Schmier, die Metal-Größe aus dem Metal-Niemandsland

Friederike

Rockstar, Pizzabäcker und ganz normaler Mensch: All das ist Marcel Schirmer, genannt Schmier. Der Südbadener ist Bassist und Sänger der Thrash-Metalband "Destruction". Trotz seines weltweiten Ruhms ist er auf dem Teppich geblieben und gelegentlich sieht man ihn im Cräsh beim Smalltalken mit seinen Fans. Friederike hat sich mit Schmier getroffen und sich mit ihm über seine Metallaufbahn und seine Zukunftspläne unterhalten.



Kann man von Heavy Metal leben? Vom aggressiven, schnellen Thrash, dessen Anhänger gerne moshen und sich austoben bis zur Erschöpfung? Marcel Schirmer, genannt Schmier, und seine Bandkollegen Mike Sifringer (Gitarre) und Marc Reign (Schlagzeug) können es, aber reich werden sie nicht.


Obwohl Destruction den Thrash Metal Anfang der Achtziger nach Deutschland brachten und heute mit Sodom und Kreator hierzulande als eine der drei bedeutendsten Bands dieser Stilrichtung gelten, verkaufte Schmier erst vor drei Jahren sein zweites Standbein, die Pizzeria „Baracuda“ in Istein. Sein Verdienst sei vergleichbar mit dem eines gut bezahlten Facharbeiters, sagt der Musiker. „Ich habe kein eigenes Haus und kein großes Auto, dafür sehe ich die ganze Welt und krieg noch Geld dafür. Schon eine klasse Sache!“

Doch zuerst einmal war seine Welt der Proberaum seiner Band und die Lehre zum Bäcker und Konditor. Als er 15 Jahre alt war, hatten ihn seine Freunde dazu „verdonnert“, die Rolle des Bassisten in ihrer Band zu übernehmen. „Weil ich damals schon lange Haare hatte und aussah wie ein Metalfreak, wurde ich halt angequatscht“, erinnert sich Schmier grinsend. Und das, ohne dass er überhaupt jemals einen Bass in den Händen gehalten hatte.

Schon bald darauf stieg er zum Sänger der Band auf und bekam obendrein von den Kollegen seinen Künstlernamen: Schmier. Trotz Schablone schaffte er es nicht, das Logo von Destruction auf seine Kutte zu malen, ohne dass die Farbe verlief. Also wurde aus Marcel Schirmer fortan Schmier. Als Schmierig kann man ihn allerdings keineswegs bezeichnen, denn er legt Wert auf ein gepflegtes Äußeres mit Nieten, Leder, Tätowierungen und Piercings.

Es ging Schlag auf Schlag. Schmier machte seinen Realschulabschluss, bekam im Alter von 17 Jahren mit seiner Band einen Plattenvertrag und tourte bereits 1985, er war 19 Jahre alt, mit der legendären Band Slayer. „Wir waren eine der ersten Bands, die so richtig Krach gemacht haben“ erzählt der 40-Jährige. „Vom Land ging es auf die Bühnen dieser Welt!“

Schmier weiß, dass es auch anders laufen kann. Es gebe Bands, die ihr Leben lang durch die Lande touren und erst sehr spät Erfolg hätten. Um es zu schaffen, müsse man ehrgeizig sein, sich nicht reinreden lassen, „mit dem Kopf durch die Wand“.

Seine eigenwillige Persönlichkeit und sein Ehrgeiz öffneten Schmier die Türen. Wenn Plattenfirmen versuchten, Destruction schlechte Verträge unterzujubeln und die Musiker nicht ernst nahmen, setzte er sich durch und verteidigte seine Band. „Das Musikbusiness ist ein Haifischbecken, da muss man auch mal auf den Tisch hauen können“, sagt Schmier, der aus seinem Jähzorn kein Geheimnis macht.

Diese Wutausbrüche kommen in der Musik zum Ausdruck. Dort kann er seine Aggressionen in den Gesangsstrukturen und Basslinien bündeln. „Ich war als Kind schon schlimm, bin aber im Laufe der Jahre sehr viel ruhiger geworden“, sagt Schmier rückblickend. Seinen ausbrechenden und teilweise diabolisch anmutenden Gesangsstil hat er sich selbst angeeignet. „Am Anfang war es unkontrolliertes Gebrüll“, erinnert sich Schmier lachend.

Er vermied es jedoch, das Gebrüll bekannter Metalgrößen zu kopieren. Trends setzen anstatt auf Trends aufzuspringen - für Schmier eine der Grundlagen eines andauernden Erfolgs. Das theoretische Rüstzeug zum Songschreiber, die Harmonielehre, brachte sich der Musiker selber bei, wohingegen er beim Erlernen seines Instruments Unterstützung von seinem Bandkollegen Mike Sifringer bekam. Heute übermannen ihn die Ideen für neue Kompositionen zu ungewöhnlichen Tageszeiten. „Ich bin ein rastloser Typ. Manchmal muss ich nachts aufstehen und mein Gehirn abarbeiten“. Herausgekommen sind mittlerweile über zwanzig längere und kürzere Platten, die Furcht einflößende Namen tragen wie „Inventor of Evil“, „All Hell Breaks Loose“ oder „Mad Butcher“.

Ende der Achtziger brach die Thrashmetal-Combo mit dem unermüdlichen Frontmann auseinander. Musikalische Differenzen und Streitereien in der Band führten dazu, dass  Schmier aus der Gruppe geworfen wurde und daraufhin die Band „Headhunter“ gründete. Fast zehn Jahre gingen die Musiker getrennte Wege und waren dabei weder übermäßig erfolgreich noch wirklich zufrieden. Auf dem Wacken Open-Air in Schleswig-Holstein, einem der weltgrößten Metalfestivals, feierten Destruction schließlich ihre Wiedervereinigung auf der Black Stage mit dem neuen Schlagzeuger Sven Vormann. „Es war, als wären mir Gliedmaßen abgetrennt worden, die dann plötzlich wieder dran waren“, beschreibt Schmier seine damalige Empfindung.



Doch um für und von der Musik zu leben, muss er Abstriche im Privatleben machen. Während ihn die Fans feiern, beschweren sich Freundin und Freunde. „Heiraten und Kinder, das ist nicht so einfach“, sagt Junggeselle Schmier. Nur die Freunde, die Verständnis dafür haben, wenn er sich unter Umständen nur zweimal im Jahr bei ihnen meldet, bleiben dauerhaft. Dann gibt es Menschen wie den Freiburger Alf, den Schmier seit zwanzig Jahren kennt und schätzt. Alf begleitet seinen Freund manchmal als Tourleiter und steht ihm so zur Seite. Und er ist mindestens genauso tätowiert und langhaarig wie Schmier. Schon äußerlich passen die beiden hervorragend zusammen und geben das Bild der klassischen Rocker ab.

Doch was, wenn die Rocker älter werden? „Ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann sagen werde, meine alten Knochen können nicht mehr“, erklärt der 40-Jährige. Jeden Tag Extremsport auf der Bühne sei dann vielleicht nicht mehr möglich und er müsse auf  Konzertauftritte verzichten. Doch seinen Erfahrungsschatz würde er gerne an jüngere Musiker weitergeben und so weiterhin im Musikbusiness bleiben.

„Der Umgang mit den Plattenfirmen, den Konzertagenturen und den Medien will gelernt sein“, findet er. Die Koordination der Abläufe von der Komposition der neuen Stücke bis zur fertigen CD im Laden sei das Schwierigste an seinem Beruf. Schmier ist nicht nur Rockstar, sondern hinter den Kulissen auch ein erfolgreicher Geschäftsmann, der mittlerweile weiß, wie er seine Band am besten vermarktet. Diese Aufgabe könnte auch ein „alternder Rockstar“ weiterhin ausüben.

Aktuell stehen Konzerte in Japan und eine Großbritannien-Tournee im November an. Vielleicht sind dann im Dezember ein paar Urlaubstage in Schmiers Lieblingsland Spanien möglich. Seine Aufenthalte in Freiburg sind seltener geworden, denn seinen Wohnsitz in der Breisgaustadt hat er wieder aufgegeben. Im Moment weiß er selber nicht so recht, wo er wohnt. Aber er träumt von einem Domizil am Freiburger Stadtrand, wo er seine Ruhe hat, wenn er nach Hause kommt.

„Freiburg ist keine Heavy Metal-Town“, stellt er fest. Und er geht  noch weiter und behauptet, von Basel bis Karlsruhe sei „Metal-Niemandsland“. Wirklich, so schlimm? Immerhin gebe es eine kleine Szene, die in seiner Jugend noch eng mit der Punkbewegung verknüpft gewesen sei. Um dem metaltechnisch strukturarmen Freiburg einen lauten und krachenden Impuls zu verpassen, wollen Destruction im Herbst nächsten Jahres im Cräsh ihr 25-jähriges Bestehen feiern. Dabei möchten sie auch ihre Jubiläums-CD vorstellen, die bis dahin fertig sein soll.
Wer dann noch Fragen zur Rockstar-Karriere oder gar zur Kunst des Pizzabackens hat, kann sie Schmier bei der Gelegenheit stellen oder einfach nur eine Portion energiegeladenen Thrash zur Inspiration über sich ergehen lassen.



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