Schüler-Forschung: Wie war Freiburg eigentlich in den 50ern?

Friederike Günter

In der vergangenen Woche wurden im Landespräsidium Geschichtsprojekte von Freiburger Schülern zum Thema "Die Fünfziger - Zwischen Mief und Rock'n'Roll" ausgezeichnet. Nora Bachmann und Celia Schütt machten in ihrer Stufe zusammen mit einer weiteren Schülerin den ersten Platz. Sie forschten über Studentenproteste 1952 gegen die Aufführung eines Veit-Harlan-Films. Ihre Ergebnisse präsentierten sie in einem Hörspiel.

Celia Schütt (im Foto links) und Nora Bachmann belegten mit ihrer Arbeit den ersten Platz ihrer Stufe. Unter dem Thema "Veit Harlan und die Vorfälle des 16. Januar 1952. Die Darstellung in den regionalen Zeitungen" forschten sie über Studentenproteste gegen die Aufführung eines Veit-Harlan-Films. Nach einer Einführung im Freiburger Uniseum im Februar entschieden sie sich, regionale Zeitungsartikel über Veit Harlan als Quellengrundlage zu nehmen. Der Regisseur war wegen seiner Mitarbeit mit dem NS-Regime und vor allem wegen seines antisemitischen Filmes „Jud Süß“ in den Nachkriegsjahren als Mitschuldiger an den Kriegsverbrechen der Deutschen angeklagt worden. Er wurde damals freigesprochen und setzte seine Karriere, unter heftigen Protesten begleitet, wieder fort.


„Als wir das erste Mal im Archiv waren, wurden wir von einer Fülle von Quellen überflutet. Wir wussten nicht, wo wir den Schwerpunkt legen sollten,“ erzählt Nora ihre ersten Eindrücke. Sie hatten aber Glück. Als sie im Archiv waren, trafen sie auf den emeritierten Freiburger Literaturprofessor Heinz-Peter Herrmann, der selbst beim Netzwerk für Geschichte mitwirkt. Dieser setzte sich mit den Gymnasiastinnen hin und half ihnen, sich einen ersten Überblick zu verschaffen. „Wir wussten, dass wir etwas Kulturelles machen wollten, aber über Veit Harlan wussten wir zuvor gar nichts. Professor Herrmann hat uns dann erste Tipps zur Quellensichtung gegeben.“

Später bekamen sie dann Tutoren, Freiburger Geschichtsstudenten, zur Seite gestellt. Diese rieten Nora und Celia, ihr Thema auf einen Vorfall einzugrenzen. Sie entschieden sich für den Vorfall am 16. Januar 1952. Als der Film „Hanna Amon“ im Freiburger Friedrichsbau aufgeführt werden sollte, kam es am 16. Januar 1952 zwischen Studenten und Polizei bei einer Demonstration gegen die Aufführung zu einem heftigen Zusammenstoß. Polizisten schlugen mit Knüppeln auf die Studenten ein. Der Vorfall beherrschte die Presse für Wochen.

„Wenn man mal drin ist im Thema und merkt es geht voran, macht es richtig Spaß daran zu arbeiten,“ berichtet Celia von ihren Forschungen. „Und die Archivare wussten Bescheid welches Thema wir bearbeiten, hatten also schon Quellen für uns zusammengesucht. So gab es nicht das ganz große Frusterlebnis,“ führt Nora weiter aus. Außerdem fanden sie es spannend über Ereignisse zu lesen, die vor der eigenen Haustür stattfanden. „Wir kennen ja den Friedrichsbau. Das fühlt sich schon ganz anders an, wenn man die Orte aus den Quellen selbst kennt,“ meint Celia.

„Wir kennen die 50er Jahre aus dem Geschichtsunterricht als die Zeit der Entnazifizierung. Dass das doch nicht so reibungslos ablief, wussten wir gar nicht,“ sagt Nora erstaunt. „Wir hatten von diesen Vorfällen noch nie etwas gehört.“ Sie mussten auch feststellen, dass sich die Ereignisse nicht mehr einwandfrei rekonstruieren ließen. „Wie und warum genau die Lage damals eskaliert ist, konnten wir auch nach Stunden im Archiv noch immer nicht einwandfrei feststellen,“ stellt Celia fest.

Daher überlegten sie lange, wie sie widersprüchlichen Aussagen der Beteiligten präsentieren sollten. Relativ spät kam ihnen dann die rettende Idee. Sie entschieden sich ein fiktives Radio-Gespräch mit allen beteiligten Akteuren aufzunehmen. „Wir haben es vor meinem Laptop mit einem ziemlich alten Mirko aufgenommen,“ erklärt Celia. „Die Rollen haben wir an Freunde und Familie aufgeteilt. Leider ist die Qualität nicht so toll, wie wir es uns gewünscht haben, aber ein Mitarbeite des SWR hat uns angeboten, dass wir das Hörspiel vielleicht im Freiburger SWR-Studio neu aufnehmen können.“

Den Mitarbeiter haben sie in Weimar bei einem Symposium der Robert-Bosch-Stiftung getroffen, die den Wettbewerb fördert. Den Besuch, mit der Vorstellung ihres Projekts, hatten sie durch ihren ersten Platz gewonnen. Zusammen mit der Denzlingerin Laura Wisser, mit der sie den ersten Platz teilten, waren sie für knapp drei Tage in Weimar und tauschten sich mit anderen Preisträgern von ähnlichen Geschichtswettbewerben aus.

Mit der Preisverleihung ist das Projekt aber noch nicht beendet. Nora und Celia haben das Projekt auch begonnen, um es später im mündlichen Abitur, das sie im März ablegen werden, zu präsentieren. „Ich denke, wenn wir nicht diesen Ansporn gehabt hätten, hätten wir es wohl nicht zu Ende gebracht,“ sagt Celia. Überhaupt waren die beiden nur zwei von insgesamt neun Projektteilnehmern, die das Projekt eingereicht haben. Ursprünglich hatten sich fast 100 Schüler gemeldet. Nach dem Abitur ist dann wahrscheinlich auch bei ihnen wieder Schluss mit geschichtlicher Forschung. Nora hat vor Mathe, Physik oder Chemie zu studieren, Celia denkt an Pädagogik und Sprachen.

Hörproben von der Radiodebatte





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