Scheiß drauf!

Dirk Philippi

Seinen Geburtstag zu feiern kann alles andere als [hübsch] sein - zumindest, wenn sich das Hauptaugenmerk mit dem Alter vom Geschenkehamstern auf psychopathologischen Organisationsstress verschiebt. Wo man früher fremd organisiertes Topfschlagen feierte, ist ein paar Lenze später Weitsichtigkeit und sozialpolitisches Geschick bei der Planung des eigenen Wiegenfestes von Nöten. Eine Kolumne darüber, wie es kommen kann, aber nicht kommen muss.



Tagträumereien tragen ja meist diese völlende und Seele streichelnde Befriedigung in sich, nach der man sich im Highspeed des Alltags so sehnt – zumindest bis man irgendwann mittags schweißgebadet aufwacht und senkrecht auf seinem IKEA-Sofa sitzt. So schlummerte ich mich neulich an einen grandiosen griechischen Felsstrand, zu beruhigender Sonne auf meinem Pelz und Mara und Lucia, zwei polnischen Abenteuerreisenden auf der Suche nach Spaß. Und gerade als sie mir mit einem abgerissenen Tintenfisch-Tentakel SPASS auf meinen nackten Bauch kleckern wollten, schreckte ich auf: In zwei Wochen hatte ich Geburtstag!




Keinerlei Vorbereitungen für die selbstredend erwartete Party waren getroffen. Ich schwitze – auch ohne polnische Hilfe. Nicht einmal über das Design der Einladungsflyer hatte ich mir Gedanken gemacht. Ich geriet in Panik und schnell war klar, dass ich Hilfe benötigte. Professionelle Hilfe. Vermutlich musste ich noch einen ambitionierten Berliner Grafiker im Koks-Praktikum darum bitten, mir einen Aufruf zur Feierlichkeit zu gestalten, irgendwie innovativ, aber doch so, dass der Anlass nicht schwer ersichtlich sein sollte. Also mit ´ner Zahl vorne drauf. Oder so ähnlich.

Ojemine! Und dann würde es ja erst richtig losgehen: das Einteilen des vertrauten Umfeldes in Familie, enge Freunde, weitläufige Bekannte und unbedeutende Arschgeigen. Und wo nur sollte das Fest stattfinden? Im Konzerthaus? In einer verranzten VAG-Straßenbahn? Oder auf dem Waldsee-Campingplatz in Mietzelten, vor denen jeder am Eingang von super lustigen Clowns begrüßt würde? - Ich sollte eine Agentur mit der Organisation beauftragen! Eine auf deren Vistenkarten mindestens die Begriffe „multiple show“, „event“, „concepting“ und „production“ stehen muss. Diese Festlichkeitsbeamten sind stets schwarz gekleidet und tragen immer diese coolen Kopfhörer mit Bügel und mindestens ein Walkie-Talkie pro Nase bzw. Mund. Professionell wirken sie zudem durch die zahnspangenähnliche Freisprechanlage ihres Handys (mit Thermofax- und Scanner-Funktion), die sich vom flachen Hinterkopf in ihre Wangen beißt.



Also so musste ich das machen! Und in der kommenden Woche würde ich dann ein Info-Paper vorab gefaxt bekommen mit einem skizzierten Überblick über die Ergebnisse der ersten Gehirnstürme: 11 Uhr - Get Together. 20 Uhr - Einnahme der Sitzplätze unter Anleitung des Entertainment-Duos „Pusteblume“. 20.15 Uhr - Opening des Abendmenus, musikalisch umrahmt von den Schillerlocken (spielen Klassik in elektro-avangardistischer Form und historischen Gewändern); Alternative: die lesbische Jazz-Punk-Kombo „Schlampenfieber“. Memo: Wird noch gecheckt von Laila in Absprache mit Heinz-Günter.

Sicher wird jetzt schon sein: das Dessert muss „no time“ serviert werden, weil einem bereits am Eingang „ Wir hängen schon 20 Minuten!“ zugeflüstert werden wird. Unter solchen Umständen muss der absolut schrille Straßenclown aus Paris natürlich gestrichen werden, der den Gästen stimmungsbetont Lametta anwerfen sollte. Wäre sehr schade – sehr schade. Ungeklärt ist auch noch die Frage: Wie soll ich mich auf meiner Party kleiden? Weißer Smoking, ein roter und ein schwarzer Lackschuh? Oder Kaftan und besticktes Käppi, um zu signalisieren, dass das eine ernste Sache ist mit dem Geburtstagfeiern?



In keinem Fall darf das Outfit jedenfalls von den tiefen Emotionen meiner Dankesrede ablenken. Werde ich sie via Multimedia-Installation halten, comuteranimiert mit Powerpoint und knackigen Überblendungseffekten? Oder in fast schon revolutionärer Schlichtheit, auf dem Fußboden sitzend, den rechten Arm um einen wirklich wichtigen Menschen gelegt, der mich die Welt neu zu sehen gelehrt hat? Oder gibt es gar das Video meiner Konfirmation zu sehen, bei dem ich wiederholt in Tränen ausbreche, weil ich so bescheuert aussehe? All das war nun zu bedenken.

Und als ich das neulich so denke, sehe ich mich selbst auf dieser Party – als Gast von meinem Vater, auf dem Fußboden sitzend mit seinem Arm um meine Schulter, garniert von nervösen Verwandten und lästernd fressenden Gästen und ich bin mir sicher: Ich lass den ganzen Scheiß einfach! Ich lade eine Handvoll Freunde zum Vernichten von sechs Liter Bowle ein, schmeiße eine CD in den Schacht und pfeife auf „no time“. Vielleicht kommen Mara und Lucia ja auch vorbei. Ich kann sie ja mal fragen.

Bonustrack: