Seele, Hymnen, Gänsehaut: Rocky Votolato im White Rabbit

Matthias Cromm

Er ist einer der wenigen richtig guten Singer-Songwriter, sagt fudder-Autor Matthias Cromm über Ricky Votolato. Am Dienstagabend spielte der ehemalige Sänger der Band Waxwing in Freiburg. Wie's war:



Rocky Votolato ist ein unglaublicher Lichtblick im Singer-Songwritertum. Er entstammt der Generation der Neunziger und Nuller Jahre – der Generation der Emo-Punks-entdecken-Folk-und-Country. Seine damalige Band Waxwing legte in nur wenigen Jahren eine beeindruckende Entwicklung vom rockigen Post-Hardcore zu emotionalem, Folkinspiriertem Punk mit großen Hymnen hin. Dessen logische Konsequenz war leider die Auflösung der Band zugunsten von Votolatos Singer-Songwriter Karriere.


Die Geschichte der Singer-Songwriter geht weit in Blues, Folk- und Countrymusik zurück, Leadbelly, Woody Guthrie, Cisco Housten, Pete Seeger, Johnny Cash, Bob Dylan, Townes van Zandt, Bruce Springsteen, Patti Smith sind sicherlich ganz gute, altgediente Vorbilder für die heutige Szene.

Das Genre Singer-Songwriter ist ein schwieriges - kein Verstecken grenzdebiler Lyrics hinter Beat, keine beeindruckende Lautstärke, die über mangelnde Authentizität hinwegtäuscht, keine rasante Geschwindigkeit, die mäßiges Songwriting kaschiert. Vielleicht ist es auch nur mein persönliches Empfinden, aber Singer-Songwriter sind keine seichte musikalische Unterhaltung.

So muss man sie hören, konzentriert - oder man lässt es. Entweder sie schaffen es zu berühren oder sie sind überflüssig wie ein Kropf, es gibt kein ganz OK, nur ein entschiedenes Ja oder schlichtes Nein. Die Verhältnisse sind mehr als schief verteilt. Auf eine Armee überflüssiger Kröpfe kommt ein Diamant, wenn überhaupt.

Ein solcher steht am Dienstagabend im White Rabbit auf der Bühne. Rocky Votolato hat ein Schild mitgebracht – darauf steht: "Bitte nicht rauchen." Im Hasen findet so etwas keine Beachtung, so ist das eben mit der ausgesuchten individuellen Freiheit. Trotz des blendenden Wetters ist der Gewölbekeller wohlgefüllt. Die Publikumsspanne reicht von gealterten Punkrockern bis hin zu jungen Mädchen.

Das Ende des Tunnels

Solo ist der 38-Jährige wieder rockiger geworden - nach seinen leisen, sehr akustischen Jahren wäre die aktuelle Platte wäre auch eine würdige Waxwing Scheibe. Rocky Votolato ist klein, Wollmütze auf dem Kopf, Flanell-Karohemd, Jeans, Turnschuhe, drei Wochen Bart. Es ist bereits sein viertes Konzert in Freiburg, die Premiere mit einer kompletten Band, Tempo und Lautstärke sind dem aktuellen Album "Hospital Handshakes" angepasst.

Die Songs aus allen Phasen seines Schaffens (inklusive einiger Waxwing Stücke) sind wie man sie von ihm kennt und erwartet düstere Perlen der Suche, voller Sehnsucht und Spannung. Meist spielt die volle Band, einige Songs bestreitet er jedoch alleine mit akustischer Gitarre und Harp, ganz und gar reduziert auf die Story und diese eindringliche Stimme.

Doch so tief die Sehnsucht auch sein mag, so kraftvoll weiß sich Rocky Votolato freizusingen, mit geschlossenen Augen und zwei steilen Falten aufwärts der Nasenwurzel sucht er das Licht am Ende des Tunnels - es ist nicht zu sehen, noch nicht. Allein die ungewisse Ahnung trägt den Schimmer einer Hoffnung durch das gesamte Set, drängend nach vorne aus voller Seele.

Rocky Votolato hat genau das, was vielen Singer-Songwritern fehlt, Seele - gepaart mit der Fähigkeit, musikalisch zu transportieren, was er zu sagen hat, Gefühle in Hymnen zu packen, Gänsehaut zu erzeugen - und eben die gleiche Sehnsucht, die auch er selbst hat - so dumm das geschrieben klingen mag.

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[Foto: Matthias Cromm]