Sechs ist nicht genug

Dirk Philippi

Wenn Männer sich binden, dann ist das nicht selten frei von üblichen Regeln und Normen – zumindest bis sich Kollegin Eros einmischt. Dirk erzählt in seiner neuesten Anekdote aus einem hübsch oberflächlichen Leben von einem Zweier-Ding, dass den Dreier mit sechs nicht überlebte.



Balu und ich waren gute Freunde – sehr gute Freunde. Wir teilten unsere ersten Frauen-, Alkohol-, Konzert-, Zeltorgien-, Urlaubsbusreisen-, Nachtsinsfreibad-, Horrorfilm- und Liebeskummer-Erfahrungen. Oft sah mich Balus Mutter häufiger als meine eigene und einmal gab ich bei einem Preisausschreiben, bei dem man ein schickes Surfbrett gewinnen konnte, sogar aus Versehen seine anstatt meiner Adresse an. Es soll in unserer piefigen kleinen Stadt auch Gerüchte über unser angebliches Schwulsein gegeben haben, über welches wir uns köstlich amüsierten, das wir aber mit einem schockierenden Hand-in-Hand-Auftritt in unserer Stammdisko souverän konterten. Eigentlich war Balu die ideale Frau, die nicht nachfragte, wenn man nicht reden wollte, die Suppe im Bett ohne rettenden Unterteller aß, die keine Probleme hatte, nass aus der Dusche bis ins Zimmer zu laufen, und die sonntags am liebsten im Bett liegen blieb, um die Plattensammlung von Alice Cooper bis ZZ-Top und von Zappa zurück bis zu den Ärzten zu hören.


Kennen gelernt hatte ich Balu nicht etwa in der Schule, sondern im Fußball-Verein, wo er mich als Libero und Viererkette in einem (seine knuddelige Körperfülle gab ihm den Namen) im Mittelfeld mit Bällen fütterte. Wir waren beide äußerst lauffaul und divenhaft, was uns gleich im ersten gemeinsamen Jahr einige Waldum- und Durchquerungen bescherte – ausreichend Gelegenheit sich näher zu kommen. Gemeinsam machten wir uns auf, das beschissene Teenie-Dasein zu überleben – was wir natürlich damals nicht wussten. Mit unserem C-Jugend-Trainer fingen wir an, den wir nach einem verregneten Donnerstagstraining mit herunter gezogenen Hosen in unserer Kabine empfingen. Er ging, wir blieben und wurden beste Freunde.



Heute kenne ich nicht einmal Balus Telefonnummer. Ich weiß nicht, ob er geheiratet hat und nun einen bescheuerten Doppelnamen trägt, ob er noch immer diese bratpfannengroßen Basstöpfe in seinen Standboxen hat und ob er manchmal noch an damals denkt, wo doch jede einzelne Anekdote mit ihm einen Kinofilm verdienen würde. Getrennt haben wir uns, wie bei jeder hübschen Männerfreundschaft, irgendwie zumindest wegen einer Frau – wegen Sandra, einer lächerlichen sechs von zehn.

Mit ungefähr fünfzehn hatten Balu und ich angefangen Frauen in ein Punkteschema einzuordnen. Null bis fünf Punkte ergatterten die Oer-Erkenschwick-Modelle, Mädels, die gerade noch so keinen Seitenblick mehr als den ersten verdienten, sechs Wertungspunkte unsere späteren Freundinnen und sieben, wer lecker aussah, uns in unsere Träume begleiten durfte, aber keines Blickes würdigte. Nicht dass uns Platz 1-3, also die mit acht, neun oder zehn Punkten, nicht auch nicht anschauten, aber diese Frauen waren verzaubert und fern jeder Realität. Sie waren Projektionen von Frauen, die zudem ohnehin das nicht hätten halten können, was sie versprachen, dafür waren sie schlicht zu gut gewesen. Mit sechzehn dann schafften wir die Platzierungen 1-3 ab und kreierten das Prädikat „Treppchenfrau“. Der Grund: zu oft hatten wir einen ersten Platz vergeben, was uns einige Mädchen später jede realistische Wertung unmöglich gemacht hatte. Dass wir unsere Preisrichtertätigkeiten noch um die Bewertung von suborganischen Kategorien wie „Bauch-Zehnern“, „Titten-Zweiern“ oder „Gesichts-Fünfen“ erweiterten, sei an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt. Schuldig jedenfalls fühlten wir uns nie, aber genau so etwas schweißte uns zusammen.



Bis zu Sandra hatten wir beide ausschließlich einige Wochenendbeziehungen, wobei sich deren Bedeutung von der momentan so weit verbreiteten Partnerschaftsform besonders in punkto Länge unterschied – meist blieb es beim ersten Wochenende. Die Sache zwischen Sandra und Balu aber war etwas anderes. Er hatte sie nicht ein einziges Mal erwähnt, keinen schlüpfrigen Spruch über sie gerissen, hatte sie bei einem Ferienjob kennen gelernt und - wie ich später erfuhr - bei einem Candlelight-Dinner einfühlsam verführt. Mir hatte er gesagt, er sei krank und mich auf die folgende Woche vertröstet. Dabei war ich erst gerade wieder Single, nachdem ich von Julia für meinen „Lass uns doch Ex-Freunde bleiben“-Satz eine kassiert hatte, und mich langweilte. Ich entschied mich, einige Tage zu warten, ehe ich mit zwei Videokassetten („Slapshot“ & „The Breakfast Club“) und drei Liter Eistee auf vermeintlichen Krankenbesuch ging. Balu öffnete die Türe, blickte so wie damals, als er sich während dieses einen Sonntagsspiels nach Yannicks Geburtstagsparty im Mittelkreis übergeben musste und dennoch durchspielte, und bat mich hinein. Sandra saß auf meinem Sofa, trank aus meinem Andechs-Weizenglas, hatte ihre Füße auf meinem Sessel und trug um den Hals ein Oer-Erkenschwick-Schild. Eindeutig eine sechs von zehn - wenn überhaupt.

„Hi“ „Hallo“ „Das ist Sandra - das ist Dirk!“ „Hi Dirk!“ „Hallo. - Geht’s wieder besser, Amigo?“ „Bestens, Danke.“ „Wieso besser, Thomas?“

„Thomas“, pah! So hatte Balu niemand in den letzten drei Jahren mehr genannt! Balu faselte etwas von einem umgeknickten Fuß im Training und stillte so Sandras Neugier – ich aber wusste Bescheid. Balu ging auf Toilette, die Peinlichkeit herunter spülen. Sandra und ich redeten. Sie spricht über den musischen Melancholiker, der gerne kocht und in seiner Freizeit Sade und Klaus Lage hört. Ich denke an den gröhlenden St.Pauli-Fan, die Currywurst-Vernichtungsmaschine, die jedem Rock hinterher pfeift, nicke aber, wenn sie weiter vom geselligen Mühle- und Rommé-Abend erzählt und seine Strickkünste (!) lobt. Als Balu von der Schüssel kommt, ist sie verzückt, er verliebt und ich verwirrt. Sie küssen sich und ich frage mich, warum Balu mit mir nie ins Theater wollte und verschwinde.

Zwei Monate später war es aus zwischen den beiden. Sandra hatte ihn mit unserem Torjäger, „Bohnen-Toni“, dem von Flatulenz geplagten Knipser und Duschpinkler, betrogen und nun sollte ich ihn die Brettspiele, den Lauch-Auberginen-Auflauf, die Theaterbesuche, kurz Sandra, vergessen lassen. Ich sollte mit ihm trinken, grölen, schlechte Witze erzählen und Mädchen treffen. Natürlich machte ich, worauf ich acht Wochen gewartet hatte.



Als ich nachts um drei mit Balu und zwei Zahnarzt-Helferinnen am Basler Münster lehne, drehe ich mich zu ihm und sage ihm, was er wohl nicht auf die Reihe bekommen hat, dass es mit den Mädchen nämlich nur klappt, wenn wir dafür geliebt werden, dass wir laut schweinische Witze erzählen, mal einen über den Durst trinken und gerne einen Burger zuviel bestellen. Ich füge hinzu, dass dies unter Männern prinzipiell nicht anders sei, nehme einen kräftigen Schluck aus der Martinipulle und gebe zu, dass ich auch schon mal ohne ihn im Theater war. Balu bekam wieder diesen irren Blick und verschwand mit einer der Zahnfeen in die Nacht – hinein in ein Leben ohne grölenden Freund.

bonustrack/tocotronic: So jung kommen wir nicht mehr zusammen So jung jung werden wir uns nicht mehr sehen Und ich find' es war schön doch ich weiß nicht genau

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