Schönau: 10 Jahre Solar-Rebellion

Anne-Sophie Legge & Imke Plesch

Seit die Schönauer Stromrebellen vor zehn Jahren ihr Stromnetz übernommen haben, ist aus den Elektrizitätswerken Schönau ein profitables Ökostromunternehmen geworden. In der Stadt mit der höchsten Photovoltaikdichte Deutschlands schmückt selbst das Kirchendach eine Solaranlage und von seiner Gewinnbeteiligung konnte sich der Pfarrer ein Pflanzenölauto leisten. Ein Besuch in der inoffiziellen Solarhauptstadt Deutschlands.



Wie ein Märchen klingt es, wenn Ursula Sladek, Geschäftsführerin der Elektrizitätswerke Schönau (EWS), darauf zurückblickt, wie sie mit ihrem Mann und einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter vor 10 Jahren das örtliche Stromnetz übernommen hat.


Der Weg dahin war lang und steinig – und niemand hätte anfangs damit gerechnet, dass aus der nach Tschernobyl ins Leben gerufene Bürgerinitiative einmal ein profitables, mittelständisches Unternehmen werden würde, das mittlerweile 68 000 Privat- und Unternehmenskunden mit sauberem Strom versorgt.

Die Idee der Bürgerinitiative war so simpel wie vermessen: Man wollte das örtliche Stromnetz von den Kraftübertragungswerken Rheinfelden übernehmen, um in Zukunft selbst bestimmen zu können, welcher Strom zu Hause aus der Steckdose kommt – nicht der „Dreckstrom“ aus den Atomkraftwerken, sondern der „gute Strom“ aus Wasser-, Wind- und Sonnenenergie.



Als Besitzer des örtlichen Stromnetzes beziehen die Elektrizitätswerke Schönau ihren Strom zu 95 % aus erneuerbaren Energien und zu 5 % aus Kraft-Wärme-Kopplung. Das macht sie unabhängig von Atom- und Kohlekraftwerken. Neben der im Schwarzwald traditionellen Wasserkraft und den allerorts präsenten Solaranlagen auf den Dächern – Schönau hat die höchste Photovoltaikleistung pro Kopf in Deutschland – sorgen kleine Blockheizkraftwerke in den Kellern für eine energiesparende Versorgung zahlreicher Schönauer Haushalte mit Wärme und Strom.

Mittlerweile haben die Schönauer Stromrebellen die seltene Leistung vollbracht, ökologischen Anspruch auch mit ökonomischen Gesichtspunkten zu verbinden und sich die Schreckgespenster der Liberalisierung und Globalisierung zu Nutze gemacht. „Zu Anfang war die Öffnung des Strommarktes 1998 natürlich ein Schock für uns. Wir hatten gerade das Stromnetz übernommen und fürchteten, dass uns die Kunden scharenweise davonlaufen könnten“ erzählt Sladek. Doch wie so oft nutzten die Schönauer die Gefahr als Chance: Seit 1999 handeln die EWS selbst bundesweit mit grünem Strom.

Größter Kunde ist der Hersteller der Ritter Sport Schokolade. Einen entscheidenden Antrieb für den Ausbau des Stromhandels lieferte das Erneuerbare-Energien-Gesetz von 2000, in dem Stromnetzbetreiber verpflichtet werden, Strom aus erneuerbaren Energien vorrangig abzunehmen und dafür einen festgelegten Preis zu zahlen.

30 Mitarbeiter zählt das Unternehmen heute, das als ehrenamtliches Engagement von Ursula Sladek, der früheren Hausfrau und Mutter von fünf Kindern, begann. Und das Abenteuer geht weiter. Ein erhöhtes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung nach den Zwischenfällen in den AKWs Krümmel und Brunsbüttel im Sommer 2007, aber auch die Stromwechselpartys, zu denen treue Fans nach dem Prinzip der Tupperpartys einladen, sorgen bei den EWS für eine Flut von neuen Kunden.

Ein profitables Geschäft, doch damit ist es nicht getan. Um eine Umleitung der Geldströme weg von den großen Atommonopolisten geht es den Stromrebellen, hin zu dezentraler Energieversorgung mit „sauberem Strom“.

Ihren Anfangsprinzipien sind die Schönauer Stromrebellen trotz gewaltigem Unternehmenswachstum bis heute treu geblieben: Kein Strom von Produzenten mit Kapitalbeteiligungen an AKW-Betreibern oder deren Tochterunternehmen.

So kommt es zu der auf den ersten Blick widersprüchlich anmutenden Situation, dass 70 Prozent des EWS-Stroms aus Norwegen kommt. In den dortigen Wasserkraftwerken sehen die Schönauer die größten Entwicklungspotenziale für Strom aus erneuerbaren Energien – und das ohne jegliche Verflechtung mit der Atomindustrie. Sollten die EWS wie beabsichtigt die Thüga-Anteile der Badenova im geschätzten Wert von 400 Millionen Euro übernehmen, würde sie dem Atomriesen EON einen jährlichen Gewinn von 30 Millionen Euro im Südbadener Raum vorenthalten.

Ein großes Vorhaben, das kleine Schritte nicht in den Schatten stellen soll. „Das Besondere am EWS-Strom“, so erklärt es die Pressesprecherin Eva Stegen, „ist die finanzielle Unterstützung von privaten Neuanlagen durch den Sonnencent, der im Preis einer jeden Kilowattstunde Schönauer Ökostrom enthalten ist.“ Jeder Kunde der EWS unterstützt auf diese Weise den Aufbau von Neuanlagen in Bürgerhand – 1050 sind es bis heute.

Mehr dazu: