Hörbare Erinnerungen

Schallplatten aus der Asche von Verstorbenen

Marcel Anders

Traditionelle Bestattungen waren gestern – heute lassen sich kremierte menschliche Überreste sogar in Vinyl pressen. Wann kommt der Trend nach Deutschland?

Die gute, alte Schallplatte feiert ihr Comeback als Tonträger. In Großbritannien übernimmt sie noch eine weitere Funktion: Da ist es möglich, menschliche Asche in Plattenspieler-taugliches Vinyl zu pressen – und zum hörbaren Erinnerungsstück an Verstorbene zu machen. Der Mann, der diese Idee hatte, heißt Jason Leach und strebt 2018 auch auf den deutschen Markt.

"In meiner Familie ist es Tradition, dass die Männer aufs Meer rausfahren, um die Asche ihrer Väter zu verstreuen", erzählt der hagere Mittvierziger in der britischen Hafenstadt Scarborough, im Nordosten von England. "Dabei kommt es allerdings immer wieder vor, dass der Wind sie nicht aufs Meer bläst, sondern zurück aufs Boot. Das ist auch mir passiert, als ich mit meinem Vater und meinem Onkel versucht habe, meinen Großvater zu bestatten. Das war so ekelig, dass ich mir sagte: Ich hätte meine Asche lieber in Vinyl gepresst. Das wäre angenehmer für alle, und dann könnte ich auch noch eine Botschaft für die Nachwelt hinterlassen."


Leach ist eine Frohnatur – und ein Lebenskünstler. Er war Techno-DJ, Besitzer einer Plattenfirma und eines Schallplattenladens, ehe er 2006 unfreiwillig in Asche badete – und die Idee seines Lebens hatte. Schon seine erste Homepage, mit der er eigentlich nur die Resonanz der Öffentlichkeit testen wollte, sorgte für Aufsehen: "Ich hatte einen Sensenmann, der statt einer Klinge eine Plattennadel trägt – und dazu witzige Slogans wie: Weiterleben hinter dem Groove. Das Ganze war ein großer Spaß, düster, aber witzig. Die Leute sind sofort darauf angesprungen. So sehr, dass ich mich vor Interview-Anfragen kaum retten konnte."

Das Medieninteresse hat Leach zum regelrechten Popstar der Bestattungsindustrie gemacht. Denn die Generation Popkultur, die gerade ausstirbt, ist genauso Vinyl-affin wie die aktuelle Generation DJ. Sprich: Die Zielgruppe ist riesig und besteht nicht zuletzt aus Kunden, die ein ausgefalleneres Erinnerungsstück wollen als ein Grab oder eine Urne. Und die eine Schallplatte in Mini-Auflage als Kunstwerk erachten – mit einer Spielzeit von 15 Minuten pro Seite, die individuell zu gestalten ist. "Normalerweise sind die Wünsche sehr persönlich und obskur", sagt Leach.

"Wobei ich meinen Kunden rate, auf gesprochenes Wort zurückzugreifen – von der Sprachbox eines Mobiltelefons oder alten Videokassetten. Denn bei Musik besteht die Gefahr, dass sie zwar dem Verstorbenen, aber keinem anderen gefällt. Das kann ich an meiner Tochter und meiner Frau festmachen, die zwar mich lieben, aber nicht meine Musik. Von daher ist das Beste, was man auf so eine Platte presse kann, der Klang einer Stimme."

Nicht nur die Spielzeit ist nach Gusto zu gestalten. Auch beim Cover und bei Form wie Farbe des Vinyls sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Der Kunde, so Leach, müsse nur bedenken, dass die Tonqualität wegen der Asche nicht ganz so gut ist, wie bei einer herkömmlichen LP. Und dass sich die Herstellung kostspielig gestaltet, weil es sich um Handarbeit und geringe Stückzahlen handelt. Da gilt das Prinzip: Je ausgefallener und aufwändiger, desto teurer. "Es gibt jede Menge Optionen, wie Doppelvinyl im Klapp-Cover, farbiges oder durchsichtiges Vinyl, Single oder Maxi. Der Preis liegt bei 1000 bis 3000 Pfund für bis zu 30 Platten."

Nach mehreren Hundert Vinyl-Alben in Großbritannien will Leach 2018 auch nach Deutschland expandieren. Zwar herrscht hierzulande eine gesetzliche Bestattungspflicht für die Asche von Verbliebenen. Aber seit das Bundesland Bremen private Beisetzungen zulässt, zeichnet sich eine Liberalisierung ab. Deutsche Partner würde Leach sofort finden.

Wie den Berliner Bestatter Eric Wrede, der ursprünglich aus der Musikindustrie kommt: "Ich finde, das ist eine charmante Idee", konstatiert er in seinem Geschäft am Prenzlauer Berg. "Eine Schallplatte mit einem Cover, das mein Bild ziert, und auf der sich meine Lieblingsmusik befindet – wie gut ist das denn, bitte schön?"