Schiller auf dem ZMF: Schwachbrüstiges Schill-Out

Alexander Ochs & Benedict Glockner

Flauschig-warme Töne vs. kühle Präzision. Das ist der Grund, warum bei Schiller die Betriebstemperatur nicht so recht erreicht werden wollte. Für fudder meditiert, äh berichtet Alex.



Ab 19.30 Uhr dudelt eine, so die freundliche Dame im Kabäuschen, „Einlassmusik“, um 20.10 Uhr werde es dann losgehen. Ja, das stimmt, kaum hörbare Sphärenklänge, Marke Ayurveda-Tantra-Meditation. Musik, auf die man sich erstmal einlassen muss.

Mit Synthesizern, Keyboards, doppeltem Schlagwerk (einmal akustisch, einmal elektronisch), Bassgitarre und Gitarre (mal akustisch, mal elektronisch) versucht Schiller, seinen chilligen Elektrosound auf der Bühne abzubilden. Rein instrumentale Nummern und Songs mit Livestimme halten sich dabei in etwa die Waage. Das Zirkuszelt ist schwach besucht, offensichtlich konnte Schiller weit weniger Fans als erwartet hinterm heimeligen Herbie-Ofen hervorlocken.

Unheilschwangere Beats durchfluten den Raum, und nach einer kurzen Chillout-Passage geht es weiter im Text, back to the beats: eine zwar dick aufgetragene, aber ohne Xavier Naidoos Stimme irgendwie schwachbrüstige Instrumentalversion des Titelstücks der aktuellen CD Sehnsucht. Über die LED-Tafel im Hintergrund flackern rot-orange Symbole. Feuer. Elektroglockenklänge und Akustikgitarre läuten den Wunschtraum ein.

Der Tag
zaubert die ganz in Weiß gewandete Sängerin Jette von Roth auf die Bühne. Textfragmente wie „Schneeflockentanz“ und „Tautropfen“ schweben über die Anzeigetafel. Die süßliche, tanzbare Musik wird vom Knistern der Sanitäter-Funkgeräte an meinem rechten Ohr kontra- oder eher produktiv durchbrochen. Denn ein wenig Eintönigkeit hat sich bereits breitgemacht.



Die Stücke funktionieren fast immer nach demselben Rezept: Sanft-warme Anschläge auf der Akustikgitarre, entfernt an leicht esoterisch verschwurbelte Klänge erinnernd, dann ein bisschen Piano, bis sich ein flauschig weicher Synthie-Keyboard-Teppich ausbreitet zum dezent dramatischen Davonschweben. Nicht energisch, sondern elegisch singt die E-Gitarre, sofern sie an der Reihe ist.

Trotz aller gewollten wollig-weichen Wärme bleibt das Ganze, so paradox es klingt, seltsam kühl, blutleer und glatt. Mal lassen Anklänge an Tangerine Dream, ganz entfernt Kraftwerk oder wenigstens Depeche Mode ein wenig hoffen, aber die kühle Präzision überwiegt. Schillers Glockenspiel von 1998 huldigt dem Elektrosoftpop der 80er Jahre, gepaart mit bombastischen Drums. Und wie der Namensgeber Friedrich von Schiller hat Christopher von Deylen einen Hang zur Elegie, zur Ballade und zum Drama, ja, er aalt sich geradezu darin.

Manche Nummer wie „I need you“ mit der Schweizer Sängerin Jaël könnte den Sonntagabendkitsch im ZDF untermalen – Zoom auf die weinende „Heldin“, Kameraschwenk auf den sie verlassenden Traummann, Abspann unter Tränen…

Gegen Ende steigert sich die Vorstellung zwar, langsam kommt Konzertstimmung auf, fast tosender Applaus brandet auf. Während alle Musiker im Gesamtkonstrukt Schiller verharren (keine Eskapaden, keine Soli), füllt Kim Sanders das Ganze zumindest mit etwas Leben. Doch da ist die Doppelstunde mit Schiller schon rum, Christopher von Deylen und seine Jungs umarmen sich bis zum Gehtnichtmehr und lassen sich noch ein paar Zugaben entlocken.



Perma-Strobo hätte den Permafrost vielleicht etwas aufgelockert, aber dieser Auftritt war musikalisch etwas melodramatisch, sonst wenig lyrisch und sehr prosaisch. Ein schwächliches Schill-Out. Dann doch lieber Herbie fürs gleiche Geld.

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Foto-Galerie: Benedict Glockner

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