Sea of Love 2012: So war der Samstag

Entspannt im Shuttlebus zum Festival cruisen. Mit dem Füße im Schlamm zu Birdy Nam Nam tanzen und dabei auf der Nase Sonnenbrand kriegen. Vom Seeufer aus Wakeboarder gucken. Mit Deichkind abgehen und mit Federn beworfen werden. Ungefähr so war unser erster Tag der Sea of Love 2012. Mehr? Bitte sehr:

Im Shuttlebus

Der Shuttlebus vom Konzerthaus in Richtung Festival ist voll, aber undrängelig; die Stimmung friedlich und vorfreudig. Zwischen den vielen Tagesbesuchern des Festivals sind auch zwei Camperinnen - man erkennt sie am leichten Sonnenbrand auf den Beinen unterhalb der Hotpants und den verschlammten Ballerinas. Sie haben Supermarkt-Kartons mit Festival-Camping-tauglichen Lebensmitteln (Fertignudelgerichte zum Anrühren mit Wasser, Schokokuchen, Dosenravioli) im Schoß abgestellt.

"Hier!" sagt die dunkelhaarige Camperin zu ihrer blondhaarigen Freundin. "Nimm' auch nen Schluck!" Warmer Martini, direkt aus der Flasche, ist das Getränk dieser Busfahrt. Die beiden sind aus Ulm gekommen, extra für's Festival. Bisher finden sie es super. "Nur unser Campingplatz ist doof", sagt die Dunkelhaarige beim Ankommen am Festivalgelände. "Wir sind ganz hinten hingekommen, da ist gar nicht viel Party." [Carolin Buchheim]

 



11 Uhr - Einlaß

Alles neu am Einlaß. Von Norden her nähert man sich in diesem Jahr der Sea of Love. Von der Einmündung Vörstetter Straße/Kaiserstuhlstraße, kurz hinter Schupfholz geht es zum Festivalgelände. Die Strecke, ein knapper Kilometer, fühlt sich in Gummistiefeln sehr viel weiter an.

Vier Ordner fertigen ankommenden Festivalgäste ab. Während die Neuankommenden drängeln, exen ihre Vordermänner die 1,5 Literflasche Wodka-O, welche sorgfältig mit Panzertape zur Umhängetasche umfunktioniert wurde. Vorne diskutieren währenddessen die ersten Betrunkenen mit den Ordnern: Ein Rucksack mit Bier sei doch wohl kein Problem auf dem Gelände.

Leider doch, also noch einmal zurück auf den Zeltplatz – Ausnüchterungsmarsch. Endlich vorne am Durchlass brummt der Ordner: „Bitte einmal Tasche auf.“ Mit knallgelber Jacke und am Ansatz rasierten Haaren durchkämmt er Taschen und Rucksäcke. Bei den männlichen Gästen ist noch gründliches Abklopfen und Ausräumen der Hosentasche angesagt. Die Damen dürfen nach prüfendem Blick passieren. Schnell noch ein Programm von den Promotern mitgenommen und schon kann die Party los gehen. [Julia Nikschick]

15 Uhr - Seebühne - Aka Aka featuring Thalstroem live

Durchdringende Basswellen und schrille Trompetenklänge weisen den Weg vom Shuttle-Parkplatz zum Festivalgelände. Quelle dieses Geräuschs: Die in Freiburgs Techno-Szene vielgeliebten Aka Aka und Thalstroem an seiner Jazztrompete. Der ausgebildete Jazzmusiker bläst und scratcht einzelne Klangtupfer in den von einigen Wolken verhangenen Himmel und verzaubert in der Folge das Publikum mit grotesken Harmonien und skurrilen Melodien.



Dieses dankte es ihm, indem sie dicht an dicht gedrängt um die Seebühne stehen und zum Rhythmus des Beats in eine Art Shuffle Dance verfallen. Ein Bein stampft dabei auf den Boden, das andere dreht nach links oder rechts aus, und diese Schrittfolge wird beliebig oft wiederholt. [Bernhard Amelung]

15:46 Uhr - An der Wasserstelle

Zum ersten Mal Durst. Es ist heute ja nicht so knalle heiß wie auf der letzten Sea of Love am Samstag. Und: Man darf diesmal bis zu einem Liter Wasser mit aufs Festivalgelände nehmen. Das ist gut und hebt auf jeden Fall die Stimmung. Nicht so gereizt, nicht so testosteronschwanger wie zuletzt.



Jetzt aber an die Wasserstelle – ein länglicher Riesentrog mit zahlreichen Hähnen –, wo nicht wenige sich ihre Plastikflaschen auffüllen oder einfach direkt vom Hahn trinken. Läuft. Was auch läuft, ist das Bier. 4 Euro für 0,4 Liter ist zwar hmpf, aber wir sind hier ja auf nem Festival und nicht im Discounter um die Ecke. [Manuel Lorenz]

17 Uhr - Big Tent Stage - Ellen Allien

Sirenenartige Klänge durchdringen Mark und Bein. Ellen Allien, die Berliner Grand Dame des Techno, hat im großen Zelt das Mischpult vom Detroiter Seth Troxler übernommen und zieht ein Ravebrett nach dem anderen auf die Decks. Für die einen zu hart, für die anderen gerade richtig, denn es gibt kaum etwas Schöneres, als sich zu hypnotischen Beats zu verlieren.



Doch Allien weiss selbst: Nur hart und monoton ist auch langweilig. Sie wechselt Rhythmus und Tempo, nimmt den Bassdruck raus, lässt sanfte Melodien einfliessen, nur um im Anschluss den Bauchraum der Tanzenden mit noch mehr Bass zu massieren. Einzig ein paar Indie-Kids können damit nichts anfangen. Doch für die spielen ja zur selben Zeit The Koletzkis, live, aber enttäuschend schwach im Klang und ermüdend unkreativ. [Bernhard Amelung]

17:28 Uhr - Erste Hilfe-Zelt

Zwei Sanitäter traben aus dem Erste Hilfe-Zelt. Vor dem Asia-Imbiss soll ein Mädchen zusammengebrochen sein. Doch zum Essen kommen die Herren vom Roten Kreuz wohl nicht. Zielstrebig rennen sie am Asia-Shop vorbei. Ein blondes Mädchen pfeift sie zurück. Ihre Freundin liegt unter einem Stehtisch im Schatten. Sie trägt Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Als die Sanitäter sie in die stabile Seitenlage hieven, erkennt man die Aufschrift. Amok steht in weißen Lettern auf ihrem Rücken.

Nun setzt sich einer kleiner Konvoi in Bewegung. Vorne die Sanis mit dem Mädchen auf der Trage. Hinter ihnen die drei Freundinnnen mit aufeinandergestapelten Asiaboxen, aus denen die Nudeln mit Hühnerfleisch quellen. Als sich die Planen des Sanitäterzelts hinter dem bewusstlosen Mädchen schließen, lässt sich ihre Freundin auf die Bierbank plumpsen. Die Asiaboxen geraten in Schieflage. O.K. Jetzt aber mal: Was ist denn los mit deiner Freundin? „Da kommen viele Sachen zusammen!, sagt sie dunkel. Viele verschiedene Substanzen? Nein, es handle sich eher um persönliche Gründe. Aha. Sie seien eigentlich zu dreizehnt hier, sagt sie. Da waren's nur noch zwölf. [Nadine Zeller]



17:45 Uhr - Mainstage - Birdy Nam Nam

Es ist recht leer vor der Hauptbühne, als Birdy Nam Nam hinter ihre Apparate treten. Auf ihrer Seit der Grenze ist das französische Quartett ein Garant für auserkaufte Hallen und durchgefeierte, ekstatische Nächte. "Spricht für ihre Qualität, dass so wenig Leute da sind", höre ich einen gut frisierten und stadtbekannten Nachtlebenkenner sagen. "Der Pöbel kennt die halt nicht."

