Schuhbinden bei geschlossener Hose

Eva Hartmann

Vor zwei Tagen hat Eva das zweimonatige Bestehen ihres Projekts registriert und diesen Termin zum Anlass genommen, Zwischenbilanz zu ziehen. Diese fällt ambivalent aus.

Mal abgesehen von meinem Gewichtshalbierungsplan hat sich mein Allgemeinzustand deutlich verändert. Seit ich wieder regelmäßig Sport treibe, fühle ich mich fitter, beweglicher und wohler. Ich habe das Gefühl, mich besser konzentrieren zu können und weniger müde zu sein als sonst. Außerdem mag ich den Muskelkater, der mich mittlerweile zwar nur noch selten, aber doch ab und zu noch heimsucht. Er erinnert mich auf eine angenehme Art daran, dass ich noch lebe.Die Kehrseite von dreimal zwei bis drei Stunden Sport pro Woche ist, dass einem diese Zeit natürlich an anderen Stellen fehlt. Ich stecke mitten im Stress der letzten Studiumsphase und habe ein kaum überschaubares Arbeitspensum zu bewältigen. Ob ich pro Woche bis zu 12 Stunden mehr oder weniger am Schreibtisch sitze, fällt da spürbar ins Gewicht.

Körperlich treten nach und nach Veränderungen zutage. Veränderungen, die so klein sind, dass außer mir vermutlich niemand Notiz von ihnen nimmt. Die spektakulärste Feststellung ist, dass ich Knochen habe.Bemerkt habe ich dies auf schmerzhafte Weise, als ich nachts mit der Schulter gegen den Rahmen meiner Badezimmertür lief. So, wie ich das jede Nacht mache, wenn ich im Halbschlaf die Toilette zu finden versuche. Bis jetzt hat den Aufprall stets eine zentimeterdicke Speckschicht abgedämpft. Diesmal krachte der Knochen auf Metall. Ein spitzer Aufschrei, ein schmerzverzerrter Ausdruckstanz, schließlich ein großes, dunkelviolettes Hämatom. Aha, auch ich verfüge über Schlüsselbeinknochen. Auch an anderen Stellen scheint mein Körper Knochen zu haben. Das Ding an meinem Handgelenk, das ich zuerst für einen mutierten Mückenstich, dann für ein Krebsgeschwür hielt, scheint tatsächlich meine Elle zu sein.Etwas ähnliches zeichnet sich langsam auch an meinem Fußgelenk ab. Faszinierend! Geradezu atemberaubend ist eine weitere Veränderung, die sich bedeutend schneller ergeben hat, als ich das je vermutet hätte. Ich bin mittlerweile in der Lage, mir mit geschlossener Hose im Sitzen die Schuhe zu binden! Noch vor ein paar Wochen ging das nicht. Mein Bauch war mir dabei derart im Weg, dass ich mir die Schuhe nur bei offenem Reißverschluss, im Stehen und mit auf einen Stuhl gestellten Fuß schnüren konnte.

Ich schätze, es dauert noch drei bis vier Kilo, bis ich mir auch endlich die Fußnägel wieder auf normale Art und Weise schneiden und lackieren kann. Außerdem hat sich mein Umfang verringert. Am Oberschenkel um 3 (von 75 auf 72), am Bauch um sagenhafte sechs (von 113 auf 107) und am Oberarm von 39 auf 36, 5 Zentimeter. Vielleicht sind es diese paar Zentimeter, die zu einer weiteren, dritten Veränderung geführt haben: Man weicht mir nicht mehr aus. Wo andere Menschen auf schmalen Treppen bislang stehen blieben und sich dünn machten, um mich durchzulassen, und wo sich inmitten größerer Menschenmassen bisher Schneisen vor mir bildeten, als sei ich ein riesiges Dampfschiff in voller Fahrt, das jedes Hindernis schnaufend unter sich begrübe, da gehen Leute einfach mutig weiter oder sehen sich nicht mehr genötigt, zur Seite zu treten.Gut, ich will mir mal nicht zu viel einbilden. Schließlich ist es ja möglich, dass die vielgenannte Verrohung unserer ach so schönen Gesellschaft während der vergangenen zwei Wochen rapide zugenommen hat, diese Phänomene auf bloße Rücksichtslosigkeit zurückzuführen sind und rein gar nichts mit mir oder gar meiner Umfangsreduktion zu tun haben. Aber es ist mir nun mal positiv aufgefallen, und wenn keiner guckt, werde ich es weiterhin heimlich zu meinen Gunsten interpretieren.So positiv all das klingen mag, so ernüchternd ist jedoch der Blick auf die Waage. Während mir meine eigene Waage letzte Woche 101,5 kg vorgaukelte, konfrontierte mich die geeichte Waage im Fitnessstudio zu Beginn der Woche mit der Bitteren Wahrheit. 102,7 kg, also nur 3,8 Kilo Gewichtsverlust. Selbstverständlich habe ich umgehend allen auf diesem vergammelten Planeten existierenden Waagen vorerst abgeschworen und will mich fortan noch seltener auf eine ebensolche stellen.Dafür, dass ich seit nunmehr zwei Monaten dreimal pro Woche intensiv trainiere und eine Diät einhalte, finde ich dieses Zwischenergebnis wirklich ernüchternd. Drei Komma acht Kilo in zwei Monaten! Ich hatte gehofft, ich würde etwa so viel in der Hälfte der Zeit abnehmen! Als mich mein Trainer fragt, ob ich mit meinen Fortschritten zufrieden bin, äußere ich meine Enttäuschung. Einmal mehr erinnert er mich daran, dass es erst einer gewissen Aufbauphase bedarf, bis der Körper richtig loslegen kann. Ja, ja, die Story vom Muskelaufbau und vom Körperwasserverlust, der dem Verlust von Körperfett zwangsläufig vorausgehen muss, kenne ich mittlerweile auswendig.Aber nach zwei Monaten sollte doch nun wirklich mal etwas mehr als nur das passiert sein! Dieser Rückschlag relativiert all die tollen Veränderungen und prompt fällt mir an meinem Spiegelbild wieder nur noch das auf, was ich alles noch nicht abgenommen habe.

Auf der Seite My virtual model erstelle ich zwei digitale Modelle von mir: Eines mit meinem Ausgangs- und ein anderes mit meinem Zielgewicht.Wie realistisch diese Darstellungen sind – meine dicke Version hat nicht einen Hauch von Cellulitis, kein hängendes Bindegewebe und auch keinen einzigen Schwangerschaftsstreifen- sei dahin gestellt, jedoch verdeutlicht mir der Vergleich der Figuren, was ich mir da eigentlich vorgenommen habe. Und ob dieser jüngsten Enttäuschung kriechen Zweifel in mein Bewusstsein. Vielleicht werde ich mein Ziel nicht erreichen.Eigentlich weiß ich, dass ich nicht gleich beim ersten Rückschlag das ganze Projekt in Frage stellen sollte. Auch, wenn ich gerade etwas desillusioniert wirke, werde ich natürlich weitermachen.Insgesamt aber bin ich wirklich frustriert. Was mache ich denn falsch? Esse ich noch immer zu viel? Mache ich nicht genug Sport? Sollte ich mein Pensum vielleicht auf vier Trainingstage pro Woche erhöhen? Ich bin ratlos. Und so fällt die erste Zwischenbilanz ambivalent aus. Mal schauen, was sich bis zur nächsten tut.