Schulhof-Verordnung: Man spricht Deutsch

Constantin Wissmann

Thomas Schumann leitet seit 2007 die Herbert-Hoover-Sekundarschule im Berliner Stadtteil Wedding. Seine Schüler kommen vor allem aus der Türkei und arabischen Ländern, auf dem Schulhof reden aber alle Deutsch. Dazu verpflichten sich die Jugendlichen in einem "Bildungsvertrag". Muss das sein? Wir haben mit dem 60-jährigen Rektor gesprochen.



Herr Schumann, 90 Prozent ihrer Schüler haben einen Migrationshintergrund, auf dem Schulhof sprechen sie aber nur Deutsch. Wie ist es dazu gekommen?

Das wurde 2005 eingeführt, zwei Jahre bevor ich an die Schule kam. Manche Schüler dachten, andere redeten schlecht über sie in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Weil man diese Konflikte kaum lösen konnte, haben Lehrer, Eltern und Schüler das Deutschgebot in die Schulordnung aufgenommen.

Und Sie haben das fortgeführt?

Ja, unter meiner Leitung haben wir das noch ausgebaut. Seit zwei Jahren unterzeichnen Eltern, Schüler und Schule – durch den Schulleiter – bei der Aufnahme eine Bildungsvereinbarung, in der  neben allgemeinen Regeln auch die Verpflichtung zum Deutschsprechen während der gesamten Schulzeit festgelegt wird. Dazu gehört der Passus: „Ich verspreche, im Unterricht, während der Schulzeit auch in den Pausen und bei schulischen Veranstaltungen ausschließlich Deutsch zu sprechen.“ Außerdem verspricht der Schüler, der aufgenommen werden möchte, dass er mindestens zwei Bücher auf Deutsch liest und diese seinen Klassenkameraden vorstellt. Außerdem laden wir Autoren zu Lesungen ein.

Warum spielt die Sprache Deutsch bei Ihnen eine so große Rolle?

Es geht einfach um Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt und in allen anderen Bereichen des Lebens. Wer die Sprache nicht spricht, nicht in Deutsch denkt, kommt nicht weiter, auch wenn er noch so begabt ist. In den Elternhäusern hier im Wedding sind die Voraussetzungen dafür eben oft nicht gegeben. Ich empfinde es als Versündigung an der Jugend, wenn wir ihr nicht wenigstens in der Schule das nötige Rüstzeug an die Hand geben, um in der hiesigen Gesellschaft zu reüssieren. Und zur Schule gehört nicht nur der Unterricht, sondern auch der Schulhof oder der Wandertag.

Ist das Projekt denn erfolgreich?

Wir können natürlich nicht von heute auf morgen Nobelpreisträger produzieren. Aber die Entwicklung ist positiv. Wir verzeichnen zunehmend bessere Abschlüsse und eine lückenlose Vermittlung in die berufliche Ausbildung. Es gibt weniger Konflikte unter den Schülern.

Was machen Sie, wenn Sie jemanden beim Sprechen in seiner Landessprache erwischen?

Es gibt keine Strafen oder ähnliches. Das wäre auch formaljuristisch gar nicht möglich. Wir sagen dem Schüler, dass er mit uns eine Art Vertrag abgeschlossen hat, den wir respektieren und den er auch respektieren sollte. Dieser Appell an das Ehrgefühl wirkt meistens. Oft weisen die Schüler sich aber untereinander darauf hin, Deutsch zu sprechen.

Gilt die Deutschpflicht eigentlich auch für Franzosen und Engländer?

Selbstverständlich. Auch für Deutsche.

Gibt es Eltern, die sich dagegen wehren?

Wenn es sie gäbe, hätten wir ein Problem. Da haben wir keine Handhabe. Aber ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass jeder an dieser Schule die Deutschpflicht will. Von den Anmeldungszahlen her könnten wir die Klassenzahl verdoppeln. Viele Eltern mit Migrationshintergrund tun alles dafür, dass ihre Kinder an unsere Schule kommen. Die wissen ja aus eigener Erfahrung, wie wichtig das Beherrschen der deutschen Sprache ist. Natürlich wollen sie ihren Kindern die besten Möglichkeiten dazu geben, Deutsch zu lernen, Möglichkeiten die sie selbst nicht bieten können.

Sie haben aber auch viele Kritiker. Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, nannte die Deutschpflicht eine „Stigmatisierung“ und ein „Signal der Unterwerfung“.

Das ist kompletter Unsinn. Und typisch für die Verbände. Von denen würde ich mir eine unverkrampftere Haltung wünschen. Wir wollen ja nicht, dass die Schüler ihre Kultur verleugnen oder ihre Identität ablegen. Herr Kolat sollte uns mal besuchen, dann würde er sehen, wie zwanglos die Jugendlichen damit umgehen. Das war zum Beispiel beim Fußballspiel Deutschland-Türkei zu sehen. Da kamen viele in voller türkischer Montur in die Schule. Das war natürlich eine hochemotionale Angelegenheit, aber die Schüler haben nur spaßig miteinander geflachst. Einer hat sich sogar bei mir entschuldigt, dass er ein Türkei-Trikot anhatte und gesagt, beim nächsten Mal würde er sein Deutschland-Trikot anziehen.



Es geht aber nicht nur spaßig zu an Ihrer Schule. Zum „Bildungsvertrag“ gehören auch einige disziplinarische Vorgaben.

Die Schüler stehen zu Beginn des Unterrichts auf, um den Lehrer zu begrüßen. Baseballcaps müssen sie innerhalb der Klassenräume abnehmen. Handys sind verboten. Und wer um fünf vor acht nicht in der Schule ist, muss eine Stunde draußen bleiben.

Hilft bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund nur preußische Disziplin?

Viele kennen nun einmal nur die Umgangsformen aus dem Wedding, ihrem „Ghetto“. Aber damit kommt man draußen, auf dem Arbeitsmarkt, nicht weit. Nehmen Sie unsere Pünktlichkeitsmaßnahme. Das hört sich erst einmal hart an, aber auf Zuverlässigkeit achten Arbeitgeber eben am meisten. Den Respekt gegenüber gesellschaftlichen Normen leben auch wir Lehrer vor. Ab der zehnten Klasse sieze ich zum Beispiel alle Schüler. Das ist für die total ungewohnt.

Mögen die Schüler das denn?

Im Großen und Ganzen bejahen sie das. Es geht ja auch nicht darum, hier eine Kadettenanstalt draus zu machen. Aber ich erlebe bei ihnen eine große Identifikation mit der Schule und das hängt entscheidend mit dem Bildungsvertrag zusammen.

Sie würden also einer generellen Deutschpflicht auf Schulhöfen zustimmen? Das hat FDP-Generalsekretär Christian Lindner gerade gefordert.

Ja, das sollte an allen Schulen der Fall sein. Für mich ist das der einzige Weg zur Chancengleichheit. Das ist natürlich kaum durchsetzbar, da muss man nur an bilinguale Schulen denken.

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