Sea of Love 2011: So war der Sonntag

Markus Hofmann, Bernhard Amelung & Manuel Lorenz

Gute Laune am See trotz Dauerregen. Witze über das Organisations-Chaos. Ein dämlicher Facebook-Fake. Und ein David Guetta, der eine grandiose Show abzog. Was es vom Schlusstag der Sea of Love zu berichten gibt:



Guetta-Gerüchte und ein gefaktes Facebook-Profil

David Guetta kommt nicht. Den ganzen Tag lang hält sich dieses Gerücht hartnäckig - sowohl am Tunisee selbst als auch in den üblichen sozialen Netzwerken. Weder die Sea of Love noch David Guetta oder seine PR-Abteilung äußern sich dazu, was Raum für wilde Spekulationen schafft. Gegen 18:30 Uhr postet dann ein User namens "Bela Gurath Endless-Event" folgende Nachricht auf die offizielle Facebook-Seite der Sea of Love (siehe Screenshot):



Bela Gurath - so heißt der Macher der Sea of Love. Fünf Minuten später folgt ein zweites Posting, dass die vermeintliche Guetta-Absage bestätigt. Was dazu nicht passt: Kurz zuvor hatte die Sea of Love selbst auf ihre Seite gepostet, dass David Guetta "im Landeanflug" sei. Zwei Klicks später ist klar: Das besagte Gurath-Profil ist ein Fake. Es hat zwar dasselbe Profilbild wie der echte Gurath auf Facebook, aber keine Freunde und keine Historie. Es ist extra dafür angelegt worden, die Leute in die Irre zu führen. Was für ein blöder Scherz! [manuel]

12 Uhr, Der Weg zur Sea of Love

Es regnet. Es wird die nächsten Stunden fleißig weiterregnen. Zudem zieht ein kalter Wind auf. Bald sind Schuhe und Hosen völlig durchnässt. Zahlreiche Besucher schützen sich vor dem Himmelsnass, indem sie Plastiktüten um Beine und Schuhe wickeln und mit Klebstreifen befestigen. Trotz widriger Wetterumstände ist die Stimmung jedoch entspannt. Erfahrungen von Schlammpartys wie der diesjährigen FUSION oder dem Southside Festival werden ausgetauscht. Auf dem Festivalgelände selbst kursiert als Witz, man könne Regencapes für 4.50 Euro kaufen. Allerdings nur unter Vorlage eines Kaufgarantiescheins. [kus]

13 Uhr, Seebühne

Den Wakeboardern am Tunisee kann das schlechte Wetter auch nichts anhaben. Sie lassen sich übers Wasser ziehen, machen Sprünge und artistische Verrenkungen. Aus den Boxen dröhnt der Elektrobass von Todd Terjes „Ragysh“. Ein balearisch sommerlicher Hit. [bernhard]

13 Uhr, das Drifter's sagt die Afterparty ab

Eigentlich sollten im Kagan und im Drifter's die Afterpartys zur Sea of Love stattfinden. Während am späten Abend im Kagan auch kräftig gefeiert wurde (Fotos), sagte das Drifter's die Veranstaltung am Sonntagmittag kurzfristig ab. Um 12.58 Uhr gab der Club auf seiner offiziellen Facebook-Seite bekannt, dass dort am Abend - entgegen des ursprünglichen Plans - keine Afterhour stattfinden wird. Die Reaktion auf das Facebookposting: 54 Likes. [manuel]



14-18 Uhr, Raresh und Ricardo Villalobos, Big Tent Stage

Soeben haben sich Mønster an den Plattentellern verabschiedet. Sie haben sich redlich angestrengt, mit ihrer Musik die Sonne ins Zelt zu holen. Richtig heiß dagegen wird es erst, als der rumänische DJ Raresh die Regler übernimmt. Ein warmer, pumpender House-Groove erfüllt die Big Tent Stage und versetzt die Feiernden in kürzester Zeit in eine euphorische Stimmung. „Wie geil legt der denn auf“! Eine junge Frau mit regenverwaschenem Glitzer-Make-Up im Gesicht steht wie versteinert am Eingang. „Wie geil legt der denn auf!“ Unablässig wiederholt sie diesen Satz.

Etwas später betritt Ricardo Villalobos die Bühne. Er ist ein Phänomen, mit rationalen Erklärungen nicht ausreichend erfassbar. Kaum hat er seine Kopfhörer am Mischpult eingestöpselt, werfen die Tanzenden ihre Hände in die Luft. „Ricardo, Ricardo“ schreien sie. Das Zelt dreht durch, und Ricardo Villalobos den Bass rein. Ekstase! [bernhard]

Ab 14 Uhr, Anti-Regen-Maßnahmen



Währenddessen reagieren Sicherheitskräfte, Techniker und Sanitäter auf den unaufhörlich herniederprasselnden Regen. Ein Schaufelbagger karrt Rindenmulch heran (Foto oben) und füllt damit Schlammpfützen auf den Zutrittswegen auf. Die Bar auf der Big Tent Stage wird zurückgebaut, um den Feiernden mehr Platz im Trockenen anbieten zu können. Kleine Getränkezelte werden zusätzlich befestigt. Abschwemm- und Wegwehschutz. Zwischenzeitlich macht das Gerücht die Runde, es werde niemand mehr auf das Festivalgelände gelassen. Es entbehrt jeglicher Grundlage. Lediglich Tagestickets werden keine mehr verkauft. Vor der Mainstage drängen sich Tausende dicht zusammen, um das Set von Lexy & K-Paul zu feiern. [bernhard]

