Sea of Love-Check: Stars, Granaten und Geheimtipps

Bernhard Amelung

Nur noch fünf Wochen bis zur Sea of Love! Dann fluten sie den Tunisee: zig namhafte DJs, Produzenten und Live Acts aus dem Bereich der elektronischen Clubmusik. Um dabei nicht den Überblick zu verlieren, haben wir die Künstler einem knallharten Check unterzogen:



Stars mit Glamour

David Guetta
Vielmehr Popstar als House-DJ und Produzent, arbeitet der Franzose David Guetta seit seinem internationalen Durchbruch zu Beginn der nuller Jahre mit Größen wie Rihanna, Kelly Rowland oder Akon zusammen. Zweimal in Folge hat er damit einen Grammy in der Kategorie „Best Remix Recording“ gewonnen und gilt als teuerster DJ der Welt.

Tiesto
Tijs Michiel „Tiesto“ Verwest kann mit David Guetta locker mithalten. Sein künstlerisches Schaffen bringt ihn mit Popstars wie Nelly Furtado oder Calvin Harris zusammen. Jetzt fehlt nur noch ein Grammy. Dafür hat er als erster DJ überhaupt zur Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele gespielt. Er hat Athen 2004 mit seiner musikalischen Handschrift, einer Mischung aus progressivem Techno und melodischem Trance, gestaltet. Und das vor knapp vier Milliarden Zuschauern weltweit.

Moby
Seine Dance-Hymne „Go“ aus den frühen neunziger Jahren sorgt auch heute noch für Euphorie auf den Tanzflächen. 2002 beschallt er die Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City. Seine Musik, ein Amalgam aus Disco, Synth Pop, Elektro und Techno untermalt Filme wie „The Saint“ oder „The Fifth Element“ und wird weltweit für Werbefilme verwendet. Dass er auch ein begnadeter DJ ist, wissen die wenigsten. Richard Melville Hall alias Moby könnte daher über die Erfolge der Guettas und Tiestos nur lachen. Doch dazu ist er viel zu bescheiden. Ja, das ist wahre Größe!

Paul Kalkbrenner
Der Berliner Techno-Produzent und Live Act – nicht DJ! – hat in den vergangenen beiden Jahren einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und an die Ligatür zu obigen angeklopft. Interessanterweise war der Film „Berlin Calling“, in dem er in der Hauptrolle als fiktiver Techno-Produzent „DJ Ickarus“ zu sehen war, lediglich in ausgewählten Programmkinos zu sehen. Sein neues Künstleralbum „Icke wieder“ ist die Tage erschienen. Ganz ohne Vocals. Damit sind frische Electronica-Sounds jenseits von „Sky and Sand“ auf der Sea of Love garantiert. Diesen Überhit gibt es höchstens noch als Zugabe.


Altstars

DJ Rush
Isaiah Major hat in den frühen neunziger Jahren Blaupausen für einen Sound geschaffen, mit dem er gar nicht in Verbindung gebracht werden möchte: Hardtechno. Er selbst bezeichnet sein Amalgam aus Acid / Chicago House, Detroit Techno und Disco als „High Energy Soul“.

Karotte
In Deutschlands House- und Techno-Szene ist Peter Cornely alias Karotte von Anfang an dabei. Entsprechend lang ist die Liste seiner Club-Residencies. Auch heute noch. Und das zu Recht, denn in seinen Sets kommen nicht nur 30 Jahre Tanzmusikgeschichte zusammen, sondern auch der aktuelle heiße Scheiß. Und kaum einer feiert die Musik so leidenschaftlich ungebremst wie er selbst. Keine Party, kein Festival ohne Karotte!

Miss Kittin
Carolin „Miss Kittin“ Hervé ist die Grande Dame der französischen Elektronik-Szene. Spielte sie zu Beginn ihrer Karriere noch unbarmherzig harten Techno-Sound, zeichnet ihre Sets heute eine musikalische Stilvielfalt aus, die von experimentellen Aphex Twin-Produktionen bis hin zum Techno-Pop aus dem Hause Kompakt reicht. Man könnte sie vergleichen mit einem dichten, über Jahre gereiften Bordeaux, der mit jeder Minute an der freien Luft besser wird.

 

Monika Kruse
Monika Kruse, die First Lady der deutschen DJ-Szene, bringt schon seit knapp zwei Jahrzehnten jeden Tanzboden zum Beben. Schnell, direkt und schnörkellos – das ist ihr Geheimrezept.

Web: Monika Kruse
Facebook: Monika Kruse
Anspieltipp: Monika Kruse - Studio 80 Mix

Stars?!

Butch
Bülent Gürler a.k.a. Butch verbindet in seinen Stücken Latin-Grooves mit Afro-Beats. Sein Sound ist treibend und rhythmisch-perkussiv mit einem Hauch von Orient. Also langweilig und belanglos. Wie alles, was die letzten zwei, drei Jahre als revolutionäre House-Musik verkauft wurde. Und sein Überhit „No Worries“ ist nicht pulsierend, sondern monoton betäubend.

Lexy & K-Paul
Alexander Gerlach und Kai Michael Paul treten seit Ende der neunziger Jahre gemeinsam als Lexy & K-Paul auf. Dass sie sich seit dieser Zeit in das Line-up nahezu aller Festivals mogeln können, bleibt auch in diesem Jahr ein ungelöstes Rätsel. Denn mit ihrer Interpretation von House und Techno bewegen sie sich verdammt nahe an der Grenze zur schrammeligen Beliebigkeit. Auch ihr neuer Live Act reißt nichts heraus.

Moonbootica
Seit ihrem Pop-Hit „Der Mond“ mit Jan Delay als Feature-Sänger ging nicht mehr viel bei DJ KoweSix und Tobitob. Und selbst das, was danach kam, war eine Zumutung. Infantiler Elektro für angehende NEON-LeserInnen. Und diese scheint es immer noch zahlreich zu geben. Denn Moonbootica erfreut sich seit jeher ungebrochener Beliebtheit in Clubs und auf Festivals.

Moguai
Es muss an seinem äußeren Erscheinungsbild liegen, dass André Tegeler alias Moguai sich schon seit fast zwei Jahrzehnten als DJ und Produzent halten kann. Er hat kein Genre aktiv mitgeprägt, und die Halbwertszeit seiner Veröffentlichungen ist kürzer als ihre Spieldauer.


Abfahrts- und Festivalgaranten

Booka Shade
„Mandarine Girl“, „Night Falls“, „Karma Car“, und, und, und. Die Liste der großen Elektro-Stücke von Arno Kammermeier und Walter Merziger könnte man nahezu ins Unendliche weiterführen. Bei ihren energiegeladenen Bühnenauftritten bleiben kein Bein ruhig und keine Pore trocken.

Boys Noize
Alexander Ridha hat schon als zarter Teenager drückende Bassdrums und knarzige Synthesizer-Hooklines auf ein tanzwütiges Publikum losgelassen. Auf seinen Alben „Oi Oi Oi“ und „Power“ zeigt er sich als versierter ElektroTechFunk-Produzent. Seine DJ-Sets treffen Magengrube und Hüften mit einer Mischung aus PowerRave und SuperAcid. Abfa-hart!

Dubfire
Ali Shirazinia hat als Teil von Deep Dish sehr launig melodische, Song-orientierte Tanzhymnen produziert. Unter seinem Dubfire-Alias überzieht er die Tanzflächen seit Mitte der nuller Jahre mit Feuerwalzen aus House und Techno. Gnadenlos treibende Beats und rollende Bässe ohne Schnickschnack.

Ricardo Villalobos
Betritt Ricardo Villalobos die Bühne eines Festivals, geht die Sonne auf. Oder unter. Oder schon wieder auf. Man weiß es nie so genau. Denn der deutsch-chilenische DJ und Produzent verzaubert mit seiner Musikauswahl sein Publikum und lässt es Zeit und Ort vergessen. Seine charismatische Ausstrahlung und die lateinamerikanische Leichtigkeit, welche er auf die Tanzenden überträgt, machen jedes Festival zu einem einzigartigen Erlebnis.


Geheimtipps

Azari & III
Christian Farley und Alphonse Lanza begeistern als Azari & III den House-Underground schon seit dem Frühjahr 2009, als sie mit ihrem Song „Hungry For The Power“ die schwarze, schwule Subkultur New Yorks der achtziger Jahre wieder zurück in die Clubs brachten. Zwar finden ihre DJ-Sets im Hier und Jetzt statt. Über ihnen liegt jedoch stets auch ein sehnsuchtsvoller Blick zurück in die Anfangszeiten Der House-Musik. Mighty!

Fritz Kalkbrenner
Ohne Fritz Kalkbrenner kein „Sky and Sand“ – das sollte endlich auch bei den ganz verschallerten Teenie-Ravern angekommen sein. Seine Musik bewegt sich von pumpenden House-Grooves hin zu melancholisch-verträumten Melodien mit bisweilen Afterhour-Flair. In Freiburg wird er sein Album „Here Today Gone Tomorrow“ vorstellen.

Raresh
Der rumänische DJ und Produzent Raresh besticht mit seiner differenzierten Auswahl an House- und Techno-Platten. Seine DJ-Sets sind überaus feiertauglich und tanzbar, denn der vermittelt den magischen Groove und die Emotionalität elektronischer Tanzmusik wie kein zweiter. Seine Auftritte sind zugleich ein Festmahl für alle Plattenkiebitze. Kaum dass er hinter dem Mischpult steht, drängen sie sich um ihn herum, um die Titel der vielen unbekannten Scheiben aufzuschreiben, die er während eines Gigs spielt.

Underworld
Rick Smith und Carl Hyde genießen als Underworld wahrscheinlich nur noch in Deutschland den Geheimtipp-Status, und das trotz ihres Überhits „Born Slippy“, welches auch in dem Film „Trainspotting“ einen Auftritt hatte. In jedem anderen Land der Welt füllen die Techno-Popstars große Fußballstadien, hier nun endlich auch die Rothaus Arena.


Würdigung

In diesem Jahr ist die Sea of Love endgültig in der Liga der Dreitäger angekommen. Entsprechend orientiert sich ihr Programm auch an den großen Sommer-Festivals wie "Sonne Mond und Sterne" oder "Melt!". Dagegen spricht zunächst nichts. Doch damit die Sea of Love sich in dieser Liga behaupten und gegen ihre Mitbewerber positiv abheben kann, muss sie in den kommenden Jahren eigene musikalische Akzente setzen. Die malerische Lage allein ist heutzutage kein Standortvorteil mehr. Völlig sinnfrei und künstlerisch nicht durchdacht sind die kurzen Spielzeiten, mit denen sich die regionalen DJs zufrieden geben müssen. Dennoch: das Upgrade sorgt nun – endlich – für einen kleinen Meilenstein in der Festivallandschaft des Südwestens.

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