Sea of Love-Check 2012: Weniger Guetta. Mehr Pop?

Bernhard Amelung

Mit Deichkind und dem Gorillaz Sound System holt die 'neue' Sea of Love zwei hochkarätige Headliner an den Tunisee. Aber wie 'neu' ist die Sea of Love 2012 wirklich? Wie elektronisch und wie poppig? fudder-Autor Bernhard hat das Line-up einem Check unterzogen. Und kommt zu einem zwiegespaltenen Fazit:



Deichkind, Gorillaz Sound System, Birdy Nam Nam und Mr. Oizo lauten die Namen der Künstler, die KOKO-Geschäftsführer Marc Oßwald auf der halbstündigen Pressekonferenz im Coucou als Headliner für die elfte Auflage der Sea of Love bekannt gibt.


Mit Bonaparte, Bodi Bill und Frida Gold als weitere programmliche Eckpunkte schreibt der neue Veranstalter des größten südbadischen Musikfestivals die derzeitige Entwicklung in der deutschen und internationalen Festivallandschaft fort: "Rockfestivals haben sich in den letzten Jahren für elektronische Musik geöffnet und auf Techno-Festivals treten Rock- und Pop-Bands auf", so Oßwald, der mit dem Programm der Sea of Love 2012 beide Inhalte zusammenführen und vereinen möchte.

Keine andere Band entspricht dieser Konsens-Formel im Jahr 2012 besser als die Hamburger Elektro-Hiphopper von Deichkind. Mit ihrem aktuellen Album 'Befehl von ganz unten' begeistern sie Fans und kritische Feuilleton-Journalisten gleichermaßen. Die wertkonservative Frankfurter Algemeine Zeitung befindet: CD der Woche. Und Tobias Rapp meint auf Spiegel-Online: "... leider geil!" So heißt auch der Über-Hit des Albums, der mit seinem szeneübergreifenden Ohrwurm-Charakter auch das Potenzial zur Festival-Hymne hat. Zudem stehen Deichkind mit ihren Konzerten und atemberaubenden Bühnenshows für Chaos, Spaß und Ekstase und bringen daher alles mit, was ein Festival wie die Sea of Love braucht.


[Deichkind]

Kann der zweite Headliner, das Gorillaz Sound System, mit den Hamburgern mithalten? Was die bühnenwirksame Inszenierung betrifft: mit Sicherheit. Denn das Gorillaz Sound System sorgt für ein außergewöhnliches visuelles Erlebnis und wird die Festival-Besucher mit einer Leinwandshow auf eine psychedelische Reise durch Comic-Welten zwischen Manga und der Atmosphäre in 'Fear and Loathing in Las Vegas' schicken. Allerdings werden wohl kaum die Gorillaz-Gründer Damon Albarn und Jamie Hewlett für Echtzeit-Glamour an den Decks sorgen. Doch wer weiß das schon. Schließlich ist Albarn auch Mitbetreiber des erstklassigen Plattenlabels Honest Jon's und bringt mehr Mischpult-Skills mit als jeder zweite Laptop-DJ dieser Tage.

Mit Quentin Dupieux alias Mr. Oizo verpflichten die Veranstalter das Aushängeschild der französischen Clubmusik der Gegenwart. Mit seinem Sound, der nach seinem Debüt auf Laurent Garniers Label F Communications fast ausschließlich auf Ed Banger Records erscheint, hält ein knallbuntes Gemisch aus Disco, Wave und der notwendigen Prise Knarz auf dem Festivalgelände am Tunisee Einzug. Seine Synthesizer-Eskapaden und vom Filter Disco-Sound beeinflussten Elektro-Beats werden ganz bestimmt auch bleichen Intro-Lesern und schnell gelangweilten Großstadt-Hipstern eine Tanzbewegung entlocken können.

Besonders Letztgenannte können sich über die Bookings von Birdy Nam Nam - ebenfalls aus Frankreich, nämlich aus Paris, stammend - und Bodi Bill aus Berlin freuen. Diese DJ- und Band-Formationen vermengen auf ihren Alben Glam Rock, Prog Rock, Singer-/Songwriter-Folk, Techno, French House und so ziemlich jedes Subgenre, das man unter dem Dach 'Indie' vereinen kann. Allerdings sucht man im Programm der diesjährigen Sea of Love den einen herausragenden Namen, der einen zum Ticketvorverkauf ungeachtet anderer Verpflichtungen rennen lässt, vergeblich.

Ein Musiker vom Weltformat eines Moby? Eine Female Pop-Queen wie Robyn? Mit solchen Namen trumpft Marc Oßwald und damit auch die Sea of Love 2012 leider nicht auf. Aber auch angesagte Arthouse-Künstler und Künstlerinnen wie Dillon, Aéra Negrot oder Pantha Du Prince werden im Sommer nicht an den Tunisee kommen. Hier fehlt eindeutig der Wow-Moment.


