Sea of Love 2010: So war der erste Tag

David Weigend

Sea of Love 2010: Premiere für das Festival am Tunisee in der Zweitagesversion. Die Veranstalter haben es vollmundig angekündigt. Ist es wirklich das große neue Ding, das sich in Freiburgs Konzertlandschaft etablieren wird? Hat Kalkbrenner gerockt? Hatten die Besucher ihren Spaß? Hier kommen ein paar Impressionen vom ersten Tag.



Feuchter Einstieg

Der Mittag beginnt für die Veranstalter von Sea of Love mit einer kalten Dusche. Regen, so weit das Auge reicht, der einzige unplanbare Faktor platzt herein wie Herpes vorm ersten Date. Der Regenschutz besteht bei den anreisenden Festivalbesuchern aus einem gelben Sack, der sich auch auf dem Fahrrad gut macht, als Körperschutzblech im Mooswald. Wer zum See der Liebe will, muss am Werk der Würste vorbei, die neue Gruningerfabrik grüßt die Groove-Armada.

Etwa zehn Fahrradminuten nach Hochdorf kommt man an den Tunisee, das Martinshorn des Rettungswagens weist dem Besucher den Weg. An dem sind auch Kinder unterwegs, die mit geschultem Blick die Büsche scannen, genau die Pfandprofis, als die sie ihre gut gefüllten Hand-Anhänger ausweisen. Wasserskifahrer lassen sich von einem Automaten über den Tunisee ziehen, Halbstarke mit Schweinsteigerfrisur und Mickey Mouse-Sonnenbrillen schlurfen auf der Straße den Bässen entgegen. Am Eingang dann der erste Arschtritt des Veranstalters in die Hintern von all denjenigen, die sich spontan für den Festivalbesuch entschlossen haben: 58 Euro kostet das Tagesticket für Samstag, saftige 10 Euro mehr als im Vorverkauf.

Das Festivalgelände haben Bela Gurath und sein Team im Vergleich zum Vorjahr deutlich vergrößert (Sea of Love 2010: Fotos). Eine weitere Wiese gehört nun zum Areal, eine Grünfläche, auf der die Außenbühne steht. Diese betritt um 16.45 Uhr die Gruppe 2Raumwohnung.



2Raumwohnung

Erste Erkenntnis: Die Combo besteht nicht aus zwei, sondern aus sieben Menschen. Fans der RTL-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ wissen das, da die „2Raumwohnung“ dort einen ihrem Niveau entsprechenden Gastauftritt hatte. „Alles, was du willst, kannst du nicht haben“, mit solchen Botschaften erreicht man das Volk, wussten übrigens schon die Stones. Zu „Sexy Girl“ holt Sängerin Inga Humpe sexy Girls aus dem Publikum auf die Bühne, hatten wir auch schon auf dem Southside 2005, aber gut.

Währenddessen auf der kleinen Seebühne: Tanja la Croix legt Ibiza-House auf, es ist der Teufel los. Die Männer in Badeshorts, die Frauen mit Sonnenbrille im Wasser. Alle tanzen. Man könnte einen Werbespot für Energydrinks drehen, wären da nicht die Zombies, die nebendran mit offenem Mund im Gras pennen. Auf dem Tunisee patroullieren Sicherheitskräfte im Schlauchboot, da sich im Internet Flashmobber angekündigt haben, die das Festival gratis durch eine Schwimmattacke entern wollen.

Doch nichts wird passieren an diesem Abend. Die Sanis auf dem DLRG-Rettungsboot betrachten mit müdem Lächeln die Freaks in den neongrünen Borat-Schwimmanzügen, die zu den Beats von Tanja la Croix im See herumplanschen. Am Ufer stehen eine Reihe von Muskelbrüdern, die ein goldenes Kreuz zuviel auf der rasierten Brust tragen.

Und jetzt alle kurz mal hinsetzen. Was sehen wir? Flip-Flops, Asics, Chucks, Coq Sportif, nackte Füße, Adidas, Laub, Kronkorken, Ballerinas, Druffifüße, Kippen, Docks, Mallorcahüte, Jack+Jones-Shirts, Festivalbändel, Römersandalen, Sonnenbrillen, Nike. Alle stiefeln sie jetzt zur großen Bühne, wo gleich Paul Kalkbrenner auflegen wird.



Paul Kalkbrenner

Der Paule. Man kennt ihn ja, aus dem Kino, vom Soundtrack vom Kinofilm. Paul Kalkbrenner,  der Bartträger der Stunde, der kleinste gemeinsame Nenner in Sachen elektronische Musik, das Zugpferd der Sea of Love. Da vorne steht er in einem blauen T-Shirt und spielt, vielmehr: Er gibt den Knöpfelesdreher an Mischpult und Laptop. Dazu hüpft ein bescheuerter Kerl im Entenkostüm auf der Bühne herum. Den drei Schwabenatzen im Publikum gefällt das. „Der Paule isch der beschte! Des nenn’ ich mal voll geil!“

Kalkbrenner zitiert Fat Boy Slim, dann teasert er „Sky and Sand“ an, als Geilmacher, der tatsächlich ausreicht, dass die Berlin Caller komplett abdrehen. Um sein Mitfeiern zur Schau zu stellen, trinkt Kalkbrenner vorne ein Klöpferle auf Ex und haut die Bässe rein. Diese Sprache versteht der Sea of Love-Besucher. Subber, der Paule, und schiffen tut’s auch nicht mehr. Eine Oktave, dum dum dumdumdum, mehr braucht Kalki nicht.

Einfache Songs mit Raffinesse, Scooter auf Ritalin, und es ist nicht ganz nachvollziehbar, warum viele Leute nicht einfach tanzen können, sondern immerfort irgendeinen atemlosen Stuss vor sich hinschnattern müssen wie zum Beispiel: „Lenie, komm auf meine Schultern und gib dir diesen Beat. Süße, mach ein Foto von uns, das wird in die Geschichte eingehen!“ Historisch ist sie jetzt nicht unbedingt, diese Sea of Love 2010. Aber von einer Bereicherung für Freiburgs Partylandschaft kann man durchaus sprechen.

Um 18.55 Uhr bringt Kalkbrenner „Aaron“ und man merkt, dieser Song gehört so, es ist nicht die CD, die so schön hängengeblieben ist, sondern der Komponist. Um 19.13 Uhr kommt die Sonne raus, der Mob jubelt. Paule dreht kurz die Musik aus. Dann wieder an: „Mad World“ und zum Schluss doch noch „Sky and Sand“. Das ist der Moment, auf den viele hier gewartet haben. Kalkbrenner verabschiedet sich mit Kusshand, wird frenetisch gefeiert.



Chris Liebing

Es klingt wie eine Drohung: „Hier werden nur Wurst und Fleischwaren aus dem Hause Gruninger verkauft!“ steht auf dem Schild am Wurstwagen. Die vier Essensstände verbreiten Rummelatmosphäre, die schwertätowierten Regioglatzköpfe schaufeln sich Schupfnudeln, Döner und Pizza rein. Ein ganz normales Festival eben.

Im Hintergrund fangen die Berufsjugendlichen Fanta Vier mit ihrem Kindergeburtstag an. Die Lieder vom neuen, missratenen Album kann man sich schenken, lieber mal schauen, was im Partyzelt so geht. Da rockt nämlich die Sau. Chris Liebing heizt den Trillerpfeifen-Cowboys ein, Gebretter und Gebratze, die Windräder am Rosskopf blinken nicht ganz im Takt.

Schon um 20.30 Uhr, eine halbe Stunde früher als angekündigt, steht Christian Gimbel vorn und legt zur Freude der Zuhörer schmissigen Techhouse auf. Der Höhepunkt am kollektiven Sich-Selber-Abfeiern ist erreicht: Überall im Zirkuszelt zücken enthemmte Grobmotoriker ihre Fotoapparate und Handys, lichten sich selber in Partyposen ab oder machen Videofilmchen von ihren noch dichteren Kollegen. In Zeiten, in denen man jede halbe Stunde auf Facebook seinen ach so glücklichen Gefühlszustand aktualisieren muss, kommen solche Partypics natürlich prima.

Die Fantastischen Vier

Als ein  blondes Mädchen die DJ-Kanzel betritt, verlassen wir das Zelt und wenden uns wieder nach drüben, ich sag’s dir ganz konkret, den Fantastischen Vieren zu. Wer gut auf deutschen Hip-Hop von Anno Tobak kann, ist bei den Fantas in bester Gesellschaft, doch bei Textpassagen wie „HSV, VfB, olé olé!“ ist Skepsis geboten. Smudo und die anderen ziehen die gleiche Bühnenschau ab wie immer, mit den gleichen Gesten und denselben Gags.

Sei’s drum, es funktioniert, die Mädels wackeln mit dem Hintern, die Jungs haben was zum Johlen und hinter Marckolsheim geht um 21.15 Uhr die Sonne unter. Zugabe: Troy, Populär, zuverlässig wie ein werksfrischer Daimler. „Macht doch, was ihr wollt in euren geilen Zelten, wir sind draußen“, verabschiedet sich Thomas D.



Der Rückweg

Wir wollen auch raus, weg vom Tunisee, zumindest für heute, aber leider ist das nicht so einfach. In den Shuttlebussen Richtung Güterbahnhof stehen die Menschen vollgepfercht wie in Viehwaggons, man bekommt kaum Luft. Einmal muss der Fahrer halten, weil ein Mädchen einen klaustrophobischen Anfall bekommt und herumschreit. Ein Besucher erzählt uns, dass er für diesen Sardinentransport auf dem Hinweg fünf Euro berappen musste, obwohl er schon ein Ticket fürs Festival hatte. Der Gipfel der Frechheit: Die Aftershowparty im Güterbahnhof kostet, zusätzlich zum 58 Euro-Tagesticket, zehn Euro extra. Die drei stolzen Euro für ein 0,33-Bier, nur erwerblich mit 10-Euro-Gutscheinen seien noch erwähnt genauso wie die Tatsache, dass vier Euro für einen halben Liter Wasser völlig überteuert sind.

Viele Besucher finden den Rückweg allerdings dahingehend angenehm, dass so gut wie keine Polizeikontrollen stattfinden. Szenen wie im vergangenen Jahr, als Auto- wie Radfahrer im Hochdorfer Gewerbegebiet reihenweise aus dem Verkehr gezogen und peinlichst kontrolliert wurden, haben sich zumindest am Samstagabend nicht wiederholt. "Ich hatte auch nicht das Gefühl, auf dem Festivalgelände von Cops in Zivil beobachtet zu werden. Fand ich angenehm", merkt ein Raver aus Basel an.

Fazit

Der erste Tag von Sea of Love 2010 hat gezeigt, dass Bela Gurath und Kollegen in der Lage sind, ein Festival mit überregionaler Bedeutung auf die Beine zu stellen. Ob das Gebotene allerdings den Ticketpreis gerechtfertigt hat, darüber werden die Meinungen auseinander gehen. Unterm Strich: für einen Blockbuster war das nicht übel. Die Fortsetzung beginnt in wenigen Stunden. Jetzt können wir eigentlich gleich wachbleiben.

Sea of Love 2010: Wie hat Euch der erste Tag des Festivals gefallen? Was war für Euch persönlich der Höhepunkt? Worüber habt Ihr euch geärgert? Veröffentlicht Euer Feedback in den Kommentaren dieses Artikels!

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