Schreibt Francesco Wilkings Kurzgeschichte weiter

Redaktion Fudder

Dass die Songtexte der Rheinknie-Postrocker Tele länger im Ohr bleiben als andere, liegt wahrscheinlich am Fabuliertalent von Sänger Francesco Wilking. Der hat jahrelang Erfahrung gesammelt als Autor bei diversen Poetry-Slam-Veranstaltungen. Wir haben ihn gebeten, eine Kurzgeschichte zu schreiben, die Ihr fortsetzen könnt. Die Verfasser der schönsten Fortsetzungen werden attraktive Preise gewinnen.



Herausgekommen ist die Geschichte über eine junge Frau, die auf der Suche ist nach dem Leben, das sie glücklich macht. Dabei ist sie in Berlin gestrandet, wie auch die sechs Musiker von Tele. Wir suchen nun junge Autoren, die einen passenden und außergewöhnlichen Schluss zu Wilkings Text schreiben.


Verlosung

Zu gewinnen gibt eine ganze Menge. Der Hauptpreis ist ein Treffen mit dem  Tele-Sänger. Bei einer Tasse Kaffee könnt ihr gemeinsam über das Schreiben  und die Geschichte plaudern. Außerdem liegen in der Gewinntruhe fünf signierte Alben der Band Tele sowie fünf attraktive Buchpreise von der Buchhandlung Rombach in Freiburg.

Einsendeschluss ist Sonntag, der 30. November. Die Texte könnt Ihr per Mail oder per Post an uns senden: info@fudder.de, Betreff: Kurzgeschichte oder fudder.de, Online Verlag GmbH, Bertoldstraße 16, 79098 Freiburg.

Die Beiträge sollten zwischen 1000 und 4000 Zeichen lang sein. Viel Erfolg! Und jetzt viel Spaß mit der Geschichte.

Schlösser, Parks und Gärten

Von Francesco Wilking
Nichts ist klar, kein Weg der richtige. Eine Wohnung ist eine Wohnung, klein oder groß, hell oder dunkel und wenn Mamas Tisch oder das Königinnenbett nicht reinpassen, müssen sie weg. Klopft nicht! Klingelt nicht! Ich bin noch draußen, erst im Flur. Die Zimmer, rechts und links je zwei, noch leer. Bad und Küche werden im Allgemeinen nicht mitgezählt, aber ich fühle mich sehr gut mit der Vorstellung einer eigenen 4-Zimmer-Wohnung, außerdem werde ich mich in der Küche, die auf den ersten Blick der größte Raum scheint, wohl lieber und länger aufhalten als sonstwo. Bis jetzt gehören sie mir noch nicht: die Wände und Rohre, die riesigen Fenster, die matte Spüle und der schiefe Gasherd. Meine lieben Fotos und die Bilder, die ich als zehnjähriges Genie gemalt habe, erwarten in den Kisten ihren Auftritt.



Meine Schwester hat mir die Wohnung besorgt, mit dem Zusatz am Telefon: „Vielleicht fasst du hier ja Fuß.“ Ich habe mein Handy bestraft für diesen Spruch, es gegen die Tischplatte gehauen; aus dem zersplitterten Display ist mir grüne Flüssigkeit über die Handfläche gelaufen. Seitdem bin ich nicht mehr erreichbar. Den Umzug habe ich alleine mit zwei rothaarigen Möbelpackern gemacht, die beleidigt schienen, dass ich sie für drei Kisten, zwei Stühle, meine Kommode und die in Isomatten eingewickelte Glasplatte angerufen hatte.

Jede Stadt wäre mir lieber gewesen als Berlin, Fremdsprachen lerne ich leicht und Werbeleute braucht man überall und nirgends. Aber wieder war es meine Schwester, die bei ihrem Exchef unaufgefordert für mich vorgesprochen hatte: „Kennen Sie die Bahnwerbung mit den Bissspuren im Lenkrad? Das war meine kleine Schwester. Was meinen Sie, wie oft sie mich anruft, um mit mir über ihre Ideen zu reden? Und wie oft ich sie schon dazu bringen musste, an den genialen Unsinn in ihrem Kopf zu glauben, weil sie sagt, davon würde kein Kind in Afrika gerettet?“

So oder ähnlich wird  sie geredet haben, denn einer der ersten Sätze, die mein neuer Chef heute zu mir sagte, war: „Kopf hoch, es wird gut.“  Von meinem Schreibtisch in der Agentur kann ich die Kugel des Fernsehturms sehen, und wenn ich den Kopf bewege, rollt sie über das Dach der Charité.
Berlin ist gut für Leute, die die Bauernhöfe ihrer Kindheit loswerden wollen, die glauben, das Abendland mit seinen Kaisern und Künstlern überwunden zu haben, aber nachts träumen sie von uraltem Marmor und in der U-Bahn lesen sie von Schlössern, Parks und Gärten.



Bei einem meiner letzten Besuche hatte mir meine Schwester unter Tränen entgegengeschrien: „Na klar, du kommst zweimal im Jahr, siehst ein Café von innen und durchschaust uns. Erfindest zusammengesetzte Wörter, um unsere Oberfläche zu beschreiben. Lachst über die Getränke in unseren Händen und verschwindest wieder in die Einöde, die so schön klar und trostlos ist.“  Und jetzt bin ich hier und habe das Gefühl, nichts mehr zu durchschauen.
Es ist einfach, gegen Wände zu rennen, im Büro heute habe ich die erste mit links genommen.

Mein Vorschlag für ein Preisausschreiben der Würstchenmarke Meica wurde von den Kollegen als „bisschen frech“ und vom Chef sogar als „obszön“ abgetan. In der Straßenbahn auf dem Nachhauseweg hatte ich Schuldgefühle gegenüber den Würstchen.

Ich werde wohl anfangen müssen, auszupacken: die Bücher an die Wand stapeln, die Glasplatte auf die Böcke hieven, einen Stuhl dranstellen, den anderen in die Küche, die Isomatte neben der Kommode ausrollen. Morgen ist Samstag, Ikea-Tempelhof-Tag.

Meine Schwester hat mir den Anfahrtsplan ausgedruckt und in die Mitte der leeren Wohnung gelegt. In der Küche finde ich einen neuen, noch verpackten Wasserkocher und Teebeutel, daneben ein Zettelchen: „Komm gut in den Tag“  mit drei Herzen. Im Bad, das bis unter die Decke gekachelt ist, wieder Herzen, jede zweite Kachel; mit ihrem roten Lippenstift. Auf dem Spiegel steht: „Mach’s gut, meine Kleine.“ Ich stütze mich mit beiden Händen aufs Waschbecken. Mir ist zum Weinen, nur über dem Abfluss geht das nicht. (…)