Doch das SOL-Publikum, lernt die vier Männer sehr schnell kennen: Birdy Nam Nam drehen auf, halten dabei eine Kraftwerk-gleiche Ruhe hinter Laptops und Gerätschaften und musizieren sich krachend und ohne Rücksicht auf Konventionen durch Musikstile von Industrial über Kirmestechno bis zu NDW. Nach einer Viertelstunde Wumms ist es voll vor der Bühne, kaum ein Fuß bleibt ruhig. Geilo! [Carolin Buchheim]

 



17:51 Uhr - Dönerbude

Vor dem Dönerwagen bildet sich eine Schlange. Die Wartenden sehen alle einigermaßen fit aus. Der Himmel zieht sich langsam zu.Vor dem Asia-Imbiss stellt ein Mädchen ihre Mitnehmbox auf dem Stehtisch ab. „Ich schaff das nie. Das ist mir echt zu viel“, sagt sie zu ihrem Freund. Er zuckt mit den Schultern. Der Wind klatscht ihnen die Bässe von Birdy Nam Nam ins Gesicht. „Jetzt iss halt erstmal was“, sagt er, nimmt die Gabel und hält damit auf ihren Mund zu. „Birdy yum yum!“ Sie lacht, reißt ihm die Gabel aus der Hand und beginnt zu essen. [Nadine Zeller]

19 Uhr - Am Ufer des Tunisee

"Ey, dahinten isch die Fotze", schreit ein großer, hühnenhaft gebauter junger Mann mit nacktem Oberkörper und Waschbrettbauch seinen Freund an und zeigt auf zwei junge Mädchen, die die Strahlen der untergehenden Sonne auf ihre Körper scheinen lassen. Die Jungs kommen näher, packen die Frauen unsanft bei den Handgelenken oder im Nacken, ziehen sie hoch und fangen an, mit ihnen rumzubalgen. Sie verschütten Bier und Cola über die Handtücher, Rucksäcke und Kleidung, sie tun den Mädels sichtlich weh und benehmen sich insgesamt so widerlich - fassen sich andauernd in den Intimbereich -, dass man sich fragt, aus welchem Stall sie entlaufen sind. [Bernhard Amelung]



20:30 Uhr - Vor der Holzkneipe des Schnapssponsors

Im vergangenen Sommer ließ Jägermeister Festivalgäste an eine Bar geschnallt von einem Kran in die Höhe ziehen. In diesem Sommer sind sie schlichter zu Gange: auf ein paar Containern hat man eine recht niedliche Holzkneipe mit Aussichtsdeck gebaut. Dort oben steht ein DJ und beschallt das Festival in der Umbaupause auf der Hauptbühne mit Klängen, die auch auf die Seebühne passen würden. "Keine Ahnung wie der DJ heißt", sagt ein Mitarbeiter des Stands. "Das ist der Freund von dem Mädel, die den Stand verantwortet." Man sollte den namenslosen DJ im kommenden Jahr auf die Seebühne buchen.

22:56 Uhr - Mainstage - Deichkind

Wer die Jugend von heute verstehen will, muss Deichkind verstehen. Oder zumindest ihren Smash-Hit „Remmidemmi“. Damit warten die vier Hamburger bis zur Zugabe. Und dann gibt’s wirklich gar kein Halten mehr. Ein Deichkind fährt in einem Schlauchboot über die Wogen der Crowd und schüttelt aus einem Riesensack Federn über sie aus. Diese fliegen bis in die letzten Reihen. Wenn man nach oben schaut, in den Nachthimmel, sieht man sie vereinzelt herunterkommen. Fast schon poetisch.



Davor führt die Band eine Art Elektropunk-Musical auf, das man mit Worten nur schwer beschreiben kann (annäherungsweise hilft, sich auf YouTube das Video ihres Auftritts bei Rock am Ring anzuschauen). Das opulente, fern an Fritz Langs „Metropolis“ erinnernde Bühnenbild wird ständig modifiziert, und die Musiker ziehen sich fast für jeden Song neu um. Sie rollen in einem Riesenfass durch die Menge („Roll das Fass rein“), fahren in einem Tandemrad über die Bühne („Partnerlook“) und performen auf Bürostühlen eine kurzweilige Choreografie („Bück dich hoch“). Höhepunkt: als sie mit ihrem LED-Pyramidenhüten und Brustschilden auf den rechteckigen Säulen stehen. Ein heroisches Bild.

Spannend auch das Publikum. Wie auf Knopfdruck schwenkt es um von hartem Rave auf kuschelige Ballade (sofortiger Reflex: Feuerzeuge) auf kernigen Hiphop. Es ist extrem textsicher, und man fragt sich, ob eine 17-Jährige in H&M-Klamotten den Doppelsinn hinter der Zeile versteht, die sie lautstark mitsingt „Ein Hoch auf die internationale Getränkequalität, / ein Hoch auf die Säufersolidarität“ („Hört ihr die Signale“). Die Lieder sind gespickt von derartiger Dialektik. Eigentlich aber auch Wurscht. Denn Deichkind ist leider auch ohne ein tieferes Verständnis von alldem, was sie da singen und machen und tun sehr, sehr geil.  [Manuel Lorenz]

23:30 Uhr - Festivalgelände

Deichkind hat die Festivalbesucher aufgeheizt. Jetzt wollen sie weiterfeiern. Und das tun sie: Von der Seebühne aus jagt Fenomen ein Brett nach dem anderen in die junge Nacht; ein Old-Schooler, der ein T-Shirt des legendären Berliner Techno-Schuppens „Tresor“ trägt, dankt es ihm mit engagiertem Körpereinsatz. Im Zelt liefern die Clubrockerz den Soundtrack, zu dem ein Raver-Paar – sie Trainingshose und knappem Top, er Muscle-Shirt und Camou-Cargo – an den Zaun gelehnt in die richtigen Bahnen lenkt, was sich den Tag über angestaut hat.



Der Rückweg ist hell erleuchtet. Alle 50 Meter steht ein Ordner. Fünf Minuten später kommt man an den Campingplätzen vorbei. Auf einem läuft noch eine Privatparty. Die ist allerdings so laut, dass sie als öffentlich durchgehen könnte. Dann: fünf Shuttle-Busse der VAG, die zur Abfahrt bereit stehen. Ein Dutzend Ordner machen ihrem Namen alle Ehre und schauen, dass die Festivalbesucher geordnet in die Busse steigen. „Ich will aber in den da hinten. Ich will sitzen“, sagt ein junger Typ, der mehr Festivalbändchen am Arm trägt als Wolle Petry Freundschaftsbänder. „Du bist nicht zum Sitzen auf der Welt, sondern zum Leben“, entgegnet ihm ein schnauzbärtiger Ordner.

Im Bus ist alles super. Und alle müde. Außer vier Jugendlichen, die auf dem Boden sitzen und – es schlägt gerade zwölf – in den Geburtstag eines Mädchens hineinfeiern. Ist sie gerade 18 geworden? Keine Ahnung. Aber Happy Birthday! [Manuel Lorenz]

Video: 90 Sekunden Schlammschlacht bei der Sea of Love



Video: 90 Sekunden Tanzen bei der Sea of Love



Video: 90 Sekunden Style bei der Sea of Love



Mehr dazu:


Der Sea of Love-Samstag 2012 auf fudder

Fotogalerien:   Videos:  
Die BZ-Kollegen über die Sea of Love:   [Fotos: Jan Lienemann, Vinzenz Hort]