Interview

Schauspielerin Stefanie Mrachacz: "Eine Wut, die viele verstehen können"

Gina Kutkat

Es ist wohl ihr wütendster Text: Kurz nach den Pariser Anschlägen 2015 schrieb Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek "Wut". Das Theater Freiburg inszeniert das Stück. fudder hat mit Schauspielerin Stefanie Mrachacz über die verschiedenen Facetten von Wut gesprochen.

Frau Mrachacz, Sie sind derzeit am Proben für das Stück "WUT" von Elfriede Jelinek. Wut ist eine sehr heftige und aggressive Emotion. Sind die Proben anstrengend?

Nein, denn Wut kommt eigentlich auch in allen anderen Theaterstücken vor, oftmals gebremster, kürzer oder in anderen Schattierungen. Wir Schauspieler haben in diesem Stück unterschiedliche Funktionen und Perspektiven. Da gibt es die Wütenderen und die nicht so Wütenden. Eine wütende Position muss nicht immer darstellerisch einverleibt sein, es gibt auch mal das Aufzeigen von Wut, ohne selber erregt zu sein. Die Wutbürger, die in unserer Inszenierung vorkommen, sind beispielsweise nicht jedes Mal am Rumbrüllen. Man kann auch die Wut in den Theatersaal bringen, ohne selber wütend zu sein.

Es laufen also nicht alle Teilnehmenden aggressiv durch die Gegend?

Es ist kein marschierender Wutchor, nein. Jedoch gibt es viel Wut, die eins zu eins spürbar ist. Wir zeigen verschiedene Wutbeauftragte: die Sich-Abstrampelnde, die Hadernde, die Verzweifelte, die Verletzte, die Traurige, die Wütende. Die Autorin Elfriede Jelinek reflektiert sich in ihren schriftlichen Werken selber. Auch sie kommt im Stück vor und ist mit Humor und Zynismus ausgestattet. Wir arbeiten nah an ihrem Text, haben aber einige dokumentarische Videoeinspielungen beigefügt.

"Der Text ist erschreckend aktuell, weil solche Taten im Zeitgeschehen immer wieder vorkommen."

Das Stück ist aus dem Jahr 2015. Jelinek schrieb es kurz nach den Anschlägen auf einen Pariser Supermarkt und die Redaktion Charle Hebdo. Musste der Text aktualisiert werden?

Eigentlich steckt in dem Text schon alles, aber wir haben mittlerweile wieder ganz neue Entwicklungen. Der Anschlag in Halle vor ein paar Tagen passt im Prinzip genau zu den Themen, die im Jelinek-Text vorkommen: Die Opfer, die Täter, die Emotionen, die Wut, das Wüten der Täter, die Wut der Gesellschaft die Ohnmacht, aber auch die Methoden, auch das Filmen, das Anmaßen von Macht. Der Text ist erschreckend aktuell, weil solche Taten im Zeitgeschehen immer wieder vorkommen.

Welche Wut-Geschichten werden in dem Stück noch erzählt?

Jelinek verwebt viele Texte und bedient sich beispielsweise in der griechischen Mythologie am Herakles-Mythos. Herakles ist ein Halbgott, der aus dem Krieg zurückkehrt, ohne Grund in einen Rausch verfällt und seine komplette Familie abschlachtet. Danach erwacht er und weiß nicht, was geschehen ist. Wir zeigen einen Herakles, der in ein Haus kommt, und alle tötet. Eine Täterschaft, die aktuell im Zeitgeschehen verankert ist, wenn die AfD zum Beispiel zum Zerstören, Selektieren und Wiederermächtigen aufruft. Bei uns kommen Stimmen aus deren Think Tank vor, genauso wie die Stimme des Björn Höcke. Stimmen, die eigentlich zum Handanlegen, zum Abschlachten, zur Selbstjustiz, zum herakliden Verhalten aufrufen.

"Wut ist eine wichtige Antriebsemotion, um sich von etwas abzusetzen und ins Handeln zu kommen."

Hat Wut genug Platz in unserer Gesellschaft? Sollten wir alle wütender sein? Meist ist sie negativ konnotiert.

Wut hat auch eine andere Seite. Wut ist eine wichtige Antriebsemotion, um sich von etwas abzusetzen und ins Handeln zu kommen. Wut hat etwas Produktives; die Frage ist nur, ob man in einen Diskurs tritt oder Selbstjustiz übt und jemanden vernichtet. Es gibt einen Unterschied zwischen Wut haben und Wut äußern. Das Stück bei uns ist eine Art Sprachrohr der Wut, die viele verstehen können. Denn jeder kann die Wut nachvollziehen, die man aufgrund des Anschlags hat. Die Wut, dass es diese Opfer gibt, die Wut als Zeuge dieser Taten und als Reaktion darauf die Wut auf die Menschen, die so etwas tun, die Wut über die Gründe dafür. Und die Wut über die Tatsache, dass Leute sich live bei so etwas filmen. Die Autorin, die mit ihren Worten durch den Abend führt, tötet nicht, sondern schreibt. Sie ist in den verschiedensten Facetten wütend: Von verzweifelt bis zynisch.
Stefanie Mrachacz, 34, ist seit der Spielzeit 2014/2015 Schauspielerin am Theater Freiburg. Sie spielt zum ersten Mal in einem Stück von Elfriede Jelinek und ist unter anderem in der Rolle der Sigmunde Freud zu sehen.

Wie war die Arbeit mit dem Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer?

Was ich sehr mag und schätze ist, dass er sehr scharfsinnig, humorvoll, waghalsig und probierfreudig ist. Er hat den Zugriff auf den Jelinek-Text frei gestaltet und viele Textstücke frech arrangiert, zusammengewürfelt und Figuren herauskristallisiert. Trotzdem sagt er, dass man sie nicht ganz verstehen kann, weil die Texte nicht stringent und logisch sind. Sie widerspricht sich, es ist ein assoziatives Strömen ihrer Gedanken, dem man folgt, dem auch wir folgen, und trotzdem schätzt er Elfriede Jelinek sehr.

Welche Emotionen sollen beim Publikum ausgelöst werden?

Der Abend haut argumentativ voll in die Pointen, es gibt dieses assoziative Strömungen auch im Bildnerischen, es werden viele Bauklötze zusammengefügt. Auch wenn die Texte von Jelinek nicht immer auf der logischen Ebene verständlich sind, sondern sich im Ganzen, durch das Durchschreiten einzelner Gedanken ergibt, haben wir den Abend so gestaltet, dass er sehr genussfähig ist – intellektuell und emotional. Man setzt sich mit etwas auseinander und nimmt etwas mit nach Hause, über das man nachdenken kann. Im besten Falle hatte man aber auch Witz, Erkenntnis und einem Abend mit ästhetischen Schauwert beigewohnt.
  • Was: Wut von Elfriede Jelinek
  • Wann: Premiere am Freitag, 18. Oktober, 19.30 Uhr, Freitag, 25. Oktober und Donnerstag, 31. Oktober
  • Wo: Theater Freiburg, Großes Haus
  • Tickets: ab 31 Euro