Schau mir beim Zocken zu: Die Live-Streaming-Plattform Twitch

Moritz Kraus

Mit Twitch kann man live übertragen, was man gerade auf seinem PC zockt. Wie das funktioniert, welche Bedeutung es für die Gaming-Szene hat und wieso Google bereit wäre, dafür eine Milliarde Dollar zu bezahlen, hat sich fudder-Autor Moritz Kraus angeschaut:



Thomas Bengtsson sitzt in Göteborg an seinem Schreibtisch (siehe Screenshot). Er hämmert in die Tasten, drückt mit aller Gewalt die linke Maustaste und murmelt etwas in sein Headset-Mikrofon. Gerade spielt er „Wildstar“. Gestern hat er „Hearthstone“ gespielt (fudder berichtete).


Klingt erst mal nicht besonders. Aber: Jeder seiner Klicks wird verfolgt – und zwar von über 50.000 Zuschauern. Denn während er zockt, streamt er über die Plattform Twitch. Kungen, wie Bengtsson in der Gaming-Szene heißt, verdient sein Geld damit. Er ist ein sogenannter Caster. Bis zu 20.000 Dollar monatlich nimmt der Schwede durch Werbeeinnahmen auf seinem Kanal KungenTV ein.

Für Hobby-Streamer und Profi-Caster

Das Prinzip ist einfach: Möchte man sein Gameplay live übertragen, braucht man nur einen Twitch-Account und eine Streaming-Software wie zum Beispiel XSplit. Hat man einen passenden Kanalnamen gewählt und ein paar Infos darüber eingegeben, kann es losgehen.

Streamer wie Kungen haben auf ihrem Screan allerdings nicht nur den Ingame-Bildschirm, sondern zusätzlich Musik, ihr Webcam-Video und im Idealfall Werbung eigener Sponsoren. Der Zuschauer soll dadurch unterhalten werden, sodass er so lange wie möglich auf dem Stream bleibt, denn zum Zuschauen benötigt man keinen Account. Dazu dient auch der eingebaute Chat, in dem die Zuschauer sich untereinander oder mit dem Caster selbst unterhalten können. Kleine Gimmicks wie Hardwarepreise oder Codes für Testversionen von neu erscheinenden Spielen, die im Chat verlost werden, runden den Entertainment-Faktor eines beliebten Twitch-Channels ab.

Herzstück der E-Sports-Szene

Mit über 45 Millionen Zuschauern pro Monat weltweit ist Twitch die bedeutendste Streaming-Plattform für die Gamer-Community. Twitch überträg die wichtigsten E-Sports-Meisterschaften und Turniere per Stream. Darunter die „League of Legends World Championships”, das Dota 2 Turnier “The International” und die schwedische Massen-LAN-Party “DreamHack”. Bei Finals schauen bis zu 300.000 Fans gleichzeitig zu.

Twitch ist außerdem beliebt bei der Community, weil Computerspiele bereits vor ihrer Erscheinung für Zuschauer zugänglich sind. Bekannte Caster erhalten meistens sogenannte „Beta-Keys“ mit denen man Spiele vorab testen darf und können so einen Einblick gewähren. Hobby-Gamer können sich auf Twitch außerdem Tipps für ihr eigenes Gameplay holen und ihren Idolen ganz nah sein. Spielzüge und Taktiken von Profis können im Stream abgeschaut und selbst nachgespielt werden.

Komm auf meinen Kanal

Seit Juni 2011 gibt es Twitch, und genau so alt ist auch ihr Partnerprogramm, das ähnlich funktioniert wie das von YouTube. Lockt man täglich konstant über 500 Zuschauer auf seinen Kanal, bietet Twitch eine Partnerschaft an. Als Partner wird der eigene Kanal um Werbeanzeigen und einen „Subscribe“-Button erweitert. Zuschauer können für fünf Dollar im Monat die Kanäle abonnieren und  dadurch ihren Lieblingskanal unterstützen. Der Streamer erhält in der Folge einen Teil der Werbeeinnahmen.

So haben sich seitdem rund 5000 Partner etabliert, die teilweise professionelle Studios errichtet haben, in denen sie Analysen der Spiele vornehmen oder vor großen Turnieren in Expertenrunden diskutieren.

Mögliche Übernahme durch Google

Als Twitch im Februar 2014 zu Spitzenzeiten rund 2 Prozent des amerikanischen Datenverkehrs erzeugte, wurden die Big Player der Branche auf das in San Francisco ansässige Unternehmen aufmerksam. Seit Ende Mai 2014 hält sich das Gerücht, dass Google kurz vor einer Übernahme von Twitch steht. Rund eine Milliarde Dollar soll Twitch der Google Corporation wert sein. Das Tochterunternehmen YouTube könnte so seine Livestream-Sparte ausbauen. Die Twitch-Community allerdings reagiert wütend auf die Gerüchte und fürchtet, dass es durch Google zu Einschränkungen kommen könnte.

Mehr dazu: