Sea You 2014: So war der Sonntag

Bernhard Amelung, Marius Buhl & Daniel Laufer

Das große Unwetter ist zum Glück ausgeblieben und von Schlamm und Regen hat sich das Sea-You-Partyvolk nicht abschrecken lassen. Impressionen vom Festivalsonntag mit erstaunlich will Sonnenschein, Gummistiefeln, einem wenig schmackhaften Burger und einem großartigen Dominik Eulberg:



Große Erwartungen

Pillowtalk, Soul Clap und Marcel Dettmann verspricht die Sea You für den Sonntag. Starkregen, zwei Zentimeter große Hagelkörner und schwere Sturmböen der Deutsche Wetterdienst. Schon auf dem Hinweg drängen sich da Bilder von wegfliegenden Camping-Zelten auf, wie in Zeitlupe, der See überschwemmt das Ufer, Tausende, ganz in Panik, fliehen in den Wald, dazu anfeuernder Techno, vielleicht mit Klavier und Flächensounds als Kontrastpunkt. Das Ende könnte ja so poetisch sein.



Schon eine Waldbiegung später folgt die Feststellung: Noch ist die Apokalypse nicht eingetroffen. Hunderte Körper wackeln durch die Nachmittagssonne, gut, es sind ein paar weniger als am Vortrag. Die Fehlenden kauern zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich daheim vor dem Radio und hören das Wetter und danach David Guetta oder Calvin Harris. [Daniel Laufer]

Der Morgen danach

Am Anfang war alles wüst und leer. Was so ähnlich in den ersten Versen der Genesis zu lesen ist, gilt auch für Tag zwei der Sea You. Zigarettenkippen, zertretene Plastikbecher und -flaschen, Plastiktüten, Pappschalen, Plastikblumen und die eine oder andere Indianerfeder liegen auf dem Boden neben T-Shirts, Schals, Pullovern und einem Bikinioberteil.

Das sieht alles ganz schön traurig aus, man möchte alles mit einem Mantel des Vergessens zudecken. Andererseits haben die Spuren des vorangegangenen Tages, der Zerfall, auch ihren Charme.



Über Nacht und am Vormittag hat es ein wenig geregnet. Deshalb ist der Boden aufgeweicht, aber nicht matschig. Noch quietscht der Matsch nicht unter den Sohlen, noch quillt der Schlamm nicht durch die Zehen. Doch das könnte sich bis zum Abend ändern. Starkregen ist angekündigt. Deshalb machen sich Techniker daran, das wunderschöne Pier-Zelt und die Musikanlagen noch sicherer zu vertäuen. [Bernhard Amelung]



Dave Leon am See

Die Mittagsstunde gehört den Locals, Disc Jockeys wie Dave Leon oder Eiskaltes Händchen, die seit Jahren mit eigenen Partyreihen das Nachtleben in Freiburg bereichern. Letztgenannter brachte am Samstagnachmittag das Zelt auf Betriebstemperatur, Erstgenannter eröffnete am Sonntag die kleine Seebühne mit melodischem Tech-House. Tanzbare und doch leicht verträgliche Kost, perfekt für die ersten Stunden nach einer langen, heißen Tanznacht. [Bernhard Amelung]



Happa-Happa

Vor den Bühnen tanzen Massen von Menschen, an den Bars steht man Minuten lang, vor den Essensbuden dagegen ist kaum jemand anzutreffen. Ob’s am Essen liegt? Wir probieren uns durch fünf Gerichte.

Die Pizza ist ganz okay, eher amerikansich als italienisch, aber fein. Die Bratwurst ist Welt-, das Brötchen dazu Kreisklasse. Die Crêpes mit Nutella sind - wie Crêpes mit Nutella nun mal sind - oberlecker. Die Thai-Nudeln besser als erwartet, das Glutamat ist aber dann doch etwas zu stark raus zu schmecken. Die Burger schließlich sind eher latschig, von frisch zubereitet kann hier keine Rede sein; dass der Bacon darauf schon beim ersten Bissen auf einer Majo-Rutsche ins schlittern gerät, spricht ebenfalls nicht für den Burger. [Bernhard Amelung]

Pillow Talk im Pier-Zelt

Sonnenhelle Melodien, dunkle, perkussive Grooves, gehauchte Vocals: Sammy D, Ryan Williams und Michael Tello, besser bekannt als Pillow Talk, sorgen für den musikalischen Schmalzmoment der Sea You. So muss es klingen, wenn Musiker den Sonnenuntergang mit Blick auf die Brooklyn Bridge oder die Golden Gate Bridge im Nebel vertonen. Letztere könnte durchaus Pate für die Klangskizzen der drei Jungs gestanden haben. D, Williams und Tello kommen nämlich aus San Francisco. Mehr Hipster geht nicht. [Bernhard Amelung]

T-Shirts mit Sprüchen

Die Sea You ist ein Paradies für Wortspieler, Sprücheklopfer und andere Satz-Akrobaten. Da ist zum Beispiel ein junger Mann Anfang zwanzig, der sich den weisen Satz “Wer will findet Wege, wer nicht will, findet Gründe” auf die Brust tätowiert hat - in schwarzen, fünf Zentimeter hohen Lettern, einmal quer rüber.



