Sein Körper ist eine Baustelle

David Weigend

Tobias D. itzt auf dem Behandlungsstuhl. Ihm wird kein Zahn gezogen. Der 26-jährige Buchhalter will sich tätowieren lassen. Während Tätowierer Kai Fischer mit Alkoholmarker die Umrisse auf den Oberarm zeichnet, erzählen die beiden Freunde, welche Bedeutung Tätowierungen für ihr Leben haben.



Angefangen hat alles mit Mötley Crüe. "Nikki Sixx und Tommy Lee hatten immer so Wellen und Koikarpfen am Brustbereich. Das habe ich gesehen, als ich mir mit neun Jahren die Bravo gekauft habe. Ich dachte mir: ,Whow, das will ich auch.'"


Das erzählt Kai Fischer, während er seinem Kumpel Tobias die Konturen eines Stiefmütterchens auf den linken Oberarm skizziert. "Stiefmütterle waren die Lieblingsblumen meiner Mutter. Sie ist vor zweieinhalb Jahren gestorben", sagt Tobias.



Auf seiner Brust, die Tobias als Baustelle bezeichnet, sind bereits zwei satte Old School Schwalben eingraviert. Die Vögel halten zwei weiße Transparente. "Da sollen noch die Wörter Sweet und Sour drauf", sagt Tobias. Das ist sowas wie seine Grundeinstellung. Es gibt nichts Süßes ohne was Saures. Die Weltanschauung des Realisten. Dagegen sind die Tribals, mit denen sich Tobias 18jährig tattootechnisch entjungfern ließ, relativ wertfrei: "Nicht jedes Tattoo muss eine Bedeutung haben."



Tobias hasst das Tätowieren eigentlich. Wegen dem Schmerz, der sich so anfühlt, als ob man mit dem scharfen Fingernagel über den frischen Sonnenbrand kratzt. "Beim Strahlenkranz auf dem rechten Unterarm dachte ich, ich beiß' in den Stuhl." Beim Herz mit dem Stacheldraht hingegen spürte Tobias so gut wie nichts.

Schwerwiegender als der Schmerz in seinen diversen Härtegraden ist die Tatsache, dem Tätowierer im Grunde nie richtig erklären zu können, wie das Motiv genau aussehen soll. Vier Menschen haben bisher die Nadel in Tobias Oberkörper gestochen. Immer kam etwas anderes dabei raus, als er sich das ursprünglich vorgestellt hatte.

"Dennoch, ich würde nie was wegmachen lassen", sagt Tobias. Ihm gehe es, und das ist erstaunlich, mehr darum, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt tätowieren zu lassen, als um die Wahl des Tattoos selbst. "Ob mir das jetzt morgen noch gefällt, ist mir nicht so wichtig", sagt er. "Ich mach' es, hier und heute, diese Einstellung ist entscheidend. Und dass man zu dieser Entscheidung ein Leben lang steht." Tattoo als ewiger Körperschmuck, nicht mehr und nicht weniger.



Für ihn habe das Tätowieren viel zu tun mit Kindheit und Jugend. Das flammende Herz auf seinem rechten Arm erinnert ihn an die Heiligenbilder, die er als Kind zu Hause gesehen hat, er verbindet sie mit einem Gefühl der Geborgenheit. Dieses Gefühl will er nicht mit Stolz verwechselt wissen. "Den Begriff mag ich nicht."

Sicherlich werden viele den Kopf schütteln, wenn Tobias seinen Plan verwirklicht und sich das Prechtaler Wappen auf die Wade tätowieren lässt. "Ich bin in Prechtal aufgewachsen, das ist meine Heimat. Der Ort bedeutet für mich eine schöne Zeit."

Zu den Verständnislosen gegenüber Tobias' Zier gehört mitunter seine 45jährige Schwester, die ihn deswegen belächelt. "Andererseits habe ich gemerkt, dass Menschen jenseits der 60 Tattoos toll finden", sagt Tobias. "Für die hat es wohl nicht mehr diesen Assitouch, den Leute zwischen 40 und 55 oft damit in Verbindung bringen."



Tobias erhebt sich vom Behandlungstuhl, nimmt einen Schluck französischen Sirup, raucht eine, betrachtet die schwarzen Umrisse auf seinem Arm im Spiegel. Die Skizze von Kai ist dynamisch. Blumen und Wellen, die den bereits vorhandenen Koikarpfen umspielen. Viel drunter und drüber. So hat es sich Tobias vorgestellt. Vielleicht kann Kai diese Vorstellung so gut umsetzen, weil er Tobias schon seit der Grundschule kennt.

Kai, der beruflich tätowiert, hat ein Faible für japanische Motive, insbesondere für Drachen. Ihrer drei schmücken seinen Körper. Einer am Bauch, einer am Bein und einer am Arm. "Für mich ist das ein Ausdruck von Stärke und Mut. Eigenschaften, die mir im Leben auch schon gefehlt haben", sagt der 27-Jährige. Der Tribaldrache auf seinem rechten Oberschenkel war sein erstes Tattoo. Er hat es sich selbst gestochen, in drei Sitzungen. "Heute würde ich es auch in einer schaffen." Kai ist stark geworden.



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Kai Fischer arbeitet noch bis Monatsende in einem Freiburger Studio und will sich danach selbständig machen. Interessenten erreichen ihn unter der Nummer 0176 / 621 49 844. Hier noch zwei seiner Arbeiten in fertigem Zustand.