17 Uhr, die Frau vom Securitydienst ist müde



Wer zu Fuß vom Busparkplatz zum Festivalgelände läuft, muss eine etwa 20 Meter lange Autobahnbrücke unterqueren (Foto oben). An dieser Brücke haben sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag unheimliche Szenen abgespielt: Menschenmassen stauten sich vor dem Tunnel (YouTube Video), weswegen einige Partybesucher die Böschung heraufstiegen, um die Autobahn zu überqueren - eine Kamikazeaktion, bei der sich glücklicherweise niemand verletzt hat. Hinter dem Tunnel stehen ein Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin eines Freiburger Securitydiensts. Gemeinsam mit der Polizei haben die beiden gestern Nacht das Schlimmste verhindert. Die Frau sieht erschöpft aus und holt sich und ihrem Kollegen einen Kaffee: "Ich habe heute Nacht nur zweieinhalb Stunden geschlafen." [kus]

17.15 Uhr, Mülltüten gegen den Dauerregen

Vor dem Tunnel treffen wir einen jungen Amerikaner aus Los Angeles, der sich uns als Hank Moody vorstellt (Foto unten). Er will in Freiburg VWL studieren und hier seinen Master machen. Hank ist zum ersten Mal auf der Sea of Love - und er hat sein Outfit den Witterungsbedingungen angepasst: Badelatschen an den Füßen, auf dem Kopf trägt er eine weiße Mülltüte, über den Oberkörper hat er einen blauen Müllsack gestülpt - als Regenschutz. Gummistiefel und Regencapes waren ein häufig gesehenes Outfit an diesem Schlusstag der Sea of Love, bei dem die Besucher am Tunisee teilweise bis zu den Knöcheln im Schlamm standen. [kus]

 

Ab 17.30 Uhr, endlich Sonnenschein

Der Regen lässt nach. Es klart auf. Die Sonne schaut durch die Wolken. In Scharen strömen Besucher auf das Gelände. Die Sets von Tiesto und David Guetta stehen bevor. Des letzteren Fans sind vorwiegend weiblich und keine zwanzig Jahre jung. Den Anmarschweg untermalen sie musikalisch mit Stücken des französischen DJs, die sie auf ihrem Handy abgespeichert haben. Bushaltestellenatmosphäre. [bernhard]

21.21 Uhr, David Guetta

Gegen 21 Uhr bewegt sich das Publikum vor die Mainstage - und damit um die größten Pfützen und den tiefsten Schlamm. Der Andrang hält sich in Grenzen. Viele hängen noch im großen Zelt ab, das gerade von Miss Kittin technorisiert wir. Andere lassen sich auf der Seebühne von Acme beschallern. David Guetta ist nicht bei allen Festivalgängern gleichermaßen beliebt. Besonders aber die Blutjungen vergöttern den französischen Popstar geradezu.

Mit einem Knall ist er dann da. Messianisch hebt er seine Arme empor. Woraufhin das Publikum es ihm gleichtut und ihm Digicams und Fotohandys entgegenstreckt. Immer mehr Leute kommen herbei; so richtig supervoll wird das Schlammfeld aber nicht. Ob Guetta da oben tatsächlich irgendetwas anderes macht, als ab und zu was ins Mikro zu sagen und im Refrain den Sound runterzudrehen - auf dass der Chor von Gläubigen die Passage intoniere -, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden. Wahrscheinlich ist aber auch nicht mehr nötig, stellt sein Pophouse doch Variationen der immer selben musikalischen Grundform dar: Dr. Albans "Sing Hallelujah". Dafür ist die Show grandios. Höhepunkt: Zwei in blaue und rote LEDs gekleidete Androiden, die sich und das Publikum mit Laserpistolen beschießen und Rauch sowie Feuer aus ihren Händen sprühen lassen. Dazu ein daftpunkiges Bühnenbild - und fertig ist David Guetta, der Gott über die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, der heute angetreten ist, die Biomasse zu beherrschen.

Wenn er seine Hits wie "Sweat" oder "When Love Takes Over" spielt, scheint ihm das fast zu gelingen. Am Ende gehen aber doch die meisten eine halbe Stunde früher - und schauen sich das Feuerwerk vom Shuttlebus aus an.

22.30 Uhr, Heimweg

Heute funktioniert alles reibungslos. Wie schon am Samstag brechen die Leute früher zu den Shuttlebussen auf, trotten zu vielen durch das Halbdunkel, wissen, jetzt kommt diese verflixte Unterführung. Aber: nichts. Die Unterführung ist leer, kein Stau - und dahinter warten zahlreiche Shuttlebusse auf die Abreisewilligen. Dann noch ein etwas längerer Halt an der Neuen Messe, ab in einen weiteren, überfüllten Shuttlebus und eine Stunde später landet man schon am Hauptbahnhof. [manuel]

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