Schmökern für lau: Der Brockhaus geht online

Christoph Ries

Egal ob Google oder Wikipedia: Wer heute etwas wissen will, schaut im Internet nach. Gedruckte Lexikon-Bände versauern in den Regalen und sind nach spätestens einem Jahr überholt. Das hat jetzt auch der Brockhaus Verlag erkannt. Der berühmte "Große Brockhaus" wird demnächst nur noch online erscheinen



Formschön verpackte Multimedia-DVDs, einen Mini-Brockhaus für Smartphones und PDAs, sogar einen Designer-USB-Stick, auf dem die Printausgabe des Lexikons mit Filmchen und Fotos digital aufgehübscht wurde - alles hat der Brockhaus Verlag schon probiert, um Kunden auf der Suche nach Wissen vom Gang ins Internet abzuhalten. Nichts hat funktioniert. Jetzt hat der Verlag, dessen Bücher seit 1805 die Schrankwände der deutschen Bildungselite füllte, vor der Internet-Revolution kapituliert.


Ab dem 15. April erscheint die altehrwürdige Brockhaus Enzyklopädie nur noch online, die Print-Redaktion in Leipzig wurde schon Ende 2007 aufgelöst und durch eine Online-Redaktion ersetzt. Von der protzig aufgereihten Bücherarmee wird dann lediglich eine URL übrig bleiben. Traurig? Vielleicht.

Der Untergang des gedruckten Lexikons war vorhersehbar, sogar für Brockhaus-Vorstand Marion Winkenbach. Allein der Markt habe sich „schneller gedreht als erwartet,“ so Winkenbach zum überraschenden Schritt ihres Verlags. Je schneller Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia und Google an Popularität gewannen, desto dicker legte sich der Staub auf die gedruckten Lexikon-Bände, die stärkste Einnahmequelle des Verlags. Unter dem angestaubten Image des Großen Brockhaus litt auch der multimediale Sektor. Keiner wollte DVDs eines Unternehmen kaufen, das mit seinem Hauptgeschäft der Zeit hinterher hinkte.



Im Geschäftsjahr 2007 war die Staubschicht so groß, dass Brockhaus in Schwierigkeiten kam. "Wir erwarten einen Verlust von mehreren Millionen Euro," teilte ein Unternehmenssprecher am Montag in Mannheim mit. „Umfassende Kostensenkungsmaßnahmen“ werde man einleiten, das beinhalte eventuell auch einen „sozialverträglichen Personalabbau“. Gleichzeitig kündigte der Verlag die größte Veränderung in der Geschichte des Unternehmens an.

Mit einem Wissensportal, bestehend aus erweiterten Artikeln der Brockhaus Enzyklopädie, wagt das Unternehmen im April den ersten Schritt zur Internet-Datenbank. Der Verlag will sich dabei bewusst vom Mitmach-Lexikon Wikipedia abgrenzen. „Unser Portal wird für Relevanz, Richtigkeit und Sicherheit stehen“, sagt Winkenbach über das komplett werbefinanzierte Online-Lexikon.

Ob sich diese drei Attribute mit dem schnelllebigen Lebenswandel der mitmachfreudigen User vereinbaren lassen, wird Brockhaus erst beweisen müssen. Insider munkeln aber, selbst die längste Brockhaus-URL wird nicht an die 30 ledernen Bände der letzten Printauflage heranreichen. Zumindest was das Ausfüllen von Schrankwänden angeht.