Schweiz–Spanien: WM-Bericht aus Basel

Chico Policicchio

Unser WM-Kolumnist Chico hat sich gestern den Sieg der Schweizer gegen Spanien im Gare du Nord z'Basel angeschaut. In seinem kurzweiligen Bericht geht es unter anderem um PS-kundige Ladies, Alain Sutter, einen Zwei-Mann-Velokorso und Schweizer Freude ohne nationalchauvinistischen Unterton.



„Kommst in den Gare du Nord in Basel am Mittwoch, Schweiz gegen Spanien gucken“, fragt der Kollege Heinz, „ist ein sehr schöner Platz zum

Fußballschauen.“ Also hocke ich um kurz nach 14 Uhr im rappelvollen Regiozug, der sich erst vor der Grenze langsam leert. Kurz vor Basel sind  noch drei Mädels mit mir im Abteil, die sich, nein nicht über ihre Freunde, auch nicht über Fußball, sondern über Autos unterhalten.

In Sachen PKW bin ich ja vollkommener Laie. Ich weiß, wo das Lenkrad ist und wohin ich meine Bußgelder überweisen muss. Aber diese drei Mädels! Sie schmeißen mit Begriffen und technischen Ausdrücken um sich, mein lieber Scholli!



Anscheinend sind die Mädels vom Jeep über den Roadster mit Was-weiss-ich-für Vergasern anscheinend schon jede Kiste gefahren, sensationell. Das letzte, worüber sie sich unterhielten, war ein Ford
Focus ST (oder so was in die Richtung): „Bringt`s aber net, den zu
kaufen", meinte die Jeepexpertin, „wo willste denn die 225 PS ausfahren?“ Hat sie auch wieder Recht.

Nach dieser Lektion in Sachen Auto Motor und Sport hole ich mir am Basler Bahnhof erst mal ein Bier. Die Dame an der Kasse verabschiedet mit „A Schöne“. So sind sie, die Schweizer. Alles Überflüssige weglassen.

Der Gare du Nord liegt direkt im Badischen Bahnhof und ist wirklich ein wundervoller Ort. Hohe Räume, edles Old School Ambiente mit
Stuck und Kronleuchter. Sehr schön. Es ist schon ziemlich voll, als ich Heinz dort treffe, die Stimmung ist lässig und entspannt. Es läuft die Endphase von Chile-Honduras und der Reporter fragt: „Kann Honduras den Favoriten Chile noch kitzeln?“ Auch wieder so ein wunderbarer Schweizer Ausdruck. Statt "gefährlich werden" einfach „kitzeln“.



Wir finden einen Platz und ich denke, den Kerl auf der Riesenleinwand kennst du doch. Natürlich, der schöne Alain, vor 15 Jahren Schwarm aller weiblichen SC Fans, proper wie eh und je. Alain Sutter ist der Schweizer Studioexperte und sein Kollege gibt nun „abbi in den
Spielertunnel“. Es geht los.

Heißt in dem Fall, dass Kommentator Sascha Ruefer das Wort ergreift: „Jetzt gibt`s die Nationalhymne. Wir stehen auf, schweigen andächtig und singen mit.“ Hä? Mal davon abgesehen, dass man entweder schweigen oder mitsingen kann -  der Mann ist gerade mal 38 Jahre alt und schwadroniert daher wie ein Veteran.

Die Partie entwickelt sich von Anfang an wie ein Spiel von Basel gegen Kleinhüningen, sprich haushoch überlegener Bundesligist trifft im Pokal auf eine Amateurtruppe. Spiel nur in eine Richtung, nämlich in die des Schweizer Tores. Gefühlter Ballbesitz der Spanier: 200 Prozent. Sobald die Schweizer auch nur in Sichtweite der Mittellinie kommen, flippen die Fans total aus. David gegen Goliath hoch zehn. Dummerweise geht dem Spanier mit seiner Spielkunst auch ein bissel die Arroganz durch. Statt den Eidgenossen, ein, zwei, drei oder vier Dinger reinzuballern, spielt er zwar Katz und Maus mit dem Gegner, allerdings ohne zum Torerfolg zu kommen. Ist beim Fußball immer blöd, weil, uralte Regel: Ohne Torerfolg ist Schönheit nichts wert.

Halbzeit also immer noch Null Null, der DJ spielt „Dancin in the Streets“, wie es sich gehört in der Originalfassung von Martha and the Vandellas, die Stimmung ist prächtig. Es gießt immer noch in Strömen, trotzdem tummeln sich draußen auf der Terasse die Fans bei Chlöpfer und Bier.

Zweite Halbzeit, die Spanier sind jetzt noch überlegener, die Schweizer kommen nach sieben Minuten zum ersten Mal über die Mittellinie und sind darüber so erstaunt, dass sie vor Schrecken den Ball ins spanische Tor stolpern.



Nach kurzem, fassungslosem Staunen über das eigene Glück tobt der Saal. Ruefer ist jetzt vollkommen in seinem Element. „ Das Wunder von Bern“, raunt Kollege Heinz und tatsächlich steigert sich Ruefer wie weiland Herbert Zimmermann 1954 zu einem wahren Stakkato von Lobeshymnen auf die Schweizer Mannschaft. „Die Schweizer stemmen sich heldenhaft gegen die übermächtige spanische Armada, stehen wie ein Fels in der Brandung, müssen jetzt hart wie wahre Männer kämpfen und wir erleben einen glorreichen, sporthistorischen Moment!“ Mannomann, wie gesagt der Bursche ist erst 38.

Dann überquert die Schweiz zum zweiten Mal die Mittellinie, erzielt  fast das 2:0 und zum ersten Mal wackeln die Kronleuchter bedenklich. Für Schweizer Verhältnisse gleicht der Gare du Nord einem Tollhaus und nun, kurz vor Ende, stimmt die Crowd auch endlich den legendären Schweizer National Roar an: „Hopp Schwiiz, hopp Schwiiz!“



Schließlich der Schlusspfiff, Hitzfelds Beton hat den Spaniern standgehalten, grenzenloser Jubel, aber, und das fällt mir dann sofort irgendwie auf: null nationalchauvinistischer Unterton dabei. Sehr symphatisch. Lediglich ein deutscher Holzkopf stammelt in ein ihm hingehaltenes Fernsehmikro, dass der Spanier, wenn`s darauf ankäme, halt immer versage. Dubel.

Da uns der Hunger und die Lust auf etwas Ruhe umtreibt, gehen wir ins Hirscheneck, wo auf die Herren und Damen Autonomen natürlich Verlass ist: Kein Fußball weit und breit. Nur ein Zwei-Mann-Velokorso mit Schweizer Flagge radelt draußen vorbei.

Zuhause in Freiburg steige ich auf mein Fahrrad. Es gießt in Strömen,
während ich nach Hause radle. Fußball schön und recht, denke ich, aber jetzt würde ich eigentlich lieber mit den drei Mädels und 225 PS über die Autobahn brettern. En Schöne mittnand!

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