Schimanskis Fanmeile: Das Tatort-Public-Viewing

Julika Herzog

120 Augen starren auf eine Großbildleinwand. Hier läuft kein Länderspiel, sondern Tatort. Seit Jahren feiert die Krimiserie hohe Einschaltquoten im Öffentlich-Rechtlichen. Jetzt haben sich die Freiburger Tatort-Fans zusammengetan, um ihre Lieblingsserie auf Großleinwand zu schauen. Julika hat sich für fudder durch Freiburgs Kneipen gedrängelt und mitgeschaut.



Sonntagabend in Freiburg: um die 60 Menschen drängen sich auf engstem Raum in einer kleinen Bar zusammen und starren gebannt auf eine Großleinwand.


Die Klapphocker - gerade erst vor einer Woche gekauft - wurden auch schon ausgegeben. Niemand muss mehr wie früher auf Bierkisten oder sogar dem Boden sitzen, um das Sonntagabend-Programm der ARD mehr oder weniger bequem, aber zumindest im Sitzen zu verfolgen.

Es kommt kein Fußball im Fernsehen, es gab auch kein welterschütterndes Ereignis das es im Fernsehen zu verfolgen gilt, und es wird auch kein Action-Streifen gezeigt. Wie seit mittlerweile 37 Jahren, flimmert auch diesen Sonntag wieder der "Tatort" über die deutschen Bildschirme - und auch über Großleinwände.

Der deutscheste aller Krimistreifen überhaupt ist nach so langer Zeit immer noch der beliebteste: Er wurde gerade erst in einer Hörzu-Umfrage nach „Wer wird Millionär“ von den deutschen Zuschauern zu ihrer Lieblingsserie gekürt.

Tatort ist aber nicht nur erfolgreich bei Hörzu-Lesern, Familien und Rentnern, er kommt auch beim jungen Publikum an. Wir befinden uns nämlich keineswegs in einer Bierkneipe mit 60-jährigen Öffentlich-Rechtlichen-Kuckern, wir sind in der Beat Bar Butzemann im Stühlinger und umgeben von Studenten und anderem jungen Publikum.



Tatort ist mittlerweile Kult bei jungen Menschen, und um das Tatort-Schauen zu einem besonderen und gemeinschaftlichen Erlebnis zu machen, haben sie sich etwas Besonderes einfallen lassen: das Tatort-Public-Viewing.

Das gibt es nicht nur in Berlin, dort gibt es sogar schon Tatort-Stadtführungen, Tatort-Public-Viewing kann man auch in Freiburg. In der Beat Bar Butzemann läuft Tatort schon seit zwei Jahren. Denn einer der Besitzer, Christian Rotzler, der die Bar mit seinen Geschwistern Matthias und Rachel führt, ist Tatort-Fan.

Das 15-fache an Essen im Vergleich zu normalen Tagen

Er dachte sich, wenn er schon Sonntag Abend arbeiten muss, dann könnte er seinen Tatort ja am Arbeitsplatz schauen und gleich ein Event daraus machen. Nachdem die Bar für die Fußball-WM 2006 einen Beamer angeschafft hatte und seitdem Tatort auf Großleinwand zeigt, kam der große Ansturm.

Für Christian ist nicht mehr an Krimi schauen zu denken, es wird hart gearbeitet, denn zum Tatort ist der Laden immer voll mit „netten, gemütlichen Saftschorle- und Rotwein-Trinkern“.



Außerdem verkauft er das 15-fache an Essen im Vergleich zu normalen Tagen, es gibt Chili con Carne oder auch Schnitzel, wie früher daheim bei den Eltern serviert, zum entspannten Fernsehprogramm des Sonntagabends.

Essen zum Tatort auf der Großleinwand kann man auch woanders in Freiburg - und das sogar umsonst. In der Mensabar hat der Internationale Club die Organisation des Tatort-Schauens im großen Stil seit vergangener Woche übernommen. Ab jetzt gibt es hier Tatort-Public-Viewing jeden Sonntagabend unter dem Motto „Kalte Morde- Heiße Suppe“.

Die Studenten bekommen einen Teller Suppe umsonst, um den Sonntag nach einem durchgefeierten Wochenende gemütlich bei Tatort & Suppe statt Bier & Kippe ausklingen zu lassen. Außerdem kann man beim Mörderraten einen Gutschein für ein Restaurant gewinnen.

Schimanski als Ersatzpapa

Aber was macht den Tatort eigentlich so besonders? Wenn man die Gäste fragt, sind sich alle einig: Es sind die charakterstarken Kommissarteams und der Realismus. Es ist der deutsche, regionale Bezug - den Tatort aus seiner Heimat schaut jeder gern an - und natürlich ist es vor allem die Tradition, die den unvergleichlichen Charme der Sendung ausmacht.



Schließlich schaut man den Tatort schon seit Jahren, seit der Kindheit mit den Eltern, und selbst diejenigen, die das nicht gemacht haben, lassen sich von ihren Freunden anstecken. Es hat ja auch wirklich etwas Gemütliches, den Tatort zusammen mit Freunden anzuschauen.

Dieses Gemeinschaftserlebnis ist fast wie ein Familienersatz. Beim gemeinsamen Auf-der-Couch-vorm-Fernseher-sitzen am Sonntagabend werden Kindheitserinnerungen geweckt.

Außerdem: Tatort verbindet. In unserem Schnipseluniversum, in dem Jeder aus einer überfordernden Masse an Fernsehsendungen nur das herauspickt, was ihn interessiert, ist es doch schön, mal wieder eine gemeinsame, regelmäßige Lieblings-Sendung zu haben.



Im Tatort kann man diese eine Sendung finden, die alle mindestens einmal gesehen haben. Jeder kennt das Fadenkreuz und die Titelmelodie, und auch wer die heutigen Kommissare nicht mit Namen - zumindest den Namen Schimanski hat jeder mal gehört.

Aber warum dann die Großleinwand und nicht mit Freunden die Couch daheim? Man will eben gerne noch mal weg gehen, um seine Freunde treffen, um das Wochenende ausklingen zu lassen und um nicht daheim zu versacken. Selbst aus dem gemütlichen Fernsehen schauen wird damit ein Event, bei dem man Leute trifft.

Von den meisten erhält man aber eine viel simplere Antwort: Viele haben einfach keinen Fernseher. Und spätestens in diesem Falle bieten sich die gemeinsamen Tatort-Abende an.