Selbstmordattentat von Stockholm: Wie ich dem Terror begegnete

Jule Markwald

Vor einem Jahr, am 11. Dezember 2010, starb in der Innenstadt von Stockholm ein 28-jähriger Mann, nachdem eine der insgesamt sechs Rohrbomben, die er sich um den Körper gebunden hatte, vorzeitig explodierte. An der Stelle, an der er starb, hatte knapp 5 Minuten vorher noch fudder-Autorin Jule gestanden.



Um kurz vor 17 Uhr, am Samstag vor dem dritten Advent ist die Innenstadt von Stockholm extrem belebt. Die Drottninggatan, Stockholms größte Einkaufsstraße ist voll mit Menschen, die auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken die Geschäfte der Reihe nach abklappern. Die Temperaturen sind eisig und es schneit leicht. Nachdem ich den ganzen Tag auf der Suche nach Geschenken durch Geschäfte gerannt bin, bin ich hundemüde und meine Zehen sind kurz davor abzufrieren.


Um dem Menschengewühl für eine Minute zu entkommen, stelle ich mich in die Mündung einer kleinen Seitenstraße, nur wenige Meter entfernt von einem Mann der ein Fish & Chips-Schild hochhält, dessen aufgemalter Pfeil in die Richtung der Nebenstraße deutet. Ich zünde mir eine Zigarette an, beobachte die Leute, die hektisch vorbeiströmen und lege in meinem Kopf eine Pro-und-Contra-Liste an, ob ich besser zurück ins Hotel fahren oder noch ein wenig weiter shoppen soll. Nach einigem innerlichen Hin-und-Her entscheide ich mich für mein warmes Hotel, trete meine Zigarette aus und laufe die wenigen Meter zur U-Bahn Station. Als ich gehe, läuft der Mann mit dem Fish&Chips Schild an mir vorbei in die Seitenstraße.

Ich gehe zur U-Bahn Station hinunter, kaufe mir ein belegtes Baguette und fahre ins Hotel um mich aufzuwärmen. Im Schlafanzug esse ich mein Baguette und zappe mich durch die Fernsehkanäle meines winzigen Hotelzimmerfernsehers. Zwei Stunden später läuft bei CNN die Meldung eines Bombenattentats in der Stockholmer Innenstadt über den Schirm. Es ist die Rede von einer Autobombe die in der Innenstadt detoniert sein soll. Nochmals zwei Stunden später sitzen annähernd alle Hotelgäste gemeinsam in der Lobby versammelt und starren auf den Fernsehschirm an der Wand.

Was passiert erscheint vollkommen absurd. Ein Mann soll eine Autobombe gezündet haben, vermutlich um die Menschen in Panik in seine Richtung zu treiben und hat sich dann selbst in die Luft gesprengt. Die Polizei hat die Innenstadt großflächig abgesperrt, deswegen ist im Fernsehen nichts als die verwackelten Bilder aus einem Hubschrauber zu sehen aber die Reporter wiederholen mehrfach, dass außer dem Attentäter selbst niemand zu größerem Schaden gekommen sei. Ich rufe meine Mutter an, sage ihr dass ich okay bin und gehe ins Bett, ohne weiter an den Bombenanschlag zu denken.



Erst am nächsten Morgen beim Frühstück, als ich die Ausgabe der größten schwedischen Tageszeitung aufschlage, dämmert mir langsam, wie knapp ich da einem Unglück entkommen bin. Es sind Bilder des Attentäters zu sehen, wie er in seiner eigenen Blutlache am Boden liegt. Im Hintergrund die Hauswand an der ich am Vorabend gelehnt hatte um meine Zigarette zu rauchen. Daneben eine Zeittabelle. Um 17:03 Uhr war die Bombe laut Zeitung explodiert. Als ich die Rolltreppe zur U-Bahn Station hinuntergefahren war, hatte mein Handy 16:59 Uhr angezeigt.

Bombenexperten vermuten, dass die Rohrbombe, die den Mann getötet hat, frühzeitig explodiert ist, und dass er vermutlich versucht hatte, sich in die Mitte einer großen Menschenmenge zu stellen. Die restlichen fünf Rohrbomben waren aufgrund von Konstruktionsfehlern nicht detoniert. Wären sie losgegangen, hätten die Splitter und Nägel im Inneren eine Reichweite von bis zu 150m gehabt.

Ich lese die Zahlen, aber die „Was wäre passiert, wenn...“-Maschinerie in meinem Kopf geht noch nicht los. Das wird erst später und viel schleichender kommen. Anderthalb Wochen später, zurück in Freiburg, habe  ich Schwierigkeiten, durch die Menschenmassen in der Innenstadt zu gehen stelle mir mindestens zweimal täglich die Frage, in welchem Mülleimer am Bahnhof eine Bombe versteckt sein könnte und welche Chancen ich hätte, von ihr zerfetzt zu werden oder zu entkommen. Aber an diesem Morgen begreife ich die Reichweite dessen, was mir da passiert – beziehungsweise nicht passiert – ist, noch nicht.

Nach dem Frühstück gehe ich in die Stadt. Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Bomben explodieren als enorm gering ein und finde mich selber ziemlich Bad-Ass, wie ich da so gelassen durch die Stadt spaziere. Es sind so gut wie keine Menschen unterwegs, nur um die Stelle an der der Mann starb, stehen ein Ü-Wagen des schwedischen Fernsehens und einige Schaulustige. Ich finde das geschmacklos und marschiere recht zügig daran vorbei, wirklich berühren kann es mich immer noch nicht.

Am nächsten Morgen fliege ich nach Hause. Am Flughafen sind die Sicherheitskontrollen strenger als sonst, besonders arabisch oder südländisch aussehende Männer werden von den Sicherheitsleuten bis auf die Unterhose gefilzt. Während der Wartezeit auf mein Flugzeug lese ich eine der Zeitungen die im Terminal herumliegen. Thema Nummer Eins ist immer noch der Anschlag. Der schwedische Premierminister sagt, dass wir mit einem blauen Auge davongekommen sind. Niemandem ist etwas passiert, dafür sollen wir dankbar sein. Dann kommen Augenzeugenberichte, Politiker die beruhigende Reden halten, ehemalige Nachbarn des Attentäters die bestätigen, dass er früher immer freundlich gegrüßt habe.

Und in jedem Artikel die gleiche Frage: Wie konnte ein so gut in die schwedische Gesellschaft integrierter Mann irakischer Abstammung, so plötzlich ein radikaler Islamist werden? Wie konnten seine Nachbarn und Freunde das übersehen? Er war doch einer von Ihnen. Ein Mann inmitten der Gesellschaft. Und er war erst 28 Jahre alt.

Und überall ein Bild des Attentäters mit der weißen Mütze auf dem Kopf, die jeder schwedische Abiturient bei seinem Schulabschluss trägt. Plötzlich schalten ein paar Synapsen in meinem Kopf. Ich starre auf die Zeitung, mein Gesicht wird kalt und kribbelt, wie kurz bevor man sich übergeben muss.

Ich habe diesen Mann schon mal gesehen. Mit einer Wollmütze, einem Schal und einem Fish & Chips-Schild in der Hand. Er lief direkt an mir vorbei.

Ich fange an zu weinen.



Övervakningskamera fångar självmordsattacken

Quelle: YouTube
[youtube PL48QgJz9o4 nolink]
[Flüchtende Menschen in der Einkaufsstraße Drottninggatan, aufgenommen von einer Überwachungskamera.]

Självmordsbombaren får hjälp

Quelle: YouTube
[youtube NJSZ1urpSdQ nolink]
[Dieses Video zeigt die Seitenstraße, in der der Attentäter die Bombe gezündet hat, direkt nach dem Anschlag. Jule hatte genau hier wenige Minuten zuvor eine Zigarettenpause gemacht - an die Wand am unteren Bildrand gelehnt.]

Mehr dazu:

    [Bild 1: dpa, Bild 2: Privat, Bild 3 & 4: fudder - Expressen vom 12.12.2010]