"Schau in den Lauf Hase": Die Höchste Eisenbahn gibt mit ihrem Debütalbum Vollgas

Alexanders Ochs

"Die Höchste Eisenbahn" heißt die Singer/Songwriter-Supergroup von Moritz Krämer und dem Ex-Freiburger-und-Tele-Sänger Francesco Wilking. Jetzt ist ihr erstes Album erschienen: "Schau in den Lauf Hase". fudder-Autor Alexander Ochs findet das Debüt richtig super:

Mit „Schau in den Lauf Hase“ sollte Die Höchste Eisenbahn einen echten Lauf haben: Das Album gehört zum Besten, was die deutsche Indiepop-Szene in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Ein großer Wurf. Allein der Anfang haut einen vom Hocker: Eine Sample-Orgie von 20 Sekunden, dann setzt der wütende Nuschelgesang von Francesco Wilking ein, der sich aufregt über die glattgebügelten Fuzzis aus der Versicherungswerbung. Im Refrain verleihen ein Saxophon im Stile des Gary-Rafferty-Klassikers „Baker Street“ und wabernde Synthesizersounds dem Eröffnungssong des Albums ein höchst tanzbares 80ies-Flair. Und so geht es weiter: Zitate, Assoziationen und Anspielungen. Doch bevor man Gefahr läuft, von der Höchsten Eisenbahn überfahren zu werden – zurück zum Anfang. Im Grunde ist das Album der Band um Tele-Sänger Francesco Wilking und Singer/Songwriter Moritz Krämer die Geschichte einer Bahn-typischen Verspätung. Wobei diese Bahn genau ein Jahr zu spät kommt.


Die Floskel „Das Warten hat sich gelohnt“ umreißt nicht deutlich genug, was für ein Geschenk diese Kollaboration der beiden aus der Regio stammenden und schon lange nach Berlin abgewanderten Musiker darstellt. Viel dazu beigetragen haben die beiden anderen Bandmitglieder Felix Weigt an Bass und Tasten sowie Schlagzeuger Max Schröder (Der Hund Marie, Tomte). Weigt, der schon bei so unterschiedlichen Künstlern wie Lena, Tim Bendzko und dem hervorragenden Kid-Kopphausen-Album (2012) mitgewirkt hat, verziert die Songs liebevoll und einfallsreich mit warmen Keyboard-Klängen vom Yamaha DX7.

Schröder tupft ein watteweiches Beatgerüst dazu. Fertig ist ein fluffiger, ausgefeilter Pop, der mal mit Discobeats galoppiert und dann wieder mit afrikanischen Anklängen loshoppelt wie im Titelsong „Schau in den Lauf Hase“. Die ICE-gleich losratternde Single „Was machst du dann“ steht exemplarisch für die gelungenen Texte („Wenn du nicht mehr weißt / Wie du heißt / Und der Gerichtsvollzieher um die Wohnung kreist / Was machst du dann?“) und das verstärkte Hitpotenzial, das einige der Songs ausstrahlen – anders als noch bei der vor Jahresfrist erschienen, eher folkpoppigen EP und anders als zum Beispiel bei den Tele-Alben. Überraschend, wie homogen die Platte geworden ist. Der eher hohe, bisweilen ins Falsett kippende, leicht nölige Schlafzimmergesang von Wilking und der brüchige, silbenverschluckende Vortrag von Krämer – sie harmonieren bestens. In manchen Songs wechseln sie sich strophenweise ab, andere gehören einem jedem ganz allein. Die Texte bieten großes Kino: geradezu epische Geschichten im Kleinformat, fein gesponnen von beiden: von Aliens auf dem Weg zum Spätkauf über Sex im Bienenstock bis hin zu blauen Augen – blau geschlagen, wohl gemerkt. Das ganze Album: ein mehrgleisiges Vergnügen. Krämer und Wilking bilden hier tatsächlich so etwas wie eine Singer/Songwriter-Supergroup. Schade nur, dass das neue Genre mit dem frühen Tod von Nils Koppruch vor einem Jahr einen herben Dämpfer erhalten hat. Immerhin – was da möglich ist, loten Wilking-Krämer-Weigt-Schröder auf ihrem Debüt aus. Jetzt muss es sich nur noch seinen Weg bahnen auf die Erfolgsschiene.

Nur der hinreißend hässliche Strickpullover auf dem Cover gehört unter die Räder.