der Nylonstoff weich und dehnbar. Ein bisschen was vom Raum kann ich durch den Stoff erahnen, und weil mich niemand sehen kann, kann ich mich tatsächlich bestens entspannen.



Dann beginnt die Stunde. Erstes Ziel: Das Tuch kennenlernen. Mit dem Tuch unter den Schulterblättern sollen wir uns einfach in das Tuch lehnen und lernen, dass es uns hält. Soweit die Theorie. Denn es ziept ganz schön auf der Haut. „Das ist normal“, beruhigt Miriam Kaiser. Habe ich mich jemals so bewegt?

Beim „Whirlpool“, einer Aufwärmübung, stehe ich mit beiden Füßen unter den Schaukelhaken und lasse den ganzen Körper schwungvoll kreisen. Ich kann nicht anders, als laut lachen – habe ich mich jemals so bewegt? Und wenn nicht, warum eigentlich nicht? Spontane Lachanfälle beim Aerial Yoga sind normal. Das gilt auch für gegenteilige Gefühle. „Für manche Leute ist es sehr schwer, sich dem Tuch hinzugeben“, erklärt  Miriam Kaiser. „Das bringt für manche Teilnehmer viele Emotionen hoch.“

Auch wenn Aerial Yoga akrobatisch aussieht: Es soll für Menschen jeden Fitnesslevels und jeder Statur geeignet sein. „Gerade für Menschen mit Übergewicht kann es ein tolles Gefühl sein, sich ein bisschen schwerelos zu fühlen“, sagt Kaiser. Wir hängen uns mit der Hüfte in das Tuch, Hipshang nennt man das. Vornüber, die Hände auf der Matte, üben wir erst den „Nach unten schauenden Hund“, dann den „Nach oben schauenden Hund“. „Spreizt die Beine weit und schlingt die Füße um das Tuch.“ Soweit, so gut.

Doch dann kommt die Sache mit dem Skorpion – und meine totale Verwirrung. Zum Glück bemerkt Miriam Kaiser schnell, dass ich Hilfe brauche, greift mein Bein und führt es sanft in die richtige Richtung und sofort ist meine Körperorientierung wieder da. Während ich den Skorpion halte  – eine Übung, die mir trotz jahrelanger Yogapraxis ohne Tuch nie gelingen würde – tropft ein einzelner Schweißtropfen von meiner Nasenspitze auf die Matte. Schwerelosigkeit hin oder her – anstrengend ist es auch. Danach legen wir uns das Tuch um den  Rücken, kippen kopfüber und üben einen Handstand länger, als es für mich sonst machbar wäre, und eine Taube, die sich spektakulär graziös anfühlt – immerhin finde ich mein Bein diesmal ohne Hilfe.

Dann dürfen wir zur End-Entspannung komplett ins Tuch kriechen. Das sanfte Schwingen ist wunderbar, so gut habe ich mich schon lange  nicht gefühlt. Nach einem letzten dreifachen „Om“ ist es dann aber vorbei mit der Seligkeit in der scheinbaren Schwerelosigkeit, ich schäle mich aus meiner Tuch-Hängematte. „Setzt euch jetzt auf die Matte und kommt wieder auf dem Boden an“, sagt Miriam Kaiser. Im Schneidersitz sitzend merke ich, wie leicht ich mich gefühlt habe im Tuch, und vermisse das Gefühl sofort.

Nächste Woche gehe ich wieder fliegen.



Aerial Yoga bei Miriam Kaiser

Sechs Termine Aerial Yoga bei Miriam Kaiser kosten für Erwachsene 96 Euro, für Kinder von acht bis zwölf Jahren 66 Euro. Mehr Infos gibt es auf Aerial Yoga Freiburg. Kontakt: 0761.13730990 und info@aerialyoga-freiburg.de

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[Fotos: Ingo Schneider]