Schauspielerin Sandra Hüller: "Ich glaube nicht an Perfektion"

Stephan Elsemann

Sandra Hüller ist für ein Theaterstück über Courtney Love zu Gast in Freiburg. Die 30-jährige Schauspielerin hat zahlreiche bedeutende Preise für ihre Arbeit bekommen, auch einen silbenen Bären schon. In Freiburg ist sie ab Freitag im klitzekleinen Kammertheater zu sehen, bei einem Zwei-Personen-Stück – zusammen mit dem Tänzer Graham Smith. Stephan hat sich mit ihr nach der Probe getroffen und sie hat ihm verraten, wie man zur wahren Liebe findet.



Courtney Love, welche Bedeutung hat sie in deinem Leben, Sandra?

Courtney Love hat mich seit meiner Pubertät begleitet. Ich habe sie bewundert aus der Ferne. Ihre Geradlinigkeit und ihre Wut und auch, wie sie mit ihrer Wut umgeht. Da hat man ja als heranwachsendes Mädchen auch 'ne ganze Menge von.

Wie ist das mit der Wut auf der Bühne? Treffe ich nach so einer Probe einen anderen Menschen an als davor?

Ich bin jetzt natürlich entspannter, weil es gerade hinter mir liegt.

Anders herum, wie sehr begibst du dich in die Person hinein, die du spielst?

Wir wollen uns gar nicht so sehr in die Person hineinbegeben. Es geht viel mehr um energetische Zustände, um schnelle Wechsel, die in Courtneys Persönlichkeit ganz tief verankert sind. Sie ist ein Mensch, der Sachen sehr schnell abbricht oder permanent die Stimmung wechselt, wenn er will. So gesehen ist sie auch ein freier Mensch, nicht frei in sich, aber frei von Diktaten von außen. Sie wechselt ständig zwischen der Aufmerksamkeit auf sich und andere.



Sie ist ja auch eine öffentliche Person. Hat das nicht einfach damit zu tun?

Das ist sehr ambivalent. Einerseits dürstet sie nach Erfolg und nach Ruhm. Das hat ja auch die erste Hälfte ihres Lebens extrem bestimmt. Nach dem Tod von Kurt, andererseits, kann sie wiederum mit dem Erfolg nicht umgehen. Die Geister, die sie rief, bringt sie nicht mehr weg. Der Erfolg war verbunden mit einem starken Bedürfnis nach Kontrolle: Welche Bilder oder welche Texte gebe ich raus, was für Interviews gebe ich und mit wem spreche ich? Sie rechnete aber nicht damit, dass die Leute dann so tief bohren, und scheitert. Sie steht die Interviews durch, bleibt sitzen und lässt sich mit den Fragen zerstören – der totale Kontrollverlust.

Wie ist das bei Sandra Hüller und dem Glanz in der Öffentlichkeit, zum Beispiel, wenn sie einen Silbernen Bären bekommt?

Glamour interessiert mich nicht. Als Darstellerin ist es schön, wenn man das verkörpern kann. Viel mehr interessiert mich der Riss – nicht das perfekte. Ich glaube nicht an Perfektion, weder beim Menschen selbst noch in der Darstellung und auch nicht bei unserem Stück. Ich kann nur mit dem umgehen, was mir zur Verfügung steht.

Du gehst nicht über den roten Teppich?

Ich renn immer drüber….

Rebellion?

Nö, gar nicht, es zieht mich da einfach nicht hin. In Filmpremieren, auch in die meiner Filme, gehe ich, um meine Kollegen zu treffen und einen schönen Abend zu haben. Das mag die falsche Auffassung für den Beruf sein, denn Öffentlichkeitsarbeit gehört nun mal dazu, aber damit habe ich mich noch nicht abgefunden. Ich mach den Beruf nicht dieser Momente wegen.



Kannst du dem entgehen?

Bis jetzt ganz gut, ja!

Wie kommt man eigentlich dazu, Schauspielerin zu werden? Du warst auf der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin. In Freiburg gibt es ja auch eine Schauspielschule...

Ach wirklich? Wusste ich gar nicht. Peinlich...

.. und da melden sich ganz unterschiedliche Menschen an. Das sind einmal die Extrovertierten, die sich auch ohne Schule durchs Leben schauspielern. Es gibt aber auch die Schüchternen, die dort etwas für sich selbst lernen wollen...

….mal aus sich rauszukommen...

….und zu lernen, wie man das macht. Kennst du das auch?

Ich war nie so 'ne selbstbewusste, sich selbst vertrauende Person. Da hat mir die Bühne natürlich geholfen, wenn man sich plötzlich zeigen muss. Oder, wie man überzeugend Dinge behauptet, ohne zu wissen, ob sie stimmen. Damit meine ich nicht, zu lügen, aber es muss nicht jeder immer gleich sehen, was in mir vorgeht.



Und das klappt jetzt?

Ja, ich denke schon. Und man lernt sich selber ganz gut kennen dabei.

Sind Deine Erwartungen, mit denen du die Ausbildung begonnen hast, erfüllt worden?

Ich hab nicht wirklich viele Erwartungen gehabt, die einzige war Intensität. Mein Erleben sollte intensiver werden, mein Leben überhaupt. Auch die Gefühle, weil Theaterspielen Momente größer macht und auch die Zeit anhält. Und das ist auch eingetreten. Aber alles andere habe ich nicht bedacht, was es bedeutet an Disziplin, und auch, was man an Abstrichen machen muss. Ich glaube, dass jeder Mensch den gleichen Pool an Gefühlen hat. Leute weinen, lachen oder sind wütend aus unterschiedlichen Gründen. Aber diese Grundgefühle hat jeder. Interessant ist, wo sind die Öffnungen nach außen.

Courtney hatte viele Ventile....

....und kommt trotzdem nicht zu ihrem Kern. Sie versprüht und sendet ganz viel und trotzdem weiß man nichts über sie. Das interessiert mich letztlich auch an Menschen, dass wir sie gar nicht greifen können. Wenn man das akzeptieren kann, wenn ich nicht versuche, jemanden permanent zu erklären, wenn ich es schaffe, eher zu beobachten und zu sagen: Ach, so macht der das. Aha. Das versteh ich jetzt aber nicht. Na, und. Was soll's?

...und dann?

Bei Menschen, die man liebt, kommt man damit zum wahren Wesen von Liebe – vielleicht.

Oder man wird eine ernsthafte Schauspielerin....

Als ich anfing zu studieren wusste ich immer – das hört sich jetzt wahnsinnig kitschig an, ist es aber nicht – es gibt etwas in einem, was einen zum Spielen treibt. Alle diese Hürden, die dieser Beruf mit sich bringt, wenn man die nehmen will, dann muss man das wirklich, wirklich wollen. Das ist kein Spaziergang. Man muss sich sehr genau fragen, ob man spielen will oder ob man berühmt werden will. Das sind unterschiedliche Wege.



Dein Spiel ist das dann auch Beobachtung?

Ich spiele ja nicht Courtney Love. Ich habe mir kaum etwas Körperliches von ihr angeeignet. Wir haben sie ja mehr als Folie benutzt. Es geht tatsächlich um diese schnellen Wechsel. Nee, der Abend ist viel zu schnell für Beobachtung. Wir beobachten eher das Publikum. Wir sind sehr in Kontakt mit den Zuschauern.

Wie darf man sich das vorstellen?

Zunächst einmal irritierend für uns und auch für euch. Denn die Grenze zwischen Bühne und Zuschauern gibt es nicht mehr. Man würde auch lügen, wenn man die herstellen wollte in diesem engen Raum. Da geht das einfach nicht. Ich kann mich auf der Bühne nicht verstecken und ihr könnt euch auch nicht verstecken.

Das klingt leicht bedrohlich.

Keine Sorge, mitspielen muss niemand. Es ist eher so, dass ich mit euch spiele.

Mehr dazu:




Was:
pvc: For Love
Wann: Premiere am Freitag, 16. Januar 2009, 20:30 Uhr
Wo: Theater Freiburg
Tickets: 9 Euro (Theaterkasse und Abendkasse)

Weitere Vorstellungen:
Sonntag, 18. Januar 2009
Samstag, 7. Februar 2009
Freitag, 13. Februar 2009
Donnerstag, 19. Februar 2009
Sonntag, 22. Februar 2009