Sea of Love 2011: So war der Samstag

Carolin Buchheim, Manuel Lorenz & Bernhard Amelung

Sonnenschein und Shuttle-Chaos. Party-Stimmung und fehlende Informationen. Mobys fantastischer Auftritt und Ticket-Nepp. Ein Rückblick auf den zum Teil ziemlich großartigen und zum Teil ziemlich großartig-verkorksten Sea of Love-Samstag in zehn Sea of Love-Momenten.

 

13 Uhr, Messe Freiburg

Der Shuttlebus kommt, die Partycrowd steigt ein. Schwitzende, nackte Oberkörper, Strohhüte und Bierdosen. Rücken werden mit Sonnencreme eingerieben. Jungs grölen ein Lied, bei dem irgendein Mädel an die Hand genommen wird und es dann heißt: "Und die Titten gehen so, und die Titten gehen so, so geh'n die Titten, und die Titten gehen so." Von hinten her riecht es, als ob ein Joint die Runde macht; in einer Ecke, zusammengeknüllt, liegt eine leere Packung Koffeintabletten. [Manuel]

13 Uhr, Fußgängerampel Hermann-Mitsch-Straße/Granada- & Lembergallee


"Wo ist denn jetzt endlich dieser See?",
fragt ein Typ mit Strohhut aber ohne Hemd, der zusammen mit einem Rudel Freunde im ähnlichen Look an der Kreuzung Hermann-Mitsch-Straße und Granada-/Lembergallee steht. An ihren Armen sind neongelbe Campingplatz-Armbänder, sie zelten an der Messe - und hatten keine Lust, auf die Shuttle-Busse zu warten. "Die sind doch überfüllt!" Wie sie sind hunderte Camper am Samstagmittag auf dem Weg zu Fuß gen Tunisee - mit Aufblastieren unter dem Arm und geklauten Einkaufwägen, in denen manche sich gegenseitig schieben - und andere ihren Alkoholvorrat. Zeit für die Wahrheit: "Das sind bestimmt noch vier, vielleicht auch fünf Kilometer, immer geradeaus." "WAS?! SO WEIT NOCH? UNS WURDE GESAGT, DASS MAN LOCKER LAUFEN KÖNNE." Klar kann man locker mal sieben oder acht Kilometer laufen - das will man aber in Flip-Flops und Partystimmung meist wohl nicht. [Caro]



14 Uhr, Mainstage - Hercules & Love Affair

Hercules & Love Affair ist die zweite Band, die die Mainstage der Sea of Love betritt. Das Musikprojekt um den New Yorker DJ Andrew Butler hat sich ganz der Disco-Opulenz der vornehmlich schwulen Clubkultur zwischen Studio54 und Paradise Garage verschrieben. Bereits nach wenigen Takten wird deutlich, dass diese Formation die exaltierte Gefühlswelt dieser Zeit nicht nur zitieren. Sie leben sie in ihrer Musik aus. Schwere Bässe und pumpende House-Beats verschmelzen mit hymnischen Melodien. Die Grenzen zwischen Track und Song werden aufgehoben.

Für einen kurzen Augenblick lösen sich auch Geschlechtergrenzen auf. Pärchen bilden sich, Menschen, auch sich bisher fremd gewesene, küssen sich. Es weht ein Hauch von Disco-Sleaze über der Mainstage der Sea of Love. Schade, dass dies nur etwa 200 Besucher erleben. Wollen alle Gäste wirklich nur „Bummbumm“? [Bernhard]



Die Sea of Love 2011 riecht übrigens harzig, staubig, schmutzig - nach Rindenmulch. Der wurde - offensichtlich tonnenweise - vor die Mainstage gekippt. Man steht knöcheltief im stinkigen Häckselgut - und einige hartgesottene Festivalbesucher liegen mit ihren Handtücher mittendrin. Der Gang von der Mainstage zur Bon-Kasse ist eine olfaktorische Überforderung von Mulch zu Dung zu Grillgut. "Der Weg der Kuh", scherzt jemand. "Erst steht sie in Mulch und Dung, dann wird sie gegessen!". Aha. [Caro]

15 Uhr, Zwischen Seebühne und Fressbuden

Mitten auf einem Durchgangstrampelpfad an der Böschung zwischen Seebühne und Mainstage liegt ein Typ in einem schwarzen Shirt reglos auf dem Boden, das Gesicht in der Sonne, Arme und Beine von sich gestreckt. Festivalbesucher auf dem Weg zur Mainstage steigen  über ihn hinüber. Dabei geht es  ihm sehr offensichtlich nicht sehr gut. "Hey! Hey!" Auf direkte Ansprache und Klapse ins Gesicht reagiert er kaum, seine Augenlider zittern, er kann die Augen nicht offen halten. Innerhalb kürzester Zeit liegt er wieder bewegungslos da. "Der atmet schon ganz flach, hab ich auch schon gemerkt", sagt ein Mädchen, das einen knappen Meter entfernt auf ihrem Handtuch sitzt, es aber bisher offensichtlich nicht für notwendig gehalten hat, tätig zu werden.

Sanitäter müssen her. Wo sind sie denn nur? Der Blick ins "Festival Booklet" hilft leider nicht weiter. Von den 28 Seiten sind nur auf fünf Seiten tatsächlich Informationen zum Festival zu finden. Neben einer Übersicht über das Line-Up finden sich lediglich eine Seite mit Informationen zu Zahlungsmodalitäten und den Shuttlebussen sowie zwei fehlerhafte Karten, auf denen ein Standort der Sanitäter nicht eingezeichnet ist. Der Rest des Booklets ist Werbung für CDs der auftretenden Künstler, Sponsoren und andere Festivals - hilfreich geht anders.



Es dauert zehn Minuten, bis die Sanitäter auf dem Gelände gefunden und alarmiert sind - und weitere zehn Minuten, bis sie es zu der Stelle an der Böschung geschafft haben. Der ausgeknockte Partyfreund ist durch weitere Klapse ins Gesicht endlich zu sich gekommen und sitzt, wacklig, auf dem Boden und trinkt einige Schlucke Wasser. Seine Pupillen sind winzig klein, reden kann er kaum. Die Sanitäter kümmern sich sofort um ihn; fachkundig und freundlich. Danke. [Caro]

 

Zwischen 15:30 und 16 Uhr, Seebühne - Dan Rockz und Citizen Kain

Die Stimmung ist angespannt wie vor einem Gewitter. Statt Hagelschlag prasseln jedoch fiese Kickdrums auf das Trommelfell hernieder. Statt zuckender Blitze am Horizont zischen Hi-Hats über den Köpfen hinweg, und der subbasstiefe Donner erklingt lediglich aus den Boxen. Hier wird Techno ohne Detroiter Seele und House ohne Herz gespielt. Dennoch ist die Seebühne randvoll. Die Besucher tanzen und schwitzen. [Bernhard]

 

18 Uhr, Mainstage

Nachdem Boys Noize zuende gespielt hat, betritt ein Ansager die Bühne. Wer abends die Veranstaltungen in der Messe Freiburg besuchen will - unter anderem mit dem Headliner Underworld -, müsse sich für 3,50 Euro ein Einlassgarantie-Ticket kaufen. Das Publikum reagiert mit Unmut: Pfiffe, Buhrufe, Mittelfinger. Kommentare wie "Was für 'ne Abzocke!" und "Das ist doch Betrug!" sind das Mildeste, was man zu hören kriegt. Und tatsächlich: Von einem derartigen Zusatzticket ist bis dahin nie die Rede gewesen. Ab jetzt wiederholt der Ansager seinen Text nach jedem Act. [Manuel]



Boys Noize hatten schwere Geschütze aufgefahren. Bass- und Beatwalzen fegten über die Mainstage. Robyn, die Dancepop-Diva aus Schweden, zeigt sich nicht minder energetisch, aber viel gefühlvoller, sensibler. Ihre Songs werden getragen von einem ausgereiften Elektrobass, geschult an der Musik der Achtzigerjahre. Die verspielten Synthesizer-Melodien transportieren sowohl das knallige Neonbunt als auch den kühlen Modernismus dieser Zeit ins Jetzt. Ihre Stimme verführt und weist zugleich zurück. Sie strahlt hell und bleibt trotzdem in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Zum Rhythmus der Beats tanzen, die Augen schließen und sich von der Musik verführen lassen – Robyn lässt beides zu. [Bernhard]

Irgendwann nach 20 Uhr, Mainstage

Während Paul Kalkbrenner auflegt nähert sich ein rot-weißer Hubschrauber dem Festivalgelände. "NOTARZT" steht darauf. Er kreist über das Gelände, fliegt relativ niedrig über das Publikum vor der Mainstage - und die Masse hebt die Arme und johlt. Beim Rückflug des Hubschraubers wiederholt sich die Szene. An Bord des Hubschraubers befand sich übrigens ein Festivalbesucher, der kopfüber in den See gesprungen war - an einer flachen Stelle. Er verletzte sich dabei schwer am Rücken. [Caro]

22:45 Uhr, Rückweg

Um möglichst schnell einen Shuttlebus zur Freiburger Messe zu bekommen, verzichten nicht wenige auf die letzte Viertelstunde Moby. Tausende trotten den dunklen Weg am Tunisee entlang, der sporadisch von grellen Scheinwerfern beleuchtet wird. Kurz vor dem Ziel: Stau. Um zu den Shuttlebussen zu gelangen, muss die Masse eine Autobahnunterführung durchqueren. Diese steht schon voll mit Menschen; ein Bild, das wohl viele an die Love Parade in Duisburg 2010 erinnert. Damals starben bei einer Massenpanik 21 Menschen.



Stattdessen entscheiden sich Hunderte, den langen, unbekannten Weg nach Freiburg auf eigene Faust zu unternehmen. Manche versuchen, sich Richtung Autobahn durchzuschlagen, andere marschieren verzweifelt ins Dunkle hinein. Vergeblich hoffen sie darauf, dass irgendwo doch noch ein Shuttlebus auftaucht; Taxen sind sowieso nirgends aufzutreiben. Immer wieder sorgen vorbeirauschende Autos für heikle Situationen; um Mitternacht ist die Bebelstraße nicht der richtige Ort für Jugendliche, die den ganzen Tag in der Sonne alkoholische Getränke konsumiert haben. [Manuel]

0 Uhr, Vor der Rothaus-Arena

An den Einlasskontrollen zur Neuen Messe drängeln sich die Festivalbesucher. Hier kommt nur 'rein, wer ein Einlassgarantie-Ticket hat. Die wurden nicht nur für 3,50 Euro an Festivalbesucher verkauft, sondern auch - zum Teil wohl stapelweise - an Besucher verschenkt. Einer erzählt stolz, dass er einen Packen Tickets gerade erst verkauft hätte. "Ich hab bestimmt 100 Euro gemacht", prahlt er. Während der Großteil der Besucher immer noch in Partylaune ist, scheint einigen die Stimmung vergangen zu sein. "Wir sind fast zwei Stunden hierher gelaufen", sagt ein Mädchen. "Und jetzt muss ich hier drängeln?"



Auf dem Zeltplatz ist die Stimmung - trotz im Wind wehender Zeltplanen - ausgelassen: man hört lautes Trommeln, Trinkspiele, irgendwer zündet mitten auf dem Platz ein bengalisches Feuer, das die Sicherheitsmitarbeiter kurzzeitig hektisch werden lässt. Gegen eins scheint die Stimmung kurzzeitig zu kippen, als immer mehr und immer betrunkenere Festivalbesucher eintreffen - doch die Situation fängt sich. [Caro]

2 Uhr, Rothaus-Arena - Underworld

Noch stehen die Kanadier Azari & III auf der Bühne. Ihr letzter Song, ein Amalgam aus Disco und Proto-House, erfüllt im Nachklang noch die Rothaus-Arena. Viel Zeit verbleibt den Technikern nicht, um das Podium für das britische Elektronik-Duo Underworld herzurichten. Synthesizer, Drummachines, Mischpult, Controller, Laptops werden installiert. Nur wenige Minuten später stecken Karl Hyde und Rick Smith die Halle in Brand. Feuerwalzen aus Techno und Elektro rollen aus den Boxen auf die Besucher herunter, erfassen sie und treiben sie durch die Nacht. Atemberaubend. [Bernhard]

fudder-Debatte:

Wie hast Du den ersten Tag der Sea of Love erlebt? Was war gut, was war schlecht? Welche Momente werden Dir in Erinnerung bleiben?

Du bist gefragt!


Mehr dazu:

  [Fotos: Jan Lienemann, Paul Gengenbach, Caro]