Scorpions: Erinnerungen an eine musikalische Jugendliebe

Christoph Müller-Stoffels

Am Mittwochabend spielen die Scorpions im Rahmen ihrer Farewell-Tour 'Get Your Sting and Blackout' auf der Freiburger Messe eins der letzten Abschiedskonzerte in Deutschland. Die Band aus Hannover war die erste große musikalische Liebe von fudder-Autor Christoph. Sein allererster Konzertbesuch: Scorpions, 1993 in Straßburg. Auch auf der Abschiedstournee hat er sich Meine, Schenker und Kollegen angeschaut - in Santiago de Chile. Christophs Erinnerungen an diese und andere Konzerte:



Ich muss ungefähr elf Jahre alt gewesen sein, als es in meinem Leben zu pfeifen begann. Ganz leise erst, dann immer lauter. Meine Eltern hatten einen Ausflug nach Hamburg gemacht. Fahrt im damals noch recht futuristischen ICE, Besuch beim Musical „Cats“, schickes Hotel – ich glaube, es war ein Hochzeitstagsausflug.


Als Mitbringsel für meinen Bruder und mich gab es Musikkassetten. Ich weiß nicht mehr, womit mein Bruder abgespeist wurde. Wir konnten frei wählen und sein Musikgeschmack war eigenwillig. Ich jedenfalls bekam„Crazy World“von den Scorpions und es begann, was man eine musikalische Jugendliebe nennen kann.

Ich hörte das Album nicht nur hoch und runter, ich verschlang es förmlich, inhalierte es. Im Booklet waren die Texte abgedruckt und ich sang mit, mal leise, mal ausgelassen. Und immer wieder spulte ich zu dem einen Lied. „Wind of change“. Kein Wunder, dass die Kassette irgendwann entnervt den Dienst quittierte. Ich kaufte einem Klassenkameraden das Album ab, immer noch auf Kassette. Später, als meine Scorpions-Liebe schon etwas erkaltet war, kaufte ich mir schließlich die CD, um sie zu den über 20 anderen Scorpions-Tonträgern zu stellen – der Vollständigkeit halber.

Mein erstes großes Konzert fand natürlich auch mit hannoveraner Beteiligung statt. Straßburg, Hall Rhénus, 23. Oktober 1993. Die Scorpions waren drei Jahre nach „Wind of change“ offensichtlich froh, mit dem neuen Album „Face the heat“ endlich wieder auf der Bühne zu stehen. Ich war aufgeregt, davor zu stehen. Duff McKagan, ehemals Guns'n'Roses, gab den Einheizer. Inzwischen war ich gut vorbereitet, hatte einige CDs zusammen gekauft und kannte fast alle Texte mehr oder weniger auswendig.



Als die Vorgruppe anfing, traf mich der Bass direkt in der Magengegend. Ich stellte mich ganz bewusst vor eine der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens. „Entweder,“ sagte ich mir, „klappst du jetzt zusammen. Oder du genießt es und wirst viel Spaß haben.“ Ich entschiedmich für die zweite Option. Ich sang alles mit, was gespielt wurde, in der zweiten Zugabe endlich „Wind of Change“. Pfeifen, „I follow the Moskva...“, „Taaaaaake meeeeee“. Danach musste mich mein Bruder aus der Halle zerren, vor der unsere Eltern auf uns warteten, um uns wieder mit nach Hause zu nehmen.

Inzwischen hatte ich auch verstanden, dass es gar nicht so einfach war, alle Scorpions-CDs zu erstehen. Es gibt wahrscheinlich keine Band, die so viele Compilations auf den Markt gebracht hat. „Hot and Heavy“, „Hot and Hard“, „Hot and Slow“ „Best of“ 1 und 2, „Classic Bites“, „The very best of“, „Deadly Sting“, „Essentials“, „Deadliest Sting“ – 39 Best-of-Alben stehen 17 Studioalben und vier Live-Platten gegenüber.

Ich kaufte einige dieser Alben und Compilations zusammen, wobei mir entgegen kam, dass viele der alten Sachen in der Nice-Price-Sparte angeboten wurden. Mir war das egal. Eine CD mit dem charakteristischen Schriftzug war für mich nicht mit ihrem materiellen Wert gleichzusetzen. Aber Mitte der neunziger Jahre kamen auch andere CDs hinzu. Die Scorpions waren nicht mehr die angesagteste Band, nicht bei mir und nicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Der langjährige Drummer Herman Rarebell hatte in Monaco ein Tonstudio eröffnet und war durch James Kottak ersetzt worden.



1997 war das Daytona Europe Festival auf dem Flugfeld in Lahr angesetzt. Ich war inzwischen kein glühender Scorpions-Fan mehr, aber das Festival erschien vielversprechend. Scorpions, James Brown, Deep Purple. Um es kurz zu machen, über das Versprechen kam es nicht hinaus. Die Scorpions waren das Beste am Festival, die Manowar-Fans das peinlichste. Da es aber mehr Manowar-Fans als Scorpions-Auftritte gab, war es ein Wochenende zum vergessen. (Übrigens auch für die Veranstalter. Von den erwarteten 100.000 Besuchern kam nur ein Fünftel.)

Mein persönlicher Scorpions-Tiefpunkt erfolgte aber zwei Jahre später. Als sie auf der „Eye II Eye“-Tour mal wieder durch Straßburg kamen, war ich für die Badische Zeitung vor Ort. Selbst hätte ich mir die Karte nicht gekauft, aber trotzdem war ich irgendwie froh, die alten Haudegen mal wieder zu sehen, die so großen Einfluss auf meinen jugendlichen Musikgeschmack gehabt hatten. Ich wurde bitter enttäuscht. Das Konzert war für 18:30 Uhr angesetzt, Klaus Meine und Co. machten Dienst nach Vorschrift, und als ich gegen 20 Uhr wieder aus der Halle trat, blendete mich die Abendsonne. „Jungs,“ dachte ich, „ihr seid alt geworden.“ Sehr viel später wurde mir klar, dass es sich um eine Art Midlife Crisis gehandelt hatte.

Während meines Studiums schleppte ich zwar meine über 20 Scorpions-CDs von einer Wohnung in die nächste, in den CD-Player schob ich sie so gut wie nie. Die Stunden, als ich als Kind mit einem neuen Scorpions-Album vor der Stereoanlage gelegen hatte und den Liedern Silbe für Silbe gefolgt war, als ich mit meiner E-Gitarre Rudolf Schenkers Armschwung nachzuahmen versucht hatte – das alles schien mir eine andere Zeitrechnung gewesen zu sein, der ich mich nur noch in schweren Anfällen akuter Nostalgie anzunähern wagte.

Trotzdem verlor ich die Scorpions nie aus den Augen, sah Klaus Meine im Fernsehen „Unbreakable“ bewerben, hörte „Moment of glory“ während der Expo in Hannover. In einem Plattenladen hörte ich auch mal in das Live-Album „Acoustica“ rein. Die Version des Queen-Klassikers „Love of my life“ ist eine Zumutung, wenn man es mit dem Original vergleicht. Ich kaufte mir kein einziges Scorpions-Album mehr (wie ich auch sonst keine CDs mehr kaufe).

Im vergangenen Jahr kam mir zu Ohren, dass sich Deutschlands erfolgreichste Rockband auf Abschiedstour befindet. Inzwischen lebte ich in Santiago de Chile, und die Fügung wollte es, dass die Scorpions auch hier ihren Stachel ausfahren wollte. (Man kann in einem Beitrag über die Scorpions nicht auf ein solches Wortspiel verzichten.) Tief in mir begann es zu beben. Ich wollte eine Karte haben, wollte dieses Konzert sehen. Je näher das Konzert kam, desto stärker wurden die inneren Regungen, inzwischen eher ein dynamisches Pulsieren. Oberflächlich sagte ich mir und anderen fast entschuldigend, dass ich mit dem Konzertbesuch ein Kapitel meiner Kindheit abschließen wolle.

Ich las wieder viel über die Band. Schon als Kind und Jugendlicher hatte ich das getan, so dass ich mich nun nur auf den neusten Stand bringen musste. Ich tat es bewusster, gezielter. Auch besorgte ich mir die beiden letzten Studioalben „Sting in the tail“ (2010) und „Humanity – Hour I“ (2007). „Humanity“ ist das einzige Konzeptalbum der Band und meines Erachtens nach das Beste, was sie hervor gebracht hat. Den Ritterschlag erteilt der Smashing Pumpkins-Mann Billy Corgan, der nicht nur mitsingt, sondern die Band auch als seine größte Inspiration ehrt.

Das überraschte mich. Für mich waren die Scorpions immer ein Baukastensystem aus Rudolf Schenkers Powerchords, Klaus Meines etwas quietschigem Gesang und der Virtuosität von Michael Jabs. Irgendwann klang jeder Song gleich. So ist es aber gar nicht. Die Entwicklung vom ersten Album „Lonesome Crow“ (1972) über die erfolgreichen achtziger Jahre mit „Blackout“ (1982) und „Love at first sting“ (1984) und bis zu „Humanity“ und „Sting in the tail“ ist beeindruckend. Rudolf Schenker hat in einem Interview einmal gesagt, als er 1965 die Scorpions gründete, sollte es irgendwann einmal eine der 30 bedeutendsten Rockbands des Planeten sein. Mission completed.



14. September 2010, Santiago de Chile, Movistar Arena. Ich habe eine Karte für die Cancha, den Innenraum gekauft. Ich bin aufgeregt, wie beim ersten Konzert, angespannt. Die Halle ist brechend voll. Nanu, denke ich, ob die wohl mehr als ein Lied kennen. Ich habe schon vorher gelesen, dass sich die Band durch ihre inzwischen fast 50 Jahre Repertoire spielen will. Ohne Vorband geht es los. Ich kann aber immer noch alle Lieder mitsingen. Die Chilenen auch. Für einen kurzen Moment bin ich sprachlos, dann noch begeisterter.

Der erste Akkord trifft mich wieder in der Magengegend, diesmal ist es aber eher ein Wachkitzeln. Ich hüpfe wie ein Flummi, singe, schief, aber glücklich, liege mir mit wildfremden Menschen in den Armen. Unsere Verbindung? Eine Rockband aus Hannover. Der absolute Höhepunkt ist das Schlagzeugsolo von James Kottak. Und natürlich „Wind of change“. Das Pfeifen. „I follow the Moskva..“



Und dann ist es vorbei. Die Lichter in der Halle gehen an, ich bin verschwitzt. Die Video-Leinwände machen auf die kommenden Attraktionen aufmerksam. Anscheinend hat ein Spaßvogel sich gedacht, dass man nach dem Konzert einer deutschen Band Werbung für eine weitere deutsche Band machen kann. Tokio Hotel wird kommen.



Schnell drehe ich mich um. Das will ich nicht sehen. Lieber fühle ich mich erfüllt von einer warmen Nostalgie und der Energie, die die alten Herren immer noch versprühen, vielleicht mehr denn je. Mit dem Strom der Masse verlasse ich die Halle. Der Strom verläuft sich, irgendwann bin ich alleine auf der dunklen Straße am Ufer des Flusses Mapocho. Und pfeife.

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Was: Scorpions (Support: My Inner Burning)
Wann: Mittwoch, 22. Juni 2011, 19:30 Uhr
Wo: Messe Freiburg
Tickets: ab 62,80 Euro   [Bild 1: Promo; Bild 2: caro/bei 20 Jahre Radio Regenbogen; Bild 3: dpa; Bild 4-6 cms/Santiago]