Sehr beliebt sind auch Jute-Taschen mit Botschaften drauf, zum Beispiel der Knaller: “Die Klapse hat heut’ Wandertag”. Auch schön: “Techno changed my life!” Andere bestechen durch T-Shirt-Ironie: “Rave, Fuck, Sleep, Repeat!” Ein junges Mädchen hat eine Botschaft für die ihr sehnsüchtig nachblickenden Jungs: “Maybe, Baby”! Noch besser, weil derber: “Hopper an die Wand, Deutschland ist ein Techno-Land.” Und schließlich das selbstironische Highlight: “Nein, ich bin kein Hipster!” [Marus Buhl]

Dominik Eulberg auf der Float-Bühne

“Marco Carola hat eine Mittelohrentzündung und kann auf der Sea-You nicht auflegen!” Diese Botschaft enttäuschte viele Sea-You-Gänger, hatten sie sich doch sehr auf den neapolitanischen Techno-Musiker gefreut. Von der Bank kam daraufhin kurzfristig Dominik Eulberg - und zerlegte das Festival.



Zwei Stunden lang feierte der Westerwälder Ornithologe eine Elektro-Orgie, und zeigte, wie man als Joker brilliert. Selbst im sonst eher lethargischen Backstage-Bereich tanzten die Leute zu Eulbergs Drops - eine Sache, die sowohl vor als auch nach ihm niemand mehr hinbekam. Respekt! [Marius Buhl]

Wo bleibt das Unwetter?

Der aufregendste Momente in jedem Techno-Track ist der, bevor der Drop einsetzt. Die Spannung steigt, ganz gemächlich, bis das Publikum irgendwann vor dem Kollaps steht, es kaum noch erwarten kann. In diesen Sekunden geschieht etwas Eigenartiges: Die Luft knistert, der Boden schwindet und der Mensch beginnt zu leben.

Diesen Moment gibt es freilich auch am Sonntag auf dem Sea You, er dauert nur mehrere Stunden an. Die Sonne ist verschwunden, es ist schwül und heiß. Dunkle Wolken sammeln sich, auf einmal nieselt es. Aufgekratzt wuseln Techno-Jünger von links nach rechts, rein ins Zelt, raus aus dem Zelt, schnell ein Regencape geholt, vielleicht eben noch mal rüber zur „Bay“-Stage?



Doch die „Bay“-Stage auf der gegenüberliegenden Seite des Sees ist schon um kurz nach sechs dicht, wie der Weg dorthin. „Wegen der Unwetterwarnung“, erklärt ein Ordner. „Wenn das richtig kommt, wird alles evakuiert.“ „Alles?“ „Das ganze Gelände.“ Der Regen wird stärker. Seine Kollegen versammeln sich an den Containern neben dem Eingang, der ist längst abgebaut. Hunderte springen an der „Float“-Stage auf und ab. Sie können gar nicht anders: Wo bleibt die Erlösung? Wo der Drop? Wo das Unwetter? [Daniel Laufer]

Schlamm? Egal!

Frühabends, so gegen 6 vor dem Zelt: Knöcheltief schmatzen junge Raver durch den Matsch, sie wollen Ben Klock sehen. Dass ihre Füße dabei dreckig werden? Geschenkt. Dass die weißen Schuhe nie wieder sauber werden? Egal. Dass es im Zelt stinkt, wie auf einer australischen Rinderfarm? Wurscht! Für einen ordentlichen Tanz nehmen diese jungen Herren und Damen nahezu alles in Kauf. Gut so!



Stiefel-Style

Das Unwetter in all seiner Naturgewalt bleibt aus, die Party geht weiter. Neue Erkenntnisse gibt es trotzdem: Mal sind sie knallpink, mal klassisch olivfarben, mal mit Blümchen drauf, mal kariert - Gummistiefel taugen als Modestatement, und sie taugen, um das betörende Weggehoutfit trotz des ganzen Matsches zur Schau tragen zu können.



Jetzt noch ein Regenschutz und man ist für alles gerüstet, was am Sonntag vom Himmel kommt. Klar, kein Electro ohne Blitz und Donner — aber dann doch lieber alles aus der Dose.  [Daniel Laufer]



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[Fotos: Miroslav Dakov, Daniel Laufer]