Seit 18 Semestern Magisterstudent: Warum Martin sein Langzeitstudium gar nicht so schlimm findet

Martin Jost

Wenn Martin Jost im nächsten Jahr sein Studium an der Universität Freiburg beendet, wird er drei Päpste und ebenso viele Universitätsbibliotheken überdauert haben. Er ist heute den 3307. Tag eingeschrieben. Damit war er länger an der Uni als am Gymnasium. Langsam reicht’s ihm. Obwohl er die Freiheiten des Magisterstudiums auch zu schätzen weiß.



Mir dämmert langsam: Mein Studium abzuschließen heißt vor allem, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen sind eigentlich nicht mein Stil. Sich für etwas zu entscheiden, hat diesen üblen Beigeschmack von sich gleichzeitig gegen etwas anderes zu entscheiden. Deswegen probiere ich immer, ob vielleicht auch alles geht. Und ist mein Studiengang nicht wie dafür gemacht?


Ich studiere auf Magister Artium. Magister heißt übersetzt „Lehrmeister“, Artium „der Wissenschaften“ oder „der Künste“. Mein Hauptfach heißt Alte Geschichte, meine Nebenfächer Geschichte der Medizin und Englische Philologie. Die Regelstudienzeit beträgt neun und die durchschnittliche Studienzeit zwölf Semester. Aber der Studiengang hat kein natürliches Ende.

Sich Zeit lassen ist erlaubt. Das Magisterstudium lädt ein, seine Interessen in unterschiedlichen Gebieten auszukosten. Lieber das Seminar über Biografien der römischen Kaiserzeit oder das über Caesarenwahnsinn?  Warum denn entweder, oder? Einführung in die Literaturwissenschaft oder ein Semester lang hippokratischer Eid?

Mit ein bisschen Hektik schaffe ich es zu beiden Vorlesungen. Da wäre auch noch das Nicht-Studieren. Zunächst mal muss ich natürlich arbeiten, um mich und mein Studium zu finanzieren. Dauert das Studium eben länger. Dann will ich aber nicht nur arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern schon mal was für den Traumjob tun. Journalismus wäre genehm. Da kann man ja gar nicht genug Berufserfahrung sammeln, bevor man in den Beruf einsteigt, wie man so hört. Die Zeit muss sein.

Außerdem habe ich neben dem Studium eine Ausbildung als Rettungssanitäter beendet, als Krankenwagenfahrer gejobbt, zweimal für den Stadtrat kandidiert, war Fraktionsmitarbeiter im Rathaus und Vorstand einer Wählervereinigung, habe als Erste-Hilfe-Ausbilder gearbeitet, bin im Roten Kreuz ehrenamtlicher Kriseninterventionshelfer geworden,  habe eine Stelle als Computerhilfswissenschaftler ausgefüllt und  immer mehr geschrieben. Zuletzt so viel, dass ich mich ohne rot zu werden Journalist nenne.

Ich wollte von Anfang an eine Anzahlung auf mein richtiges Leben, das sonst erst nach dem Studium begonnen hätte. Vielleicht habe ich darüber hier und da mal das Studieren vergessen. Aber wer sagt denn, dass es für alle Lektionen und Erfahrungen einen Schein geben muss?Ich habe jetzt neun Jahre studiert, ohne mich je ganz dafür zu entscheiden, Student zu sein. Ich fand immer, Studium macht man halt. Über die Details – Berlin oder Freiburg, Bachelor oder Magister, Psychologie oder Geschichte – entscheidet das Zulassungsverfahren. „Wenn du dein Studium abschließen willst, musst du dich dafür entscheiden“, hielt ich für einen selten hohlen Ratschlag. Diese Entscheidung habe ich doch irgendwie mitgekauft mit derjenigen, mich einzuschreiben. Oder nicht?

Für Lebenserfahrung gibt es keine Scheine

Anders als Schule endet ein Magisterstudium herkömmlich nicht automatisch. Wann ich genug studiert habe und mich zur Prüfung anmelde, entscheide ich. Oder hätte ich mal besser entschieden. Denn längst wurde mir die Entscheidung abgenommen. Mein Studiengang ist abgeschafft und die letzte Frist zur Prüfungsanmeldung läuft.

Mehr als genug Seminare habe ich besucht. Nur die dazugehörigen Hausarbeiten habe ich ein paar Jahre vor mir hergeschoben. Die Kunst des Aufschiebens konnte ich in den letzten 3307 Tagen nämlich auch verfeinern. Jetzt muss ich nur noch entscheiden, dass ich ab jetzt nichts mehr aufschiebe. Und auf einmal genieße ich mein Studium sehr. Manche Dinge brauchen eben Zeit. Ich habe zum Beispiel erst vor zwei Jahren meinen Lieblingsautor kennengelernt. Davor hätte es nur zu so einem Verlegenheitsprüfungsthema gereicht wie „Shakespeares Tragödien“ oder „Amerikanisches Drama des 20. Jahrhunderts“. Jetzt kann ich Creative Nonfiction von David Foster Wallace und Kollegen lesen. Meine Prüfung wird geil.

Ich will nicht sagen, dass ich noch länger hätte studieren können. Aber die Zeit hat mir einige gewaltige Freiheiten gegeben. Genug Zeit, in der hohle Ratschläge Fremder zu eigenen Erkenntnissen reifen konnten. Genug Zeit zum Ausprobieren in und neben der Uni. Genug Freiheit, um im Studium für die Arbeit zu lernen und von der Arbeit fürs Studium zu lernen. Außerdem Training in Selbstorganisation und vertiefende Einblicke in Bürokratie.

Ich glaube, dass es für die wichtigsten Lektionen im guten alten Magisterstudium keine Scheine gibt. „Entscheidungen treffen“ ist mein heimliches Hauptfach, und diese Prüfung ist vielleicht die wichtigste von allen.

Martin anfeuern? Der Autor dokumentiert das Ende seines Studiums auf fertig-werden.com.

Magister Artium

Studierte man  Naturwissenschaften auf Diplom, war der Magister in Deutschland traditionell der typische Hochschulabschluss für Geisteswissenschaften. Der Aufwand entsprach in etwa einem Lehramtsstudium. Der Magister erlaubte aber eine relativ freie Zusammenstellung von Fächern, die typischerweise nicht in Schulen unterrichtet werden. Im Zuge der Bologna-Reform sind Magisterstudiengänge seit 1999 sukzessive abgeschafft worden.

An der Universität Freiburg werden seit dem Wintersemester 2007/08 keine Studierenden mehr in Magisterfächer aufgenommen. Spätestens im Frühjahr 2015 müssen die letzten Studierenden in diesen Fächern ihre Prüfungen bestehen. Im zurückliegenden Sommersemester 2013 waren noch knapp 350 von ihnen eingeschrieben.

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  [Illustration: Karo Schrey]