Schlagfertigkeitstraining für Schüler: "Du stinkst!" - "Gute Nase, Mann!"

Nina Braun

Er ist der Spezialist für flotte Antworten: Matthias Pöhm hat Bücher wie "Nicht auf den Mund gefallen" oder "Frauen kontern besser" veröffentlicht und gibt Rhetorik-Seminare. Sein neuestes Werk heißt "Schlagfertig auf dem Schulhof" und soll Schülern beibringen, wie man Schulhof-Mobbern Paroli bietet. Carina hat mit ihm gesprochen.



Waren Sie als Kind schlagfertig?

Matthias Pöhm: Ich lag wohl leicht über dem Durchschnitt. Ich bin das jüngste von neun Geschwistern, da macht man einiges an Auseinandersetzungen, Neid und Zwist mit. Aber wenn man sich mit dem Thema über Jahre hinweg beschäftigt, kann man nicht verhindern, dass man dramatisch besser wird.

Wie definieren Sie Schlagfertigkeit?

Schlagfertigkeit ist das schnelle sprachliche Reagieren auf unerwartete Situationen. Schlagfertig ist es etwa, wenn eine Kaffeetasse umfällt, zu sagen: „Scheinbar war er nicht stark genug.“

In ihrem Buch empfehlen Sie aber ja gerade nicht Spontaneität, sondern das Auswendiglernen von vorgefertigten Antworten...

Die vorbereiteten Antworten sind deshalb sinnvoll, weil auf denselben Topf immer derselbe Deckel gehört. Wichtig ist nicht, dass man einen Originalitätspreis gewinnt, sondern dass man für sich selbst ein gutes Gefühl hat danach.

Ist Schlagfertigkeit also tatsächlich lernbar?

Es ist wie beim Autofahren: Die Grundfertigkeit kann jeder lernen, aber nicht jeder wird  ein Michael Schumacher – und ebenso wenig dann eben ein Oliver Pocher oder ein Harald Schmidt.

Sie stellen in ihrem Buch viele von Kindern erlebte Szenarien vor. Wie haben Sie recherchiert?

Ich habe über Lehrer Fragebögen verteilen lassen und  meine Newsletter-Abonnenten angeschrieben. Da kamen von Eltern wie Kindern viele Erlebnissen zurück. Es ist schon hart, was in deutschen Schulen so abläuft.

Was fallen da für Sprüche?

Wenn ein Kind irgendeine Andersartigkeit hat, eine Zahnspange, eine andere Hautfarbe oder ausländische Eltern, dann wird es gnadenlos fertiggemacht. „Hänseln“ ist da nett ausgedrückt. Wenn einer humpelt, dann heißt es eben: „Du Krüppel!“

Und wie sollten Kinder auf Beschimpfungen wie „Arschloch“ reagieren?

Mein Favorit, zu dem ich in den meisten Fällen rate, lautet: „Gratulation, du bist der Erste, der das korrekt erkannt hat. Übrigens, was haben wir heute in Mathe auf?“ Zuerst nimmt man so dem Angreifer durch unerwartetes Zustimmen den Wind aus den Segeln. Das lässt sich beliebig variieren. Auf „Du stinkst“ antwortet man „Gute Nase, Mann.“ Wenn man nicht zu erkennen gibt, dass man leidet, dann verliert der andere schnell die Freude an der Beleidigung. Und mit dem zweiten Teil der Antwort lenkt man dann schnell ab.

Sind Kinder denn grausamer als Erwachsene?

Eindeutig. Erwachsene brauchen einen Anlass, Kinder sind ganz allgemein im Alltag grausam. Ein Kind hat ja auch etwa keine Bedenken, einer Fliege die Flügel auszureißen.

Haben Sie das Gefühl, dass das Mobbing auf Schulhöfen schlimmer geworden ist?

Ja. Ich erkläre mir das mit dem Imitationsverhalten. Kinder sehen bei anderen oder im Fernsehen, dass da gehänselt wird, und machen es nach. Das wird aber auch irgendwann wieder aus der Mode kommen. Es ist eine Welle, die abschwappen wird.



Sie sprechen im Buch auch von „Rädelsführern“. Wie wichtig sind Hierarchien unter Kindern?

Es gibt eine Art unterschwelliges Einvernehmen, auf wen mehr und auf wen weniger gehört wird. Und diejenigen, die niedriger stehen, wollen sich dann mit Sprüchen profilieren und anerkannt werden. Auch Erwachsene haben dieses Bedürfnis. Die erwähnen im Beisein von anderen dann  eben ihren Malediven-Urlaub

Hänseln Mädchen und Jungen unterschiedlich?

Ja. Bei Mädchen läuft das über Liebesentzug, in der Art „Wenn du mit der jetzt noch sprichst, dann bist du nicht mehr meine Freundin.“ Bei Jungs heißt es einfach „Du Arschloch!“

Ist ein solch antrainiertes Verhalten nicht schon ein früher Schritt hin zu einer Art Managermentalität?

Wer das nicht möchte, der kauft mein Buch ja auch nicht. Wer es aber kauft, der zeigt, dass er ein Bedürfnis hat, und dem soll dann geholfen werden.

Sie raten von Schimpfwörtern ab, aber durchaus mal zu verbalen Gegenangriffen oder zum ausgestreckten Mittelfinger…

Wenn zum Beispiel einer, der humpelt, sich 50 Mal anhören muss „Du Krüppel“ und ihm dadurch geholfen ist, dass er den Mittelfinger zeigt und sich so endlich wehren kann, dann lasse ich dafür jede Moral fallen.

Aber wenn das Gegenüber   gewaltbereit ist? Ist Flucht  nicht  die bessere Alternative zu einem flotten Spruch?

In Einzelfällen sicher. Meine Strategie ist wie ein Roulette-Spiel mit 80 Prozent roten und 20 Prozent schwarzen Zahlen. Stellen Sie sich vor, Sie setzen auf die roten Zahlen und gewinnen erstmal permanent. Und plötzlich fällt Schwarz. Das heißt aber nicht, dass Ihre Taktik falsch war. Sie erzielen mit meinen Strategien unterm Strich einfach bessere Ergebnisse, auch wenn es mal schiefgeht.

Ihr Buch enthält auch Ratschläge zur Körperhaltung. Was ist wichtiger: der Wortlaut oder die Körpersprache?

Letzteres. Vor allem der Ton und der Blick machen unheimlich viel aus. Der gleiche Text wirkt dann schnell ganz anders. Deswegen rate ich Kindern auch an, Seminare bei mir zu besuchen oder aber mit dem besten Freund zu Hause zu trainieren.

Wie wird man eigentlich Schlagfertigkeitstrainer?

Ich habe mein eigenes Problem überkompensiert. Früher konnte ich nicht vor anderen sprechen. Dann habe ich Bücher gelesen, Seminare besucht, wurde zum Sprech-Profi und Rhetoriktrainer. Auf Schlagfertigkeit habe ich mich spezialisiert, weil das die Leute besonders interessiert hat.

Behalten Sie jetzt auch privat immer das letzte Wort?

Nicht immer. Aber immer öfter.

Mehr dazu:

Web: Matthias Pöhm

Matthias Pöhm: „Schlagfertig auf dem Schulhof! Wie man Großmäulern clever Paroli bietet“, MVG Verlag, 12,90 Euro