Schwarzwaldhof '81: Ein Kommissar erinnert sich

David Weigend

Die Besetzung des Dreisamecks und des Schwarzwaldhofs gilt vielen als Inbegriff des linksalternativen Freiburger Widerstands. Rolf Schlotterer, Kriminaloberkommissar im Dezernat Linksterrorismus, wurde 1981 nach Freiburg geschickt, um die Szene der Hausbesetzer zu beobachten. 26 Jahre später berichtet er, was er damals erlebt hat.



Der Auftrag

Freiburg 1981. Zuerst wurde das Haus „Dreisameck“ besetzt, danach der „Schwarzwaldhof“. Im Zusammenhang mit diesen Hausbesetzungen kam es zu einer Vielzahl von schweren Straftaten: Brandstiftung, Landfriedensbruch, Raub, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen in erheblichem Ausmaß.

Es lag der Verdacht vor, dass diesen Delikten politische Motive zu Grunde liegen. In solch einem Fall beginnt auch das Landeskriminalamt mit Ermittlungen. Ich war damals Kriminaloberkomissar im Dezernat Linksterrorismus und erhielt den Auftrag, mir ein Bild von der Situation zu machen. Wir organisierten eine Sonderkommission mit drei Abschnitten und insgesamt 60 Beamten.

Ich wurde zum Leiter einer dieser Abschnitte ernannt und war verantwortlich für Organisation, Logistik und Technik; auch für die Auswertung unserer verdeckten Maßnahmen. Diese waren insbesondere Observationen verdeckter Ermittler und Telefonüberwachungen.

Wir hatten den Auftrag, herauszufinden, ob es rund um den Schwarzwaldhof im strafrechtlichen Sinne eine kriminelle Vereinigung gegeben hat. Inwiefern waren die Straftaten organisiert und geplant?



Die Kommandozentrale

Die Situation in Freiburg 1981 war aufgeheizt. Die Szene hatte sich sehr gut organisiert. Aktionen der Polizei wurden frühzeitig gestört.

Bei 60 Soko-Mitarbeitern ist es gar nicht so einfach, einen Stützpunkt zu finden. Ich hatte den Auftrag, ein Objekt zu besorgen, das schwer ausspähbar war, und dieses als komplette Dienststelle auszustatten. Dazu bekam ich eine Sondervollmacht. Geld spielte keine Rolle.

Ich wählte eine große Villa in der Wiehre. Sie lag strategisch günstig in einer ruhigen Wohngegend. Man musste wegen der Nachbarschaft davon ausgehen, dass man es mit gutbürgerlichen, konservativen Leuten zu tun hat. Dennoch wurden in unserer Nachbarschaft einige Häuser irrigerweise angegriffen.



Reichsadler

Ich saß überwiegend am Schreibtisch. Ich habe Informationen zusammengetragen, Telefonate abgehört. Die Leute aus der Szene haben sich untereinander mit Decknamen angeredet. Sie haben Telefone in öffentlichen Einrichtungen oder Gaststätten benutzt. Logischerweise kannte ich die Stimmen, aber ich konnte sie keinen Gesichtern zuordnen. Viele Telefonate wurden vom Gasthaus „Reichsadler“ aus geführt, dort traf sich die Szene, dort wurden Aktionen geplant.

Von uns hat sich keiner in den Reichsadler getraut. Polizisten wurden sofort enttarnt und mussten mit Schlägen rechnen. Dennoch wollte ich herausfinden: Wer sind diese Personen, die vom Reichsadler aus telefonierten?

Da ich mich ansonsten wenig in der Öffentlichkeit bewegt habe, habe ich mich reingetraut. Kaum hatte ich den Fuß in der Kneipentür, bin ich als Polizeispitzel angesprochen worden, lauthals, alle haben die Köpfe nach mir gedreht. Mir wurden Schläge angedroht, man wollte mich einschüchtern. Ich habe mich dumm gestellt und gesagt, ich wolle nur in Ruhe ein Bier trinken. Aus dem einen Bier wurden dann vier. Am Tresen fand ich mich plötzlich in der Lage des Verhörten wieder. Man hat versucht, herauszukriegen, ob ich was mit der Polizei zu tun hätte.

Da ich mich familienhalber gut auf die Strickerei verstehe, bin ich dort als Stricker aufgetreten und hab denen alles erzählt, was ich von der Strickerei wusste. Offenbar haben die mir das abgenommen. Ich kam jedenfalls unversehrt wieder raus aus dem Reichsadler. Stimmen habe ich keine zuordnen können.



Organisiertes Einkaufen

Der Schwarzwaldhof wurde von den Hausbesetzern zum rechtsfreien Raum erklärt. Der Gebäudekomplex zwischen Schwarzwaldstraße und Talstraße hatte zwei Zugänge. Wenn da ein Polizist versucht hätte, durchzufahren, wäre der Wagen danach Schrott gewesen. Die haben mit Steinen geworfen, mit Prügeln draufgeschlagen, mit Farbbeuteln und Molotovcocktails geschmissen. Da blieb kein Auge trocken, es bestand Lebensgefahr.

Der Schwarzwaldhof war ganz klar ein Herd der Kriminalität. Ein Beispiel: Zuerst wurde dort die Stimmung angeheizt durch eine so genannte Informationsveranstaltung. Danach hieß es: „Wir machen Randale!" Einige haben das vorbereitet, haben Steine und Molotovcocktails bereitgelegt; teilweise sind da nachts bis zu 50 Leute durch die Straßen gezogen und haben die Schaufenster der Innenstadt zerdeppert und Fahrzeuge zerstört.

Tagsüber gab es das so genannte Organisierte Einkaufen: 40 Leute stürmen in ein Kaufhaus, die Hälfte davon auf Rollschuhen; die Rollschuhfahrer machen ein Riesentheater, produzieren Krach mit Trommeln, Radios, Trompeten und Blechdosen. Die Krachmacher erwecken die Aufmerksamkeit der Kunden. Während sie also mit ihren Rollschuhen um die Stände rumdüsen, kommt eine zweite Klientel, ohne Rollschuhe, und räumt die Regale ab, stopft das Diebesgut in Tüten und dann verlässt der ganze 40-Mann-Tross den Laden. So hat man eingekauft.



Die Larve

Ich hatte eine Assistentin, die auf die Idee kam, mich ein bisschen zu stylen. Ursprünglich sollte ich als Punker gehen, aber wegen meiner Statur und meinem Vollbart haben wir davon Abstand genommen. Man hat mich dann mit Schminke und Haargel verfremdet, damit ich ein bisschen szeneangepasster wirke.

In diesem Aufzug habe ich mich in eine Demonstration gemischt. In der ersten Viertelstunde lief jemand neben mir, der mich ständig musterte. Ich hatte den Mann mal als Beschuldigten vernommen. Der sagte nur: „Steht Ihnen aber gut, was Sie da anhaben.“ Ich war enttarnt und verließ den Demonstrationszug. Am Rathausplatz hat mich dann der Verfassungsschutz aus dem Knopfloch fotografiert. Wenigstens die haben mich für einen Verdächtigen gehalten.



Jos Fritz Buchhandlung

Sie war Kommandozentrale und Kommunikationszentrum der Hausbesetzer während Demonstrationen. Befehle, die der Polizeiführer durchgegeben hat, wurden dort im Original aufgenommen und dann, bei späteren Einsätzen, als Störfeuer eingespielt, um gegenteilige Aktionen zu bewirken. Das hat zu grotesken Situationen geführt, etwa wenn der Polizeiführer seine eigenen Befehle zurücknehmen musste: „Mein Befehl von vorhin ist gefälscht, der Befehl, den ich jetzt gebe, ist richtig!“

Und auch das hat die Gegenseite aufgenommen und später wieder abgespielt, was zur völligen Verwirrung der Polizeibeamten beigetragen hat. War clever eingefädelt, das hat uns teilweise auch amüsiert.

Die Jos Fritz Buchhandlung war auch Ausgangspunkt für so genannte Schneeballaktionen. Wenn jemand eine neue Info hatte, meldete man sie bei Jos Fritz und von dort aus wurde sie in der Art einer Telefonlawine an diverse Wohngemeinschaften weitergegeben. Auch, wenn eine Demo geplant war. Man hat so innerhalb kurzer Zeit bis zu tausend Menschen mobilisieren können.



Gefüllte Krapfen

Bevor der Schwarzwaldhof von der Schutzpolizei geräumt wurde, gab es rund ums Gebäude einen Belagerungszustand. Die Polizei hat das Gelände abgeriegelt. Das Taxiunternehmen Kern hat damals mit den Besetzern symphatisiert. Die haben dann die Besetzer per Funk informiert, sobald sich die Polizei genähert hat.

Einmal hat ein Taxifahrer den Einsatzkräften eine große Schachtel mit Berlinern übergeben. Anstatt mit Marmelade waren die mit Kot gefüllt. Der Taxifahrer hat sich natürlich dumm gestellt und gesagt, er habe das in Auftrag eines Passanten abgegeben.

Medienwerkstatt

Die Besetzungen von Dreisameck und Schwarzwaldhof wurde von den Medien bundesweit kommuniziert. Schon damals gab es die Medienwerkstatt in der Wiehre. Da haben die Leute Szenen aus den Demonstrationen gefilmt und danach so geschnitten, dass der Eindruck entstand, als ob die Aggression allein von der Polizei ausginge und nicht von den Demonstranten. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben diese Filme gern abgenommen.

Das war schon eine geschickte Propaganda gegen die Polizei damals. Einer derjenigen, die damals in der Medienwerkstatt aktiv waren, ist heute ein renommierter Regisseur: Pepe Danquart.

Aus wem bestand „die Szene“?

Die Hausbesetzer-Szene setzte sich nicht nur aus Freiburgern zusammen, sondern aus gewaltbereiten Jugendlichen, die aus ganz Deutschland angereist kamen. Die Demonstrationen fanden alle mehr oder weniger im Zusammenhang mit den Hausbesetzungen statt.

Die Demonstrationen dienten auch dazu, den Zusammenhalt der Szene zu organisieren. Man demonstrierte für freien Wohnraum, es war eine Symphatiebekundung für die Hausbesetzer. Man wollte verhindern, dass besetzte Häuser geräumt werden. Außerdem ging es allen um Widerstand gegen die Staatsgewalt. Diese Haltung war damals opportun. Verbindungen zwischen der Freiburger Hausbesetzerszene und der RAF konnten wir nicht feststellen.



Der Schwarzwaldhof

…war ursprünglich ein Industriegebäude. Es wurde umfunktioniert in einen Szenetreff. Nach und nach haben dort die Leute ihre Matratzen abgeladen und sind dort geblieben. Ich vermute, dass da manchmal bis zu 400 Leuten waren. „In Freiburg gibt’s Randale“, das hat sich schnell herumgesprochen. Mit dem Dreisameck hat alles angefangen. Als das geräumt wurde, ist die Situation eskaliert. Der Nachfolger, der Schwarzwaldhof, hat sich für die Szene strategisch gut geeignet: er war groß, gut zu verteidigen, man gelangte schnell in die Innenstadt, wo dann das Gros der Straftaten verübt wurde.

Zielscheibe war alles, was zum Kapitalismus zählte: Banken, Geschäfte, Häuser von Leuten, die sich kritisch geäußert haben, aber auch Polizeiposten, sofern man da rangekommen ist.

Kampf gegen Spitzel

Die linke Szene war damals recht straff organisiert. Sie hat Strategien entwickelt, um sicherzugehen, dass die Szene sauber bleibt. Man hat konsequent potenzielle Zeugen unter Druck gesetzt. Da die Hausbesetzer wussten, dass wir verdeckte Ermittler einsetzen, haben sie nach Spitzeln Ausschau gehalten. Wenn man jemanden entdeckt hat, musste der um seine Gesundheit fürchten. Da wurden teilweise Unschuldige krankenhausreif geschlagen.

Wenn man jemanden als Spitzel vermutete, wurden bei ihm Fensterscheiben eingeschmissen, die Fassaden mit Farbbeuteln beworfen. Alle Fahrzeuge, die um das verdächtige Haus herumstanden, wurden beschädigt. Mit einem Nagel wurde der Lack zerkratzt, die Autos wurden teils sogar angezündet.

Die Stimmung in der Stadt

Die Hausbesetzerszene hat den Kampf gegen die Polizei sehr sportlich genommen. Die hatten ihren Spaß daran. Ihre Aktionen hatten ja mitunter auch humorvollen Charakter.

Es gab Kaffeekränzchen, Konzerte und Happenings, zum Beispiel Nacktbaden in der Dreisam. Andererseits kamen bei manchen Aktionen viele Leute zu Schaden. Materiell und körperlich. Die Stimmung in der Bevölkerung war gereizt bis verängstigt. Wir hatten Probleme, Leute zu Zeugenaussagen zu bewegen, weil massiv eingeschüchtert wurde. Die Häuserbesetzer haben polarisiert.

Das Ergebnis

Im Endeffekt konnten wir nicht nachweisen, dass im Zusammenhang mit den Freiburger Häuserbesetzern eine kriminelle Vereinigung existierte. Dafür waren die Aktionen zu spontan und die Beteiligung der Szenemitglieder zu wechselhaft. Dennoch standen die Dinge kurz davor. Ein anderes Ergebnis hätte massiven Einfluss auf das Strafmaß für die Verurteilten gehabt.

Zur Person

Rolf Schlotterer ist heute Kriminaldirektor in Sachsen. Zur Zeit ist er als Polizeiexperte und Berater im Auftrag der Europäischen Kommission in Rumänien tätig und ist vor Ort verantwortlicher Manager eines Projektes zur Korruptionsbekämpfung. Das Projekt startete im Juni 2007 und wird Ende August 2008 beendet werden.