[Birdy Nam Nam]

Weg vom Elektronik-Pop-Bereich hin zu den Musiken, mit denen Südbadens Sommer-Open-Air groß geworden ist: House, Elektro und Techno. Mit Carl Cox und Carl Craig bieten die Veranstalter zwei Altmeister und genreprägende Schwergewichte der Szene auf. Der eine, Cox, steht seit ungefähr drei Jahrzehnten an den Plattentellern.

Er hat den Manchester Rave, das Aufkommen von Acid House und den Summer of Love selbst miterlebt und weiß auch heute noch mit Charisma und unbestechlicher Auswahl seiner Stücke sein Publikum zu begeistern - und lehrt Mainstream-Kritiker das Schweigen. Der andere, Craig, zählt zur soundsovielten Götter-Produzentengeneration, die die Stadt Detroit hervorgebracht hat. Seit jeher unverkennbar: Seine vom rohen Maschinen-Soul und Roboter-Funk beherrschten Stücke.

Für ein Detroit 2.0 steht Seth Troxler, der sich als DJ über die vergangenen drei, vier Jahre einen Namen auf verspulten Berliner Afterhours und ibizenker Strandparties gemacht hat. An den Decks ist er ein Entertainer mit Schalk und Seele, als Produzent tritt er vor allem an der Seite von Ryan Crosson, Lee Curtis und Shaun Reeves auf. Gemeinsam heißen sie Visionquest, und gerade hier hätte der Veranstalter in der Szene mit einem Visionquest-Showcase einen Trumpf landen können.

Einzig mit DJ-Sets von Till von Sein, der soeben mit 'Ltd.' sein Debüt-Album veröffentlicht hat, Chopstick und Johnjon sowie einem Live-Act von Fritz Kalkbrenner, dessen Album "Here Today, Gone Tomorrow" kein bisschen Wärme verloren hat, ist nahezu der ganze Künstlerstamm eines ganzen Labels (SUOL) auf der Sea of Love vertreten. Dabei gehört heutzutage ein Label-Showcase zum State of Art eines Festivals.


[Seth Troxler]

Der Blick auf das weitere Programm macht deutlich: Die Festival-Leitung bezieht den Neustart vor allem auf Organisatorisches und weniger auf die künstlerische Ausrichtung ihres Festivals. Das belegen Acts wie beispielsweise Turntablerocker, Monika Kruse, Karotte, Lexy & K-Paul, The Koletzkis, auch regionale DJs wie Phuture Traxx, die nicht nur zur Stammelf des Festivals gehören, sondern auch außerhalb der Festival-Saison mit großer Regelmäßigkeit in den Clubs der Region auftreten. Hier schimmert die Handschrift des früheren Veranstalters Bela Gurath deutlich durch, der an der Erstellung des Line-Up mitgewirkt hat. Die KOKO-Festival-GmbH nehme da gerne Guraths Rat an, so Oßwald, und sehe keinen Grund, dies nicht auch in Zukunft zu tun. Guraths Kompetenzen in diesem Bereich seien unbestritten.

Deshalb überrascht nicht, dass auch in diesem Jahr der große Bereich der Bassmusik - ob Rave-Sounds eines Pinch, Liebeslieder von Sepalcure oder Mount Kimbie, oder Warehouse-Wobbel von Kode9 und Konsorten - ausgespart bleibt. Auch auf Acts wie Flying Lotus, Hudson Mohawke, Dâm-Funk oder Gaslamp Killer, die sich leichtfüssig zwischen Hip Hop, Funk und elektronischer Musik bewegen, muss die Region Südbaden noch ein wenig warten.

Gerade mit solchen Bookings hätten sich die neuen Veranstalter einen Namen auch weit über die Region hinaus machen und aufschliessen können zur europäischen Festivallandschaft. Doch dazu Oßwald: "Wir machen ein Elektro-Pop-Festival." So bleibt der Eindruck, dass Oßwald und sein Team inhaltlich etwas mehr aus den zwei Tagen hätten herausholen können.

Video-Interview: So wird die Sea of Love 2012



Sea of Love 2012 - Die Fakten

Wann: Samstag 14. und Sonntag, 15. Juli 2012

Line-Up: Carl Cox - Mr. Oizo - Carl Craig - Fritz Kalkbrenner - Birdy Nam Nam - Bonaparte - Turntablerocker - Seth Troxler - Frida Gold - Ellen Allien - Lexy & K Paul feat. Marteria - Moonbootica - Karotte - Monika Kruse - Pan Pot - The Koletzkis - Dominik Eulberg - AKA AKA feat. Thalstroem - Bodi Bill - Andre Galluzzi - tINI - Daniel Bortz - Sascha Braemer - Left Boy - Santé - Chopstick & Johnjon - Till von Seins - Rampa - Steve Blunt - Acoma - Phuture Traxx - Sebastian Gnewkow - Macos Del Sol - Fenomen - Mlle Magali - Pete Curleen 

Tickets:
Early Bird Tickets (bis 4. April 2012): 65,45 Euro
danach Festivalticket (beide Tage): 76,45 Euro
danach Tagesticket (ein Tag): 54,45 Euro

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