Schauinsland 1965: Ein Rennfahrer erinnert sich

David Weigend

Beherzt in die Kurve: In diesem NSU TTS sitzt der Freiburger Henning Volle. Zwischen 1965 und 1970 ging er bei den Bergrennen am Schauinsland stets an den Start. Wir haben ihn gestern in seinem Antiquitätenladen besucht und uns erzählen lassen, wie das damals so war. Ohne Gurtpflicht.



Vorbereitung

Irgendwann im Juli 1965. Henning Volle, wohnhaft in der Rehlingstraße, ist 20 und studiert Elektrotechnik. Volles Vater ist Blechner und interessiert sich für Motorsport. Er kauft seinem Sohn für knapp 5000 Mark einen Steyr Puch. Ein teures Geschenk, mit dem er Henning eine große Freude macht.

Der Steyr Puch ähnelt ein wenig dem Fiat 500, aber Hinterachse, Getriebe und Motor fallen deutlich sportlicher aus. 50 PS hat die Kiste. Henning will damit das Bergrennen am Schauinsland bestreiten. Keine kleine Nummer. Es ist die herausragende Motorsportveranstaltung in Deutschland.

Vor dem Zweiten Weltkrieg kamen um die 100.000 Zuschauer, nun sind es immerhin noch halb so viele. Die Menschen kommen, wandernd zumeist, einen Tag vor dem Rennen und campieren im Wald, um dann die besten Sichtplätze zu haben. Sommerfische der Prä-Southside-Ära.



Volle trainiert mit seinem Puch am Schauinsland, experimentiert mit Reifendruck und an der Vergaserdüse. Er ist unterwegs auf jenem Fahrweg, der bereits 1893 vom Freiburger Bürgerausschuss beschlossen wurde, das war noch zur Zeit des Großherzogtums Baden. 1896 war die Strecke fertig. Schotter, unbefestigt. Leitplanken kamen erst viel später.



Der ADAC, der das Rennen organisiert, bestimmt zwei Trainingstage. Beim Training muss sich Volle umstellen. Normalerweise fährt er die Strecke ganz normal auf der rechten Seite, wie jeder andere Freiburger auch. Jetzt muss er die Ideallinie finden, kann Kurven schneiden, denn Gegenverkehr gibt es keinen.

Volle erreicht das Ziel ungefähr in elf Minuten. Und er hat einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz von Auswärts. Er kennt die L 124 zwischen Bohrer und Gipfel aus dem Effeff. Wenn er die Augen schließt, sieht er jede der Kurven auf der 11, 2 Kilometer langen Strecke vor sich. Sie sind ein Teil von ihm.



Diese Kurven, für die Entscheidung des Rennens sicherlich von Bedeutung, kann man sich nicht in zwei, drei Tagen merken. Volle beobachtet Fahrer aus dem europäischen Ausland. Sie reisen eine Woche vor dem Rennen an und fahren die Strecke zigmal ab. Sie markieren die Leitplanken: Grüner Strich, gelber Strich, schwarzer Strich. Dann kommt der nächste und überspritzt es. Eine ständige Malerei. Volle verlässt sich lieber auf sein Gedächtnis.



Nach der Dokumentenabnahme bekommt er eine Startnummer, die er auf sein Auto malt. Der ADAC klassifiziert seinen Puch als verbesserten Tourenwagen, das richtet sich nach Hubraum. Grand Tourisme-Wagen, Sportwagen und Prototypen fahren in anderen Kategorien.

Showtime

Volle steigt am Bohrer in sein Wettkampffahrzeug. Er trägt lässige Freizeitkleidung und einen Helm. Feuerhemmende Unterwäsche und andere Sicherheitsvorschriften, das wird alles erst später kommen. Einen Gurt gibt es nicht in Volles Wagen, dafür riecht es nach Rennöl.



Einzelstart im Minutenabstand, man reiht sich ein in die lange Schlange. Die Trainingsschnellsten starten zuerst. Wohin man sieht: Menschen. Winkend, durchs Fernglas schauend, rufend. Als Volle startet, blendet er all das aus. Er konzentriert sich auf die Straße.

Bis zur Holzschlägermatte ist die Strecke knifflig. Die Kurven kommen Schlag auf Schlag: Forsthaus, Buchenwald, Diesendobel, Halbrainkopf, Brünnele, Weißefelsen. Zack, zack, rechts, links, rechts. Der Berg ist wie ein Boxer. Das hat Tücke. Sechs Fahrer sind in der Geschichte des Rennens ums Leben gekommen. Fritz Meyer, 1960, auf dem Motorrad, um nur einen zu nennen.



