Sea of Love: Spaß am See - Ärger an der Messe

Alexandra Sillgitt & Joachim Röderer

Die zwei Gesichter des Sea-of-Love-Festivals 2011: Während am Tunisee Tausende von Menschen ausgelassen tanzten, braute sich an der Messe zur Abendveranstaltung das große Ticket-Chaos zusammen. Ausschreitungen wie am Freitag blieben jedoch aus.



Rund 25.000 Menschen haben am Samstag am Tunisee das "10. Sea of Love" ausgelassen gefeiert und getanzt. Absolutes Highlight für zahlreiche Festivalbesucher: der Auftritt des New Yorker Künstlers Moby auf der Hauptbühne. Davor hatte Paul Kalkbrenner mit seinen Beats den Puls der Partywilligigen nach oben getrieben. Allein der schwere Unfall eines jungen Mannes, der an einer flachen Stelle kopfüber in den See sprang, trübte die Laune der tanzenden Menge. Er wurde mit schweren Rückenverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Doch die Rotoren des Rettungshubschraubers wirbelten nur kurz das Wasser am See auf. Ärger braute sich erst gegen Abend zusammen, als Tausende von SOL-Besuchern mit Shuttlebus, Rad oder zu Fuß nach eineinhalbstündigem Marsch zur Partylocation Messe wechseln wollten - und vor Ort nicht eingelassen wurden.

Nach Stau- und Parkchaos am Freitag wurde die Wut der Menschen auf den Veranstalter Endless Event erneut im Eingangsbereich der Messe angefacht. Der Grund: Viele hatten bis zu 80 Euro für ein Festivalticket bezahlt. Das beinhaltet zwar die Party am See, nicht aber die Abendveranstaltung "Sea of Love@Night" auf der Freiburger Messe. Wer dorthin wollte, brauchte ein extra Garantieticket - dieses wurde sowohl verkauft als auch verschenkt als auch verlost. Während der Veranstalter den einen die Garantiekarten gleich stapelweise in die Hand drückte oder sie verlosen ließ, verkaufte er sie zusätzlich für 3,50 Euro an den Bonkassen.

Festivalbesucher beschimpfen Security

"Doch davon wusste keiner etwas, keiner", meint Sebastian Braun aus Rastatt. Der 25-Jährige war am Samstag angereits und hatte sich an der Kasse am Eingang ein Ticket gekauft. "Zuerst wollte ich nur ein Tagesticket kaufen, aber die Verkäuferin sagte, die gebe es nicht mehr. Ich solle eins für das komplette Festival kaufen - nur das war 35 Euro teurer", berichtet Braun. Dennoch griff er zum Geldbeutel, auch weil die Verkäuferin ihm versichert habe, mit dem Festivalticket habe er auch Zutritt zur Rothaus-Arena. Ein Irrtum, wie er vor Ort feststellen musste. "Es geht ja nicht um die 3,50 Euro - das Ganze ist einfach eine Frechheit."



"Ich bin extrem enttäuscht von Deutschland", ärgerte sich auch Christoph Frei aus Lausanne in der Schweiz, der mit sieben Freunden nach Freiburg gekommen war. 120 Franken habe sein Ticket gekostet - "Sea of Love@Night" inklusive - dachte er jedenfalls. Dass man nun plötzlich noch ein Zusatzticket brauchte, das sei Abzocke, sagte er in der Diskussion mit der Security, die von vielen aufgebrachten Festivalgästen beschimpft wurde.

So wie der Gruppe aus Lausanne ging es vielen: Sie verließen noch vor Hauptact Moby um 21:30 Uhr den See, um auch ja rechtzeitig zum Messegelände und in die Halle zu kommen. Vort Ort mussten dann viele feststellen, dass ihre Tickets nichts wert waren. So auch Caroline Mödlinger aus Calw. "Der Abend ist für mich gelaufen - und dafür habe ich 80 Euro plus 40 Euro für den Campingplatz gezahlt", berichtet die 26-Jährige erbost. Auch sie hätte die 3,50 Euro ohne mit der Wimper zu zucken gezahlt - hätte sie nur davon gewusst.

Selbst auf der Internetseite des Veranstalter stand bis kurz vor Party-Beginn in der Rothaus-Arena nichts von einem Extraticket. "Das Festivalticket berechtigt zum kostenlosen Eintritt auf die Sea of Love @ Night" heißt es im FAQ der Seite. Erst im übernächsten Absatz steht: "Achtung: das Festivalticket ist keine Einlassgarantie für die Sea of Love @ Night – ein Anspruch auf Einlass wird ausdrücklich nicht gewährt."



Polizei bemängelt fehlende Kommunikation

Dahinter verbirgt sich eine einfache Rechnung. Während bei dem Festival am Tunisee rund 25.000 Menschen für die Party zugelassen sind, passen in die Rothaus-Arena und die zusätzlich gemietete Messehalle 13.000 Menschen. Nicht jeder, der am See feierte, konnte die Party zu später Stunde auf die Messe verlagern.

"Die Kommunikation zwischen Veranstalter und Besuchern ist extrem schlecht", bemängelt Polizeisprecher Karl-Hein Schmid gegenüber der Badischen Zeitung. Das sei auch schon am Vortag der Fall gewesen. Der Auftakt zu dem Festival fand in der Rothaus-Arena statt. In einem Schwung reisten zahlreiche Jugendliche an - zu viele für die an diesem Abend für 6500 Menschen ausgelegte Halle. An diesem Abend gab es keine Extra-Tickets, wer zuerst kam, wurde auch eingelassen - zumindest solange, bis die Halle ihre Kapazität erreicht hatte. Gegen 1:30 Uhr ging nichts mehr.

Dafür hatten die rund 2000 Wartenden vor der Halle nach Stunden im Stau und Stunden in der Schlange vor dem Eingang nur wenig Verständnis - die Situation drohte zu eskalieren. "Die Menge stand sehr dicht, als uns Notrufe aus den ersten beiden Reihen erreichten, haben wir den Fluchtweg geöffnet, um den Druck zu entlasten", berichtet Polizei-Einsatzleiter Spencer Diringer. Ein weiteres Problem sei gewesen, dass der Veranstalter hüfthohe Sperrgitter aufgestellt hatte, um die Menge zu entzerren - diese so genannten Wellenbrecher standen allerdings direkt vor den Fluchtwegen und waren so im Konzept nicht genehmigt. Die Polizei entfernte sie. "Während des Einsatzes flog eine halbvolle Flasche Jägermeister an mir vorbei, teilweise ging ein Dosenhagel über uns nieder", berichtet Diringer. Die Situation sei aufgeheizt gewesen, die vom Veranstalter bestellten Ordner seien schlecht organisiert gewesen und schlecht eingewiesen worden. "Dabei haben doch viele noch das Drama bei der Loveparade in Duisburg im Hinterkopf", meint Diringer.

Als Reaktion auf die Beinah-Eskalation hatte der Veranstalter am Samstag extra ein Info-Team eingerichtet. Im Lauf des Tages wurden Flyer in den Toiletten am Tunisee geklebt und Durchsagen gemacht, die darauf hinweisen sollten, dass nur der in die Rothaus-Arena kommt, der auch ein Garantie-Ticket habe. Doch die Information ging bei vielen offensichtlich im Tanztaumel unter.



Auf dem Weg zwischen Tunisee und Messe starteten einige Festivalbesucher besonders halsbrecherische Aktionen. Sie versuchten die Autobahn A5 zu überqueren und - unglaublich!- am Mittelstreifen zu trampen. Die Polizei hatte bereits eine Sperrung der A5 zwischen den Freiburger Anschlussstellen Mitte und Nord in die Wege geleitet, als in letzter Minute Entwarnung kam. Die Leichtsinnigen waren wieder in der Spur und auf den Weg neben der Autobahn zurückgekehrt.

Die Veranstalter waren am Samstagabend für keine Stellungnahme zu erreichen. Im Gegenteil: Sie versuchten um Mitternacht gegenüber den Medien ihr Hausrecht durchzusetzen. Die Security sollte die Presseleute und Kamerateams vom Messegelände werfen - ohne Erfolg.

Sea of Love wird am Sonntag fortgesetzt. Am Tunisee tritt am Abend als Höhepunkt des Festivals Superstar David Guetta auf.

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[Foto 1: Jan Lienemann; Foto 2 & 3: Caro]