Sea of Love 2012: Der Morgen danach

Nadine Zeller

Der Morgen danach. Die Sea of Love-Besucher päppeln sich nach dem Spaß des Sea of Love-Samstags gegenseitig mit Suppenterrine, Lagerbier und Pizza hoch. Heute soll ja auch noch gefeiert werden, dabei schauen fast alle am Mittag noch ziemlich zerzaust aus der Wäsche. Doch trotz Regens und Katers wird mit Energydrinks wieder aktiv an der guten Laune gearbeitet.



10:57 Uhr.
Die ersten Energydrinks werden schon im Shuttlebus gekippt. Lagerbierdosen zischen. Der Bus bremst auf Höhe des Campingplatzes. Die Besucher dröppeln morgenbenommen aus dem Bus. Ein junger Mann will eine Tageskarte verkaufen. Eine Engländerin antwortet: „It's ok. Don't scream like that. We already got one.“ Von Schreien konnte keine Rede sein, aber gut. Der Kater lässt grüßen.


Von den Zelten plärren Musikfetzen des Ghettoblasters herüber. „We danced, we cried, we'll remember this day to the rest of our life“. Ja, das mit der Erinnerung an letzte Nacht. „Dominik, Mann!“, schreit ein Poloshirtträger ins Handy, „Das graue Sweatshirt, gestern bei Deichkind hab ich's dir doch in die Hand gedrückt!... Wer dran ist? Holger, Mann!“

Der Regen prasselt. Auf dem Zeltplatz versucht ein Mann in einem lilafarbenen Neoprenanzug einen kaputten Campingstuhl in eine Mülltonne zu stopfen. Als ihm dies nicht gelingt, wirft er ihn auf den Boden und setzt sich in die verbogenen Überreste. Ein blondes Mädchen reicht ihm wortlos eine Suppenterrine und ein Regencape. Szenen wie diese kann man an diesem Morgen überall beobachten.

Auf dem Waldweg zur Mainstage rotten sich die Besucher zu kleinen Gruppen unter den Bäumen zusammen. Zwei Promoter einer Zigarettenmarke versuchen ihre Tablet-Computer mit ihren Vespertüten vor dem Regen zu schützen. Einer der beiden spricht vorbeihastende Mädchen an. Sie haben ihre Kapuzenpullis tief in die Stirn gezogen und sind offensichtlich nicht in der Stimmung, sich ihre Adresse abschwatzen zu lassen. Nein, danke, sie rauchten nicht, so die Auskunft. Der Promoter legt den Kopf in den Nacken und schreit melodramatisch in den Blätterwald. „Warum raucht ihr nicht?“ „Es regnet, du Depp!“, sagt unaufgefordert ein anderer. Vorne am Haupteingang zur Mainstage bildet sich eine Schlange.



10:58 Uhr. Die zwei Italienerinnen in der Schlange am Haupteingang sprühen vor Energie. Julia Rovelli und Milena Meniaconi sind am Freitagabend aus Florenz angereist. Zehn Stunden waren sie mit dem Auto unterwegs. Es habe sich gelohnt, sagt Rovelli, während ihnen der Regen in den Nacken tropft. Die beiden 20-Jährigen wollen heute unbedingt Monika Kruse sehen. Das wird eine nasse Angelegenheit. Gummistiefel haben sie nicht an. Unmöglich zu tanzen mit den Dingern. Und zu tanzen, das haben sie sich fest vorgenommen. So haben sie es bei der Time Warp gemacht, so machen sie es heute, so werden sie es nächstes Jahr halten. Denn wiederkommen wollen sie, vorausgesetzt die Sonne scheint.

Es ist 11:27 Uhr und die Securities lassen noch niemanden herein. Eigentlich wollten sie um 11 Uhr öffnen. Doch zu viel Müll liegt noch herum. Plastikflaschen, ein einzelnes Glas einer Sonnenbrille, der abgerissene Arm einer Gummipuppe und Federn. Federn vor der Bühne, auf dem Rindenmulch, in den Schlammpfützen. Wo sie herkommen? Es sind die Reste der fulminanten Deichkind-Performance. Alle haben hier Federn gelassen.

11:38 Uhr.
Die Schranken sind offen. Pünktlich dazu blitzen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Mühsam schält sich ein Gruppe aus der Plane des Absperrbands, in die sie sich zu zehnt gewickelt haben. Auf der Mainstage machen Left Boy gerade ihren Soundcheck.



12:04 Uhr. Die ersten Festivalbesucher hängen an den Absperrgittern. Sie bilden drei Reihen. Mehr sind es noch nicht, doch die Laune ist gut. Trotz Regens. Trotz Suppenterrine, trotz der verlorenen Handys und Sweatshirts und trotz der Federn, überall. Federn lassen müssen sie alle. 

Video: 90 Sekunden Schlammschlacht bei der Sea of Love



Mehr dazu:


Der Sea of Love-Samstag 2012 auf fudder

Die Review: Fotogalerien: Videos: Die BZ-Kollegen über die Sea of Love:   [Bild 1: Jan Lienemann/Samstag; Bild 2 & 3: Nadine Zeller]