Scientology: Aussteigervortrag spaltet Zuhörer

Markus Steidl

Gestern Abend hat Wilfried Handl, ein Aussteiger aus der Sekte Scientology, einen Vortrag gehalten im Audimax der Freiburger Universität. Von Anfang an haben Sektenmitglieder versucht, die Veranstaltung des ehemals hochrangigen Mitglieds zu untergraben. Sie endete mit Geschrei und Buhrufen.



Der Vortrag wird von der Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltet, deren Vertreter Thomas Wolf ins Thema einführt und später noch ein ungeahntes Rampenlicht erlebt, aufgrund von Übungen, die Handl an ihm exemplarisch vollzieht.


Das Kollegiengebäude II, in dem das Ganze stattfindet, ist sonst die Domäne der Studenten der rechtswissenschaftlichen Fakultät und der Volkswirtschaftslehre, heute zeigt sich im größten Hörsaal der hiesigen Universität ein anderes Bild. Vor Beginn der Veranstaltung bekommt man am Eingang von Scientology-Vertretern kleine Handzettel zugesteckt, die titeln: „Herr Handl - Wieviel Geld erhalten Sie dafür, dass Sie dem Verfassungsschutz das Wort reden?“

Es handelt sich natürlich um Gegenpamphlete, die einem trotz aller vorher eingeredeten Unparteilichkeit den muffigen Odeur einer politischen Kampfschrift ins Gesicht blasen. Geschickt dennoch: Handls Autorität wird, bevor man ihn überhaupt gesehen hat, bereits untergraben, er wird als niederträchtige Person portraitiert und überhaupt wird alles abgestritten, was einem als Vorwissen diente: Nämlich zum Beispiel, dass Handl den zweithöchsten Grad der Erleuchtung erreicht haben soll und damit einer der rangobersten Aussteiger aus der Sekte ist. Es wird dagegen propagiert, er sei ein schlechter, untreuer Mensch, der seiner Familie nichts weiter als Schaden zugefügt habe, was man damit zu beweisen versucht, dass man aus einem Brief seiner Exfrau zitiert.

Was verschwiegen wird, Handl aber später nachholt, ist, dass seine ehemalige Ehefrau und deren neuer Mann immer noch Mitglieder der Organisation sind.

Am Anfang des Vortrags entsteht eine Asymmetrie zwischen den Beschuldigungen gegen ihn und seiner sympathischen Art, auch wegen des zugegebenermaßen von vornherein schon gewinnenden österreichischen Akzents.

Thomas Wolf stellt dem altersmäßig ausgewogenen Publikum Wilfried Handl vor, der seinen Vortrag mit einem Sinnbild beginnt, nämlich mit dem Spruch auf dem Freiburger Stadttheater: „In welcher Zukunft wollen wir leben?“ Er beantwortet mit: „Sicherlich nicht in einer, die Scientology vorgibt.“ Wüsste man jetzt schon, in welchem Fiasko die Veranstaltung enden wird, würde es einen nicht wundern, dass man bei einem umschweifenden Blick ins Publikum kaum Reaktionen entdeckt. Handl versucht mit seiner folgenden Beschreibung der Sekte ein paar Scherze zu verbinden, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht auf viel Gegenliebe stoßen.



Das Publikum verhält sich im Gegenteil eher ruhig, während der Österreicher den anwesenden Präsidenten von Scientology Schweiz aufs Korn nimmt. Möglicherweise geschieht diese Stille wegen des trotz allem übrig gebliebenen Eindrucks der Spiritualität, die diesem Vertreter der Vereinigung anzuhaften scheint.

Bevor Handl dazu übergeht, von seinen persönlichen Erfahrungen zu berichten, entkräftet er die Behauptung der Sekte, sie sei durch 40 deutsche Gerichtsurteile als Kirche anerkannt und weitet seine Anschauungen auf die Vereinigten Staaten von Amerika aus, in denen Scientology ebenfalls mitnichten die Anerkennung einer Religion genössen, sondern lediglich nach vielen Jahren aufgrund des Prinzips der gemeinnützigen Vereinigung eine Befreiung von der Umsatzsteuerpflicht zugestanden bekommen hätte, die nach Handl dort „beinahe jeder“ erreichen könnte.

Anschließend erläutert der Aussteiger einige Projekte, die der Verein im Moment in Angriff nimmt, unter anderem den Plan, nah an europäischen Regierungen zu residieren, beispielsweise im siebenstöckigen Bürokomplex nahe des Berliner Reichstags; eine weitere Strategie der Sekte sei die Gewinnung von Prominenten wie John Travolta, der am Samstag bei „Wetten, dass?!“ zu Gast sein wird. Durch die Mitgliedschaft von Travolta oder auch Tom Cruise in Scientology würden mehr und mehr Menschen angezogen, die sich denken müssten: „Wenn der das gut findet, kann es ja nicht schlecht sein.“

„Man hätte ihn gar nicht erst einladen dürfen“, sagt Handl und provoziert endlich doch Applaus. Er spricht weiterhin von der Gefahr, die das Gedankengut der Sekte verdeckt oder öffentlich darstellt und bringt das Beispiel des Films „Elizabethtown“, dessen Dialoge und Aussagen vor scientologischen Maximen nur so strotzen würden, und dessen Koproduzent schließlich auch Tom Cruise sei.

All diese Erläuterungen klingen plausibel, was ja klar war, schließlich ist man ein gebildeter Mensch und verurteilt im Vorfeld alle Mitglieder und Abhängigen der Sekte zu gedankenlosen Idioten. Leider verursacht dieses Bewusstsein im Publikum jetzt schon einen gewissen Hang der Polemik, der zu etwas zu lautem Gelächter oder zu allzu tosendem Beifall führt, wenn Handl, durch seine Vergangenheit und Wut, die er immer noch spüren muss, dazu hingerissen wird, allzu gehässig zu argumentieren und darüber bisweilen Überzeugungskraft einbüßt.

Man muss auch zugeben, dass jemand, der so offen und ehrlich preisgibt, welche Fehler er gemacht hat und deshalb überaus weise erscheint, möglicherweise einen zu abgeklärten und vielleicht auch listigen Eindruck hinterlässt. Umgeben von schreienden Gegnern oder „Selbsterfahrern“ fühlt man sich hier als objektiver Beobachter ein wenig wie in Allen Carrs Nichtraucherseminaren.

Man würde sich nicht wundern, wenn auch Handl irgendwann einen Ernährungsratgeber herausbringen würde, weil der Weg vom Selbstbefreier zum Befreier vieler anderer erfahrungsgemäß nicht weit ist.

Der sympathische Österreicher muss möglicherweise aufpassen, nicht in diese Sparte zu fallen. Deshalb, weil das auch selbst einen gewissen Hauch von Sekte an sich hat, wenn jemand versucht, zu bekehren.

Aber noch ist er glücklicherweise nur Berichterstatter und hält sich trotz all seiner Sticheleien gegen die Sekte zurück, wenn es darum geht, irgendwelche Gemeinplätze zu verkünden. Stattdessen übernimmt das für ihn das Publikum.



Nachdem Handl an Thomas Wolf von der Konrad-Adenauer-Stiftung versuchsweise mehrere Übungen der Scientology-Seminare vorgeführt und die Praxis dieser Vorträge dargestellt hat, beschreibt er die verschiedenen Stufen der Erleuchtung. Handl stellt klar, dass eines der höheren Seminare bis zu 20.000 Euro kosten dürfte. Man hat die Schlußfolgerung schon gerochen und möglicherweise selbst schon gezogen: „Scientology ist ein profitorientiertes Gewerbe, das für teures Geld Lügen verkauft.“

Jetzt geschieht etwas Merkwürdiges, das eigentlich gar nicht so merkwürdig ist. Die Gefahr dafür ist ja grundsätzlich gegeben, wenn der Masse des Publikums das Rederecht erteilt wird, also eine Fragerunde losgeht: Es wird ein Fiasko.

Mehrere stellen ernst gemeinte Fragen nach der Person Handls, etwa: "Wie gehen Sie heute mit der Machtsucht um, die Ihnen die Scientology-Mitgliedschaft beschert hat?" Er beantwortet glaubwürdig, dass er jetzt nach der Maxime „Weniger ist mehr“ lebe und kaum mehr das Bedürfnis habe, zu expandieren, so zu sagen. Weiterhin stellt der Mann klar, dass man den Mechanismus niemals unterschätzen sollte, der hinter einer Sekte steckt.

Man dürfe nie denken, man würde niemals darauf hereinfallen, wenn man dort wäre, um sich das Ganze anzuschauen und sich sein eigenes Bild davon zu machen. Als Einzelner habe man das Problem, dass man gänzlich einem gut trainierten Team ausgesetzt sei, das darauf spezialisiert sei, die wenigen Wunden zu finden, die man hat und darin herumzuwühlen, um dann hinterher ein brüderliches „Scientology kann helfen!“ auszuscheiden.

Als aber dann doch der Schweizer Scientology-Vertreter Staedtler zu Wort kommt und Handls gesamten Vortrag als Lügenmärchen abtut, beginnt sich hinter einem das Meer zu teilen. Das Geschrei der Befürworter bzw. Mitglieder der Sekte wechselt sich ab mit den wütenden Buhrufen der Gegner. Als man um 22 Uhr dem Mann das Mikrofon abstellt, weil es Zeit ist, das Gebäude zu schließen, rufen alle vereint „Unfair!“; die einen, weil sie Mitglied sind, die anderen, weil sie für den Moment ihr Gerechtigkeitsgefühl wiederentdecken, das die anderthalb Stunden zuvor ziemlich taub gewesen ist.

Einer schreit auch „Hitler! Handl! Alle beide aus Österreich“, und man muss schon an sich halten, um nicht wildgeworden hochzurennen und heiße, schellende Ohrfeigen anzubieten. Man verlässt das Auditorium schließlich, draußen wird weitergemeckert, ein wenig.

Bei Konzerten kann man von „gescheitert“ sprechen, wenn das Publikum überhaupt nichts von sich gibt und still ist. Ein Vortrag scheitert aus dem gegenteiligen Grund. Man hat das Gefühl, dass überhaupt nichts angekommen ist, dass es vermutlich einfach müßig ist, zu versuchen, einer großen Menge an Menschen etwas mitzuteilen, das aus persönlicher Erfahrung hervorgegangen ist.

So einfach es auch sein mag, auf andere Art eine Vielzahl mitzureißen. Aber reden wir nicht philosophisch drum herum: Ohne das Gequatsche und Gerufe zum Schluss ein durchaus einprägsamer Abend, der aber von den meisten fälschlich als Möglichkeit zum Problemlösen missverstanden worden ist, nicht zuletzt natürlich von Wilfried Handl selbst.