Dann fährt Volle links hinein in die Kurve zur Holzschlägermatte. Er sieht eine Wand von Menschen. Der Großteil der 50.000 steht hier. Volle beschleunigt auf 110 km/h, mehr packt sein Puch nicht. Die Leute jubeln. Volle freut sich. Die anderen, die in ihren Sport-Prototypen mit 200 durch die Matte jagen, haben dafür vermutlich keinen Blick übrig.



Gießhübelkurve, untere Rasthauskurve, Ochsenbergkurve, Rasthauskurve. Einige Sekunden später ist Volle im Ziel, unter den Seilen der Schauinslandbahn. Er atmet tief durch und stellt sein Auto ins Parque Fermé. Andere sind nicht ganz so besonnen. In ihrer Euphorie über das geglückte Rennen feuern sie ihr Auto noch mal raus, nach dem Ziel, in der Linkskurve zur Passhöhe. Die hat es in sich, manch einer kommt in die Bredouille.



Bis Ende der 1950er Jahre haben die Sieger ihrer Klassen sehr schöne Silberpokale bekommen, danach wurde der ADAC etwas knausriger. Für Volle ist heute leider kein Pokal drin. Er wird erst im Folgejahr, 1966, einen bekommen. Dennoch: gelungenes Debüt für den 20-jährigen Jungspund.



Der Dokumentar

Heute ist Henning Volle 63. Er sitzt in seinem Antiquitätengeschäft am Augustinerplatz, trägt eine blaue Weste über dem grauen Strickpulli und erinnert sich an all das, was sich vor 44 Jahren abgespielt hat. Inzwischen brummen im Wettkampf keine Rennmotoren mehr am Schauinsland, höchstens Dynamos von Fahrrädern mit Kinderanhänger. Politiker gaben dem Naturschutz Vorrang und untersagten die Veranstaltung ab 1984.

Volle fährt immer noch fast täglich durch den Bohrer, da er in Horben wohnt. Allerdings in einem ordinären VW Passat: „Es liegt mir fern, da heute auf Rennfahrerles zu machen“, sagt er. Aber die ganze Sache beschäftigt ihn immer noch. Im Sommer will er ein Buch über die Schauinslandrennen veröffentlichen.



Es werden viele Namen darin stehen, von Männern, die am Erzkasten Bestzeiten fuhren und später auch in der Formel 1 erfolgreich waren: Hans Stuck, der Bergkönig, Mario Ketterer, Rudolf Caracciola und Stirling Moss. Das waren damals Sporthelden.

Auch Bernd Rosemeyer, der das Bergrennen zur NS-Zeit dominierte und von den Nationalsozialisten dementsprechend instrumentalisiert wurde. Victor Klemperer schrieb in seiner LTI: „Das einprägsamste und häufigste Bild des Heldentums liefert in der Mitte der dreißiger Jahre der Autorennfahrer: Nach seinem Todessturz steht Bernd Rosemeyer eine Zeitlang fast gleichwertig mit Horst Wessel vor den Augen der Volksphantasie.“

Es ist dies ein Thema, das über Volles Dokumentation hinausgeht, doch kann man sich nur wünschen, dass er es nicht ganz aussparen wird. Zu gruselig sind jene Aufnahmen, auf denen man all die Menschen an der Holzschlägermatte sieht, wie sie die vorbeirasenden Autos mit der ausgestreckten Rechten grüßen.

Bildnachweis / Legende:

1: 1968, Henning Volle, Freiburg, NSU TTS
2: 1968, Fahrerlizenz Henning Volle cc historicrallyeteam.com/FIA_Europameister_2004
3: 1967, ADAC Gaumeister Südbaden: König, Tröndlin, Sportleiter Rösch, H.Volle, Brand, Strobel, Schmieder, Sum, Gallo, Himmelsbach cc siehe 2
4: 1967, Forsthauskurve, Hans Georg Anscheidt, Gerlingen, Suzuki (Fluck)
5: 1928, Rudolf Carraciola, Berlin, Mercedes, ADAC
6: 1950, Start, Heiner Fleischmann, Neckarsulm, NSU (Zimber)
7: 1959, Holzschlägermatte, B. Schondelmaier
8: 1972, 200 Xavier Perrot, CH, March 722, Werkbild Bilstein
9: 1972, 59 Dr. Gunter Wangemann, Gedr Arndt
11: 1937, Forsthauskurve, Bernd Rosemeyer, Deutschland, Auto Union (Audi Tradition)



Henning Volle sucht für sein Buch immer noch nach Filmen, Fotos, Plakaten und anderen Erinnerungsstücken an die Rennen am Schauinsland.

Kontakt: Henning Volle, Gerberau 42, 79098 Freiburg; Telefon: 0761 / 22262, mail: volle.antik@gmx.de