Freispiel

Seit einem Jahr läuft das Spielecafé im Stühlinger erfolgreich

Anika Maldacker

Das Spielecafé Freispiel im Stadtteil Stühlinger gibt es nun seit einem Jahr. Die Betreiber Thomas Krohn und Florian Högner sind von seinem Erfolg selbst überrascht.

Vor einem Jahr starteten Thomas Krohn und Florian Högner im Stühlinger ihr Spielecafé Freispiel. Sie verkaufen und verleihen Brettspiele, die man im Laden bei einem Kaffee spielen kann. Sie haben einen Anspruch: Die Spiele sollen spannender als Mensch-Ärgere-Dich-Nicht sein. Der Anspruch zahlt sich aus: Oft ist der Laden bis auf den letzten Platz besetzt. Der Erfolg hat selbst die Gründer überrascht. Das Publikum ist bunt gemischt: Zocker, Studenten, Familien, Geschäftsleute. Für einige ist das Freispiel zum Wohnzimmer geworden.


Ein Seufzen geht durch die Runde der vier Spieler-Freunde. Denn die nächste Karte ändert die Laufrichtung des Spiels komplett. Seit drei Wochen verbringen Wladislaw Nagel, sein Bruder Dimitri Nagel, Axel Kocuk und Geret Fein jeden Donnerstag damit, zu verhindern, dass sich eine tödliche Pandemie auf der Weltkarte ihres Brettspiels ausbreitet. Nun verkündet eine Karte, dass die Kämpfer, die die vier zusammen aufgebaut haben, fortan gegen sie arbeiten werden. "Das war’s", sagt Dimitri Nagel.

"Die Atmosphäre ist super und es gibt mehr Platz als in jedem unserer Wohnzimmer." Wladislaw Nagel, Gast im Spielecafé

Nur einige Sekunden macht sich Ernüchterung breit bei den Freiburgern, die sich seit der Schulzeit vor 15 Jahren kennen. Dann zermartern sie sich wieder die Gehirne, wie sie die Menschheit doch noch retten können. Sie schütteln ungläubig den Kopf und lachen: "Wahnsinn!", sagen sie. Dieses Spiel zerrt mehr an ihren Nerven als eine Netflix-Serie.

An diesem Donnerstag regnet es zum ersten Mal nach wochenlanger Hitze. Die Spieler-Freunde kümmert das nicht. Vor vier Stunden trafen sie sich im Freispiel, um Pandemic Legacy, ein von Kritikern vielgelobtes Brettspiel mit Suchtfaktor, weiterzuspielen. Sie vergessen die Welt um sich herum, ihre Jobs bei Sicherheitsfirmen, der Post, im Qualitätsmanagement, sie vergessen, dass der Wecker am nächsten Tag früh klingelt. 60 Euro haben sie für dieses kooperative Spiel bezahlt. Kooperativ, weil die Mitspieler nicht gegeneinander, sondern miteinander zocken – gegen das Spiel. Während der Partie müssen sie Zettel zerreißen und die Spielfläche bekleben. Ist das Spiel durchgespielt, ist es unbrauchbar. Doch bis es durchgespielt ist, vergehen mindestens 30 Stunden.

"Wenn wir fertig sind, spielen wir die Fortsetzung", sagt Geret Fein. Im Freispiel natürlich. "Die Atmosphäre ist super und es gibt mehr Platz als in jedem unserer Wohnzimmer", sagt Wladislaw Nagel.

1000 Spiele zum Selbstspielen stehen im Laden

Spielen, Spiele kaufen, Kaffee trinken oder Kekse essen – im Freispiel zahlt jeder Spieler pro Stunde einen Euro, vorausgesetzt er konsumiert Getränke. Wer das nicht tut, zahlt 1,50 Euro für die Stunde, nach drei Stunden ist der Preis gedeckelt.

Mit 750 Spielen aus der privaten Sammlung fingen die beiden Freispiel-Gründer Thomas Krohn und Florian Högner vor einem Jahr im Stadtteil Stühlinger an. Nun haben sie 1000 Spiele zum Selbstspielen im Laden stehen, es gibt auch welche zum Kaufen. Krohn und Högner misten immer wieder aus, verkaufen die ausrangierten Spiele auf Flohmärkten. Denn ihr Platz in dem rund 125 Quadratmeter großen Café ist knapp. "Wir würden gerne in einen größeren Laden ziehen", sagt Krohn. Die Suche nach einem geeigneten Geschäft dauerte dreieinhalb Jahre. Zuvor waren sie Angestellte im ehemaligen "Spiele am Münster", das im Winter im Eiscafé Lazzarin einzog.

"Es läuft besser als erwartet", bilanziert Geschäftsführer Thomas Krohn nach einem Jahr Spielecafé. "Jeden Tag, wenn wir um 13 Uhr öffnen, kommt jemand rein", sagt Krohn. Manchmal riefen schon am Montag Leute an, um einen Tisch für das nächste Wochenende zu reservieren – und das im Sommer. Das hatten Krohn und Högner nicht erwartet.

Den Erfolg mit Gästen feiern
"Wir waren uns aber sicher, dass ein Spieleladen in Freiburg gut laufen würde", erklärt Krohn. Nun zählt das Geschäft vier Mitarbeiter. Am 15. September, zum einjährigen Jubiläum, wollen sie den Erfolg mit ihren Gästen feiern.

Auch die Spielebranche ist im Aufwind. Woran liegt das? "Vielleicht an der Durch-Digitalisierung des Lebens", wagt Krohn, der selbst seit seiner Kindheit nach Brettspielen verrückt ist, einen Erklärungsversuch und erzählt von einem Mann, der herkommt, weil er bewusst einen Abend ohne Bildschirm verbringen will. Auch das Team der Tanzschule Gutmann zockt gerne bei Freispiel, das Immoralisten-Ensemble kommt regelmäßig vorbei, Rentner, Studenten, Familien mit Kindern in den Ferien oder die Sechser-WG aus der Nachbarschaft auch, zählt Krohn auf. Rund 80 Prozent der Zocker seien aber Stammkunden.

Stammtische und feste Termine

Freispiel hat sich zu einem Treffpunkt der Freiburger Spiele-Szene entwickelt. Bei regelmäßig stattfindenden Stammtischen und festen Terminen versammeln sich Liebhaber. Jeden Donnerstag findet der X-Wing-Stammtisch statt. X-Wing sind Raumschiffe aus den Star-Wars-Filmen. Harald Thiele und Tim Cammerer schieben kleine Figuren auf einer Matte vor sich her. Hin und wieder nimmt einer ein Raumschiff vom Feld, dann ist es vernichtet.

Die sechs X-Wing-Fans treffen sich in einem Nebenzimmer. Leute kommen und gehen. Die sechs Fans im Raum haben sich durch das Spiel kennengelernt. "Ich komme wegen der Leute her", sagt Thiele nachdem er die Partie gegen Cammerer gewonnen hat. Er räumt seine Figuren ein, jubelt nicht. Aus Respekt vor seinem Gegner. Und auch, weil eine Niederlage den Spielern viel bedeutet – die Chance, zu lernen und sich zu verbessern.

Jubiläumsfeier, 15. September, Freispiel, Lehener Straße 15, Telefon: 0761/59516426


Mehr zum Thema: