"Selbst Hitler hat mehr Ahnung vom Fußball als du!" - HatePoetry in der Passage46

Marius Buhl

Journalisten kriegen böse Leserbriefe - das ist normal, oft geht es um Inhaltliches. Özlem Gezer vom Spiegel, Deniz Yücel von der taz und Zeit-Kolumnistin Mely Kiyak aber kriegen rassistische Hasspost. In der Passage haben die Journalisten diese Briefe vorgelesen - die Zuschauer haben sich kaputt gelacht.



Die Künstler

Deniz Yücel ist Journalist bei der taz, Özlem Gezer ist beim Spiegel, Mely Kiyak ist Kolumnistin bei der Zeit. Ihre Gemeinsamkeit: Sie kriegen tagtäglich Hasspost von Lesern, fast immer geht es darin um ihre vermeintlich türkische Herkunft, nur selten um Inhaltliches. So ist Özlem Gezer in den Augen eines Lesers ein "deutsches Arschhaar", Deniz Yücel eine "anatolische Ziege, die ausgewiesen werden sollte" und Mely Kiyak die "personifizierte Doppelquote" - und das sind die harmlosen Zuschriften.

Vor allem Mely Kiyak und Deniz Yücel erweisen sich als Witzkanonen, die keinen Gag, keine politische Unanständigkeit und keine Doppeldeutigkeit auslassen. So trägt "Penis-Deniz" ab Mitte des Vortrags das "Freiburger Nationaltrikot": Jack-Wolfskin-Jacke und Fahrradhelm. Kiyak fragt den "Burgermeischder" Kirchbach: "In welcher PKK sind sie?" oder: "Wo ist unser Hauskurde?" Sich selbst bezeichnet sie als "Kofferbombe, die überall hoch gehen kann!"

Özlem Gezer ist da deutlich entspannter. Die Nannenpreis-Trägerin schüttelt häufig den Kopf oder beschmeißt Yücel mit Konfetti, wenn dessen Witze wieder ein bisschen zu derb waren.

Wer war da?

Viel zu viele. Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung ist der umfunktionierte Dancefloor bereits voll. Alle, die jetzt noch kommen, müssen draußen bleiben - dorthin wird aber zumindest der Ton übertragen. Drinnen sitzen einige Menschen vom Freiburger Büro für Migration, der Sozialbürgermeister Kirchbach, Baden-Württembergs Bildungsministerin Bilkay Öney, Menschen in Che-Guevara-Shirts, ein taz-Leser, ein paar Dreadlock-Typen und ganz wenige Szene-Menschen.

Deko

An der Wand hängt eine türkische Flagge, daneben eine deutsche, dazwischen eine Aldi-Tüte. Auf dem Tisch liegen Erdogan-Schals, ein rotes Jungfern-Band, daneben hängen Bilder von Gauck und Löw, aber auch von Haznain Kazim und Yassin Musharbash (Spiegel, Zeit). Dazwischen stehen jede Menge Sektflaschen, von deren Inhalt Deniz Yücel ein bisschen zu viel erwischt hat. Auf dem Boden liegen Konfettischnipsel. Alles halal, versteht sich.

#fail

Jede einzelne rassistische Leserzuschrift, jede xenophobe Äußerung, jeder rassistische Post, jedes "Ich bin kein Nazi, aber...", jede Beleidigung, jedes Klischee, jede Relativierung, diese ganze Nazi-Scheiße. Das ist alles so unfassbar falsch, so grausam, dass es einen wütend zurücklässt.

Nicht ganz so schlimm, aber trotzdem nervig, sind die Zwischenrufer, die auch an diesem Sonntagabend in die Passage gekommen sind. Liebe Zwischenrufer: Lasst den Darbietenden die Show, nehmt euch einmal zurück. Ihr seid verdammt unlustig und nervt, auch wenn ihr ein Che-Guevara-Shirt tragt.

#win

Keine Gelegenheit ließen Yücel, Gezer und Kiyak aus, um Sozialbürgermeister von Kirchbach zu necken.

Hier eine kleine Auswahl:

"Burgermeischder, dein Volk hat Durst!"

"Burgermeischder, tanz mit mir!"

"Burgermeischder, haben Sie das da geschrieben?"

"Burgermeischder, sie übernehmen hier den Putzdienst!"

Kirchbach, anfangs noch etwas steif neben der baden-württembergischen Integrationsministerin Bilkay Öney sitzend, taute während des Abends auf - und tanzte am Ende mit Kiyak.

Well done, Burgermeischder!

Beleidigungen

Die Beleidigungen, die die Journalisten tagtäglich über Facebook, Mail und Papier erreichen, sind unfassbar hart und von einem solch derben Menschenhass geprägt, dass viele fast unwirklich scheinen - gelacht wird trotzdem fast immer.

Hier eine Auswahl:

Deniz Yücel

"von der Eselkarre zur E-Klasse"

"anatolische Ziege, die man abschieben sollte"

"Yücel abschieben, dann könnte die taz titeln: taz schafft Yücel ab!"

"Yücel, Reichsparteitag ist ein ganz normaler Begriff"

"Ich fordere ihren Rücktritt!"

"Diener okkulter Kräfte"

"Deine Eltern sind Blutsverwandte"

"hat in meiner taz nix verloren"

"größte Mistsau der taz, wird eines Tages einen hohen Preis bezahlen"

"Kugel in den Kopf jagen"

"wo ist der NSU, wenn man ihn braucht"

"Selbst Hitler hat mehr Ahnung vom Fußball als du!"


Mely Kiyak


"kein für dieses Land genormtes Lebewesen"

"Türken-Fotze, anatolische Nachgeburt"

"chronisch unterfickt"

"Dreckschleuder"

"Hormonklumpen"

"mohammedanische Waschfrau"

"dein Kitzler hängt mir zum Hals raus"

"du Arschfickerin, Lesbensau"

"ab in die Gaskammer"

"muselmanische Fresse"

"Nebenmensch"

"Scheiß-Kurdin, der schächten wir die Fotze"

"Fresse polieren mit dem Baseballschläger"

"Totschlagen!"


Özlem Gezer

"türkische Islam-Muschi"

"Abschieben!"

"du Arschhaar"

"du deutsches Arschhaar"

"du fettes Schwein hast so viel Schwein gegessen, da hilft nicht mal Pfeffergas"

"du Schweinesamen"

"Vaterlandsverräter"

Die Frage des Abends...

...lautet natürlich: Darf man über Rassismus, über übelste Beleidigungen und Morddrohungen lachen?

Özlem Gezer: "Wir wollen uns vor den Rassisten nicht klein machen, wollen uns nicht in der Ecke verstecken und weinen. Wir wollen dagegen ankämpfen, in dem wir Rassisten gemeinsam auslachen, indem wir bis zu 500 Leute versammeln und über sie lachen, indem wir hier mit euch eine Riesenparty veranstalten. So schicken wir das Zeug zurück in die Umlaufbahn!"

Und dennoch: Obwohl sich die Zuschauer in der Passage schlapp lachen, was auch an der fantastischen Show der Journalisten liegt, bleiben auf dem Heimweg viele Fragen offen: Habe ich es so schlimm erwartet? Wie rechts ist Deutschland? Wie unglaublich dumm sind manche Menschen da draußen? Ist Humor das richtige Mittel zur Gegenwehr? Ist das Lachen nicht auch Zeichen großer Machtlosigkeit?

Fazit

Der Abend hat ein verdammt ernstes Thema greifbar gemacht, gleichzeitig war er aber lustiger als jede der allabendlichen Comedy-Sendungen im Fernsehen. Alles erreicht also. Es bleibt anzufügen: #HatePoetryforBambi.

Der dann natürlich abgelehnt